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Fortpflanzungsmedizin

Die Kinderlosen

von Seraina Kobler / 04.04.2016

Unfruchtbarkeit ist ein Phänomen, das sich immer weiter ausbreitet. Während die einen keine bekommen können, entscheiden sich andere bewusst gegen Kinder – zumindest für eine gewisse Zeit.

Das Drama um die ungewollte Kinderlosigkeit ist fast so alt wie die Menschheit selbst. Im Alten Testament wird die Unfruchtbarkeit als Strafe Gottes beschrieben, die zur Todsünde des Neides verführte. So traten Lea und Rahel, die beiden Frauen Jakobs, in einen regelrechten „Gebärwettstreit“. Obwohl Jakob mit beiden Schwestern verheiratet war, liebte er nur Rahel wirklich. Als Gott das sah, schenkte er Lea die Fruchtbarkeit und machte Rahel unfruchtbar. Lea gebar ein Kind nach dem anderen. Rahel wurde krankhaft eifersüchtig. Erst als sie vor lauter Kummer dem Tode nahe war, bekam sie doch noch einen Sohn. Heute versteht die Weltgesundheitsorganisation unter Infertilität die Unfähigkeit eines Paars, eine Schwangerschaft in die Wege zu leiten und zu Ende zu führen. Dies, wenn nach zwei Jahren mit ungeschütztem Geschlechtsverkehr keine Empfängnis eintritt. Die Begriffsdefinition stammt noch aus einer Studie, die in den Vereinigten Staaten von M. J. Whitelaw durchgeführt und in den sechziger Jahren veröffentlicht wurde.

Konsum statt Nachwuchs

Seither hat sich die Situation verändert. Das Durchschnittsalter der Erstgebärenden in der Schweiz ist seit 1975 von 27 Jahren auf fast 31 Jahre angestiegen. Dies hängt einerseits mit den vielfältigen Methoden zur Verhütung von Schwangerschaften zusammen, andererseits haben sich die gesellschaftlichen Gewohnheiten verändert. War früher die Gründung einer Familie das höchste Lebensziel, sind heute – zumindest temporär – andere Bedürfnisse in den Vordergrund gerückt. Frauen sind besser ausgebildet, steigen später in den Beruf ein und wollen zuerst dort weiterkommen. Männer schrecken eher vor der Familienplanung zurück, weil sie durch die Berufstätigkeit der Frau mehr mit anpacken müssen. Weiter sind sie rechtlich im Falle einer Trennung oft schlechtergestellt als die Frau. Es drohen jahrelange Unterhaltspflichten und der partielle Verlust der Kinder. Mit der Zunahme des Wohlstands sind auch die Konsumwünsche gestiegen. Selbst Paare mit niedrigeren Einkommen können sich heute regelmäßige Restaurantbesuche und luxuriöse Ferienreisen leisten – wenn beide verdienen und sie dafür auf Kinder verzichten.

Die gewollte Kinderlosigkeit passt zum Zeitgeist einer Generation, die sich nicht so recht festlegen mag und deren Lebensvorstellungen vom klassischen kleinbürgerlichen Ideal abweichen. Die Individualisierung trägt dazu bei, dass sich die Partnersuche schwieriger als früher gestaltet. Gerade jüngere Menschen in der Schweiz bevorzugen gemäß einer neuen Auswertung des Bundesamtes für Statistik ein unabhängiges Leben als Single.

In der Folge wird der Kinderwunsch, wenn überhaupt einer da ist, auf später verschoben. Von den rund 84.000 Paaren, die sich im Jahr 2014 hierzulande entschieden haben, eine Familie zu gründen, betrug der Anteil von Müttern im Alter zwischen 30 und 34 Jahren exakt 38 Prozent. Weitere 30 Prozent hatten die Mitte ihrer Dreißiger schon überschritten. In diesem Alter beträgt ihre Fruchtbarkeits-Quote gemäß Zahlen des Universitätsspitals Zürich noch 55 Prozent. Ab dem vierzigsten Altersjahr sinkt diese auf 30 Prozent, bis sie sich kurz vor den Fünfzigern dem Nullpunkt nähert. Bei vielen der 6.000 Paare pro Jahr, deren Kinderwunsch unerfüllt bleibt, ist das fortgeschrittene Alter das Problem. Während es früher dann bald einmal hieß: „Jetzt ist es halt so“, kann heute eine Vielzahl von Maßnahmen ergriffen werden, die zum ersehnten Nachwuchs führen sollen.

In-vitro eröffnet Möglichkeiten

Eine Möglichkeit, das Dilemma zwischen Berufs- und Kinderwunsch zu umgehen, ist das sogenannte „Social Freezing“. Dafür werden unbefruchtete Eizellen eingefroren, um sie zu einem möglichen späteren Zeitpunkt für eine In-vitro-Fertilisation zu verwenden. In der Schweiz ist das Verfahren zugelassen, die Verwendung beschränkt sich aber auf einige hundert Frauen jährlich – noch. Dies dürfte auch an der zeitlichen Beschränkung von fünf Jahren für die Aufbewahrung liegen. Mit dem neuen Fortpflanzungsmedizingesetz würde diese auf zehn Jahre ansteigen.

Getreu dem Motto „Spare in der Zeit, dann hast du in der Not“ prognostizieren Mediziner der Methode eine rosigere Zukunft. Am einfachsten ist und bleibt es, auf dem natürlichen Wege Kinder zu bekommen. Die rund 10.000 Abtreibungen im Jahr dürften aber auch ein Hinweis darauf sein, dass sich diese nicht immer zum gewünschten Zeitpunkt einstellen.