Luis Alvarez Marra/Flickr

Dr. Strangelove

Die King Kongs von der Kölner Domplatte

von Milosz Matuschek / 22.01.2016

Zeit für ein paar vergleichende Überlegungen über die west-östliche Flirtkultur.

Seit Silvester in Köln scheint es nur noch ein Thema zu geben: die angeblich aggressive und frauenfeindliche Einstellung von Arabern, Nordafrikanern und Muslimen. Ist hier eine besondere, kulturell bedingte Aggressionspraxis am Werk, die sich da in sexuellen Übergriffen äussert? Eine Art arabisch-muslimische Rape Culture gar?

Von den Irrungen und Wirrungen rund um Liebe, Partnerschaft und das moderne Geschlechterverhältnis, darüber schreibt Milosz Matuschek alias Dr. Strangelove in seiner Kolumne.

Über 650 Anzeigen soll es inzwischen wegen der Vorfälle in besagter Nacht geben. Das sind sehr viele, vor allem, wenn man den sprunghaften Anstieg betrachtet. Die Überlegung, dass ein Teil der Anzeigen auch nur erfunden sein könnte, ist dabei weder abwegig noch „waghalsig“. Falschbeschuldigungen sind bei Sexualdelikten nicht selten, das Flüchtlingsthema ist politisch umstritten und emotional aufgeladen; warum sollte es hier nicht auch das Phänomen der Trittbrettfahrerei geben? Vergewaltigungsvorwürfe und -gerüchte gegenüber Ausländern und Flüchtlingen, die sich als haltlos herausgestellt haben, häuften sich zuletzt zudem (siehe zum Beispiel hierhierhier hier und hier).

Die Urangst des Frauenraubes

Nun geht es sicher nicht darum, die Vorfälle von Köln in Abrede zu stellen oder herunterzuspielen. Schon gar nicht aus falscher Rücksicht auf den ausländischen Hintergrund der Verdächtigen. Doch viel zu oft legt sich bei undeutlicher Faktenlage eine Hintergrunderzählung als Schablone hinter das Geschehen und gibt die Richtung des Denkens vor. In diesem Fall: die Urangst des Frauenraubs durch Wilde. „King Kong“ auf dem Kölner Domplatz! Der Justizminister Heiko Maas sprach von „Zivilisationsbruch“ (das war bisher eine Vokabel, die man auf Auschwitz anzuwenden pflegte) und anthropologisch-zoologisch zweideutig von enthemmten „Horden“; letzteres ist ein Wort, das sich etymologisch unter anderem auf türkisch-mongolische Heeresverbände zurückführen lässt. Damit gehen die ersten Kippschalter im Kopf schon mal in eine bestimmte Richtung.

Doch zurück zum Hauptvorwurf, Araber seien nunmal frauenfeindlich und sexuell aggressiv. Die Bewohner mancher Region rund um das Mittelmeer pflegen in der Tat oft noch ein archaisches Männlichkeitsideal, das der Soziologe Pierre Bourdieu in Anlehnung an einen Landstrich Algeriens „kabylisch“ nannte. Hier hat alles seine „Ordnung“. Das Ober-Unter-Verhältnis zwischen Mann und Frau kennt noch die klare klassische Aufteilung, ebenso sind die Vorstellungen von viril auf der einen Seite – nämlich kriegerisch, aggressiv, stark – und weiblich auf der anderen Seite, nämlich fruchtbar, rein und unterwürfig, im traditionellen Lot. Und da wäre ja auch noch der Islam, der ziemlich eindeutig die Züchtigung der Frau durch den Mann erlaubt und jedem modernen Westeuropäer unter anderem deshalb nur archaisch vorkommen kann. In Anbetracht der kabylisch-islamischen Vorstellungen über die Rolle der Frau müsste man im Westen eigentlich sofort zum Feminismus konvertieren.

Die courtoisische Wende

Fehlt der arabisch-muslimischen Welt neben der Aufklärung also auch eine Zeitenwende in Sachen Flirtverhalten? Eine Art Zivilisierung der amourösen Anbahnung? Hier wird es kompliziert – und historisch etwas ungemütlich. In der griechischen Mythologie (unserer Kultur nicht ganz fremd) galt noch der Raub als das ursprüngliche Kontaktritual. Zeus hat sich in Gestalt eines Stiers der Göttin Europa einfach bemächtigt. Bei uns finden sich Ansätze der Raubkultur bis in die moderne Literatur. So schreibt der französische Schriftsteller Stendhal über das Phänomen der „sinnlichen Liebe“: „Auf der Jagd einem hübschen, frischen Bauernmädchen zu begegnen, das sich in den Wald flüchtet. Solche Liebesfreuden kennt jeder. So nüchtern und unglücklich ein Mensch ist, auf diese Weise fängt man mit sechzehn Jahren an.“ 

Seit dem 12. Jahrhundert galt jedoch durch das Aufkommen der Minne das umgekehrte Prinzip als Ideal. Die Liebe wurde in das Ermessen der Frau gestellt. Der Troubadour verehrte seine Dame, er praktizierte servile Distanz und pflegte einen Reinheits- sowie Jungfrauenkult. Die Courtoisie, das höfische Liebesideal, zivilisierte die Kontaktformen und kolonisierte ganz Europa und die Welt zuerst als sektenhafte Glaubensrichtung („Kirche der Liebe“), dann in Romanform und schließlich als Hollywoodmärchen.

So eine ordentliche Nachhilfestunde in Sachen Courtoisie und westlicher Zivilisation hätte den Arabern von Köln also gut getan, meinen wir? Wenn nicht nur alles noch komplizierter wäre: Das höfische Liebesideal ist leider nicht vom Himmel gefallen und durch Zufall im Languedoc in Südfrankreich gelandet, von wo aus es sich in Europa verbreitete. Das Ideal der Courtoisie, aus dem später unsere Romantik erwuchs, hat seine Ursprünge wohl in der arabischen Mystik und in der Glaubenslehre des Manichäismus, kam also aus dem Irak und Iran über Spanien beziehungsweise Kleinasien und den Balkan nach Frankreich und Italien. Die orientialische Liebesgeschichte „Madschnun Leila“ stammt aus dem 7. Jahrhundert und ist ein Art Urfassung von Romeo und Julia (sowie Vorlage für ein gutes Lied von Eric Clapton). Die heutige westliche Romantikkultur wurde ursprünglich also erfunden von – Achtung, tief durchatmen, liebe teutonische Leitkulturwächter – homosexuellen arabischen Minnesängern.

Die arabischen Täter von Köln haben nicht nur unsere Werte missachtet, sondern ihre eigenen gleich mitverraten. Sie bräuchten wahrlich eine Nachhilfestunde, die etwas früher ansetzt.