Luca Bruno / AP

Über den Zeitgeist

Die Kraft des langen Atems

Meinung / von Christian Weisflog / 07.09.2016

Die Hoffnung auf ein demokratisches Ende der Weltgeschichte ist einer Zukunftsangst gewichen. Aber auch wenn der Weg zur globalen Freiheit steiniger ist als erwartet, falsch ist der deshalb nicht.

Es ist zum Verzweifeln mit dieser Welt. Sie scheint nicht mehr zu sein, was sie noch vor kurzem war: Geld ist nichts mehr wert, Amerikas altehrwürdige Demokratie verkommt zu realem Trash-TV, ein aggressives Russland, islamistischer Terror und aufkeimender Nationalismus erschüttern das europäische Friedensprojekt. Es ist, als ob eine gemütliche Flussfahrt unerwartet eine böse Wendung nimmt. Wie wenn ein leises Rauschen in der Ferne immer lauter wird. Warten hinter der nächsten Flussbiegung bloss ein paar tückische Stromschnellen, ein gefährliches Wehr oder gar ein tödlicher Wasserfall? Oder handelt es sich am Ende doch nur um eine irrationale Sinnestäuschung? Unruhe kommt auf. Die Ersten wollen weiter, die Zweiten suchen nach einem sicheren Ufer, die Dritten würden am liebsten rückwärtsrudern.

Freiheit auf dem Rückzug

Dabei sah die Zukunft nach dem Untergang der Sowjetunion vor 25 Jahren doch so rosig aus. Das westliche Modell der liberalen Demokratie ging als Sieger aus dem Kalten Krieg hervor. Die Richtung schien klar vorgegeben – auch für den amerikanischen Philosophen Francis Fukuyama: Jeder Mensch strebe nach Anerkennung, schrieb er 1992 in seinem Buch „Das Ende der Geschichte“. In diesem Sinne wird der Mensch erst durch den Kampf für die Anerkennung seiner Freiheit, Würde und Gleichberechtigung überhaupt zum Menschen. Und weil laut Fukuyama kein anderes System dieses Streben nach Anerkennung besser befriedigen könne, müsse sich die liberale Demokratie am Ende der Geschichte weltweit durchsetzen.

Fukuyama teilte die Welt in einen posthistorischen und einen historischen Teil ein. Im ersten Teil stehen demokratische Staaten in friedlicher Konkurrenz zueinander, einzig getrieben durch wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Fortschritt. Im zweiten, historischen Teil gibt es noch keine stabile Ordnung, keine gefestigten Nationen und Grenzen. Es kommt immer wieder zu Kriegen, Revolutionen und Umstürzen. Aber durch die homogenisierende Wirkung von Märkten, Wissen und Technologie bewegen sich auch diese unruhigen Regionen letztlich zwangsweise auf ein liberales Ende der Geschichte zu. So hoffnungsvoll sah die Zukunft zu Beginn der 1990er Jahre aus. Die Gegenwart ist ernüchternd: In den vergangenen zehn Jahren ist die Freiheit weltweit auf dem Rückzug. In der Statistik der amerikanischen Nichtregierungsorganisation Freedom House sind Länder, in denen die Repression zunimmt, gegenüber Staaten, die liberaler werden, Jahr für Jahr in der Überzahl. 2015 lautete das betrübliche Ergebnis 72:43.

Beunruhigend erscheint die Verletzbarkeit der „posthistorischen“ Gesellschaften angesichts der Gegenwehr durch Russland und islamistische Netzwerke, denen es erstaunlich leicht gelingt, für ihre reaktionären Ideen im Westen Verbündete zu finden.

Die Gründe für diese Entwicklung sieht Freedom House unter anderem im Aufstieg Chinas und dessen Wahrnehmung als Erfolgsmodell in den Entwicklungsländern. Hinzu kommt ein aggressives, revanchistisches Russland, das in einen neostalinistischen Militarismus zurückgefallen ist. Und darüber hinaus haben die durchzogene Bilanz des Afghanistan-Feldzuges sowie das weitgehende Scheitern der Intervention im Irak und danach des Arabischen Frühlings die westliche Wertegemeinschaft derart verunsichert, dass sie in Syrien einfach zuschaut, wie ein Diktator mit russischer und iranischer Hilfe die sunnitische Bevölkerungsmehrheit massakriert. Die USA wollen nicht mehr alleine führen, und die zerstrittenen Europäer machen sich lieber zum Spielball der Weltgeschichte, anstatt die eigenen Reihen zu schliessen.

Dass die „historische Welt“ nicht eine Generation nach dem Ende des Kalten Krieges im liberalen Zeitalter angekommen ist, erscheint indes weder tragisch noch überraschend. Ein solcher Prozess gestaltet sich natürlich viel länger und blutiger. Dabei lässt er sich nur beschränkt erzwingen. Nach den euphorischen 1990er Jahren tut diese ernüchternde Erkenntnis nur gut. Beunruhigend hingegen erscheint die Verletzbarkeit der „posthistorischen“ Gesellschaften angesichts der Verwerfungen in der „historischen Welt“, aber auch der Gegenwehr durch Russland und islamistische Netzwerke, denen es erstaunlich leicht gelingt, für ihre reaktionären Ideen im Westen Verbündete zu finden.

Wenn sich Fukuyama in etwas getäuscht hat, dann wohl in der Strahlkraft des Korans: „Der Islam trifft bei Jugendlichen in Berlin, Tokio oder Moskau auf keine Resonanz“, schrieb er 1992. Heute wissen wir, dass in Europa sozialisierte Jugendliche, die in ihren liberalen Gesellschaften zu wenig Anerkennung finden und von fanatischen Hasspredigern angestachelt werden, bereit sind, wahllos Mitbürger zu töten. In den Moscheen gelingt es den oft ausländischen Imamen, im Namen der Religionsfreiheit unter den muslimischen Einwanderern ein konservatives Weltbild zu zementieren, das schwer mit liberalen Grundwerten zu vereinbaren ist. So bekommt das für demokratische Gesellschaften wichtige „Wir-Gefühl“ problematische Risse.

Es gibt Versäumnisse in der Integrationspolitik, die behoben werden müssen. Eine Debatte über die Grenzen der Toleranz von Einwanderungsgesellschaften soll erlaubt sein.

Zu optimistisch eingeschätzt hat Fukuyama zudem die homogenisierende Wirkung des technologischen Fortschritts. Während autoritäre Regime ihre Bevölkerungen überraschend erfolgreich von abweichenden Meinungen abschotten, nutzen sie im Westen das freie Internet, Satellitenfernsehen oder eigene Auslandsender, um ihre Propaganda ungefiltert zu verbreiten. Das kann wie im vergangenen Januar so weit gehen, dass Spitzenpolitiker in Moskau aufgrund eines erfundenen Fernsehbeitrags über ein angeblich von Immigranten vergewaltigtes russlanddeutsches Mädchen die russische Diaspora in Deutschland gegen die Regierung in Berlin aufhetzen.

Die Gefahr der Langeweile

Die derzeitige Verunsicherung aber einzig mit äusseren Einflussnahmen zu erklären, greift zu kurz. Es gibt Versäumnisse in der Integrations- und Religionspolitik, die angesprochen und behoben werden müssen. Eine Debatte über die Grenzen der Toleranz oder der Aufnahmefähigkeit von Einwanderungsgesellschaften soll erlaubt sein. Wenn aber rechtspopulistische Kräfte wie die AfD in Deutschland, der Front national in Frankreich oder Donald Trump in den USA bewusst rassistische Ressentiments schüren, die Gesellschaft spalten und dabei offen mit Putins autoritärem Regime flirten, kann es für Demokratie und Rechtsstaat gefährlich werden. Insbesondere, wenn auch Politiker der Mitteparteien aus reinem Machtkalkül in den Chor einstimmen, anstatt Führungsverantwortung zu übernehmen. Nicolas Sarkozys Aufruf zu einem Burkini-Verbot in der Verfassung ist ein Beispiel dafür. Solche überhasteten Massnahmen treiben die in der grossen Mehrheit friedlichen Muslime erst recht in die Arme der Fundamentalisten. Sie lenken zudem davon ab, dass Frankreich und Europa eigentlich keine Burkini-Verbote, sondern Wirtschaftsreformen und mehr Zusammenarbeit benötigen.

Zu leicht vergessen wir zudem, dass der Einwanderungsdruck eine Folge des liberalen Erfolgsmodells ist – in gewissem Sinne also ein Luxusproblem. Dies indes hatte Fukuyama richtig vorausgesehen: „Die grösste Gefahr für die Demokratie wird unsere eigene Verwirrung darüber sein, was wirklich auf dem Spiel steht.“ Der 63-jährige Philosoph war sich bewusst, dass die menschliche Seele eine rastlose und abenteuerlustige Seite in sich trägt, die allein durch Frieden und Wohlstand nicht zu befriedigen ist. Ein Rückfall in die Geschichte könne deshalb aus reiner Langeweile und Saturiertheit geschehen. Die rechtsnationale Wende in Polen, ein Land ohne Migrationsdruck oder schwere Wirtschaftskrise, ist womöglich ein Beispiel dafür. Ohne Not versucht die Regierung in Warschau die Gewaltenteilung auszuhebeln. Der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk hat im vergangenen Dezember in der „Welt“ die Sehnsucht seines Volkes nach Helden und Opfermythen beschrieben. Nur nach individuellem Wohlstand und Freiheit zu streben, reiche den Polen nicht aus: „Was soll das auch für eine Idee sein, dass wir reicher werden? Ein Witz.“

Islamismus hat nichts ausser Gewalt anzubieten

Wahlen, Gewaltenteilung und Kompromisse, das mag alles nicht besonders spannend klingen. Zu was für einem sinnlosen Gemetzel grosse ideologische Heilsversprechen führen, hat uns indes das vergangene Jahrhundert gezeigt. Russland inszeniert sich derzeit als autoritäre Alternative, dabei steht und fällt seine prekäre Stabilität mit Putins Herzschlag und den Rohstoffpreisen. Ob China seine wachsende Mittelschicht und seine rasant alternde Bevölkerung ohne politische Partizipation bei Laune halten kann, wird sich erst zeigen müssen. Der Islamismus hat nichts ausser Gewalt anzubieten. Und letztlich wird es auch unter den zahlreichen Völkern und Religionsgruppen im Nahen Osten erst einen dauerhaften Frieden geben, wenn sich ihre Mitglieder gegenseitig als frei und gleichwertig anerkennen. Bemerkenswert ist auch, wie sich Südamerika gerade von seinen sozialistischen Experimenten zu verabschieden scheint. Wir sollten uns vom lauter werdenden Rauschen deshalb nicht beirren lassen und vom eingeschlagenen Weg abkommen, auch wenn er schwieriger ist als erwartet. Liberale Demokratien haben gewöhnlich den längeren Atem.