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Ein Tag voller Glück

Die krampfhafte Suche nach dem Glück

von Yvonne Widler / 02.01.2016

Sophia kennt das alles. Die Studien und Experten, die sagen, Glück könne man lernen. Es sei eine reine Übungssache. Sie weiß, dass bestimmte Menschen einfach glücklicher sind als andere, weil ihnen das von Mutter Natur mitgegeben wurde. Einiges in Sophias Leben ist nicht so gelaufen, wie sie sich das vorgestellt hatte. Und gerade vom Beginn eines neuen Kalenderjahres versprechen sich die Menschen auffällig viel. Denn vor allem anderen wünscht man sich gegenseitig eines: Glück.

Sophia befasst sich gerade viel mit dem Glücklichsein. Sie surft im Internet, liest Bücher, führt Gespräche. Die junge Frau weiß, dass einschlägige Psychologen und Menschen, die sich als Glücksforscher bezeichnen, sagen, jene von uns, die eher im Hier und Jetzt denken und fühlen, seien glücklicher. Man soll seine Erwartungen niedrig halten. Soll sich nicht mit anderen vergleichen. Jene Menschen, die Dinge einfach akzeptieren und weniger werten, seien glücklicher. Okay, denkt Sophia sich, dann konzentriere ich mich auf das Hier und Jetzt. Ein Tag, ohne an die Vergangenheit und ohne an die Zukunft zu denken.

Sie steht an diesem Donnerstagmorgen auf, stolpert völlig übermüdet wie jeden Tag in die Küche und trinkt ihren Kaffee mit einem Schuss Milch. Erst mal Facebook öffnen und nachsehen, ob sie Nachrichten oder Einladungen erhalten hat. Und was sonst so auf der Welt geschehen ist in dieser kurzen Nacht. Sophia schläft nämlich nicht sehr gut. Schon das kleinste Geräusch weckt sie auf, ihre Sorgen über das Leben sind oft zu laut, um sie in ihren Träumen vergessen zu können.

Du leuchtest nicht

Keine neuen Nachrichten. Trotzdem muss sich Sophia bereits in aller Früh ärgern. In ihrer Timeline befindet sich eine für ihren Geschmack an Dummheit kaum zu übertreffende Masse an „Positive Life Quotes“, also „motivierenden Lebensweisheiten“. Mit jedem Scroll steigt die Anzahl an gehaltlosen Sprüchen. So etwas kann ein Mensch doch nur in einem Zustand kompletter geistiger Umnachtung posten, denkt sich Sophia. Auf hässlichen Bildern stehen Sprüche in noch hässlicherer Schrift. „Stars can’t shine without darkness“ oder „Jeder Tag ist eine neue Chance“.

Sie schmunzelt. Beim Versuch, andere nicht zu bewerten, ist sie jedenfalls schon um neun Uhr früh gescheitert. Aber das zumindest sehr erfolgreich. Es ist doch bemerkenswert, was manche Menschen in den sozialen Medien teilen. Wie soll man da nicht werten oder kommentieren? Und warum sollte man es nicht tun? Ist es nicht die direkte Aufforderung zu reagieren? Fast schon die Bitte nach einem: „Nein, nicht jeder Tag ist eine neue Chance!“ Oder: „Ja, Sterne leuchten im Dunklen. Das ist eine absolut wahre Aussage. Aber was genau hat das mit dir zu tun? Du bist weder ein Stern noch leuchtest du.“ Schon klar, positive Psychologie und so.

Es ist jener Schlag Menschen, der von anderen als „Sonnenschein“ bezeichnet wird. Jener Schlag Menschen, der Emojis und Herzchen in einem Maß verwendet, das vermuten lässt, er oder sie könne vielleicht einfach nicht schreiben. Es ist jener Schlag Menschen, der sich über alles freut, alles sehr spannend findet. Jener Schlag Menschen, der Sarkasmus nur schwer versteht und sich beleidigt fühlt, wenn man nicht alles total toll findet. Es ist jener Schlag Menschen, der nach dem Lesen des neuen Buchs von Selbsthilfe-Guru Tim Ferriss sofort Dinge wie Hands-on in seinen Lebenslauf schreibt – im Sinne der immer optimistischen, frischen und jungen Start-up-Mentalität, die man schon fast sektenmäßig versprühen möchte. Es ist jener Schlag Menschen, der „Ich zeichne mit dem Finger ein Herz in den Sand und springe dann in die Luft“-Fotos aus dem Urlaub postet. Es ist jener Schlag Menschen, der am Samstagabend zu Refugee-Welcome-Techno-Partys geht und in der After-Hour am Tag danach immer noch denkt, er würde damit tatsächlich etwas Gutes tun.

In Wirklichkeit, denkt sich Sophia, gibt es nichts Oberflächlicheres, als solche sinnbefreiten Sprüche zu posten.

Akzeptiere es einfach

Als sie einige Zeit später auf einen Artikel mit dem Titel „Menschen, denen pseudo-philosophische Zitate gefallen, sind weniger intelligent“ stößt, ist sie beruhigt. Endlich. Die Studie ist die Legitimation, die Poster von Lebensweisheiten als Dilettanten zu bezeichnen. Das macht glücklich. Obwohl sie sich dessen auch schon längst ohne Studie bewusst war.

Das „Duckface“
Credits: martakat83/Flickr

Was Sophia jedenfalls nicht glücklich macht, ist, Facebook-Freunden dabei zuzusehen, wie sie ein Selfie nach dem anderen, in der immer gleichen dämlichen Mimik posten. Duckface sagt man anscheinend dazu. Oder ganz aktuell: Fish gape. Hier haben die ausführenden Protagonisten den Mund leicht geöffnet.

Defriend-Attacke. 23 Menschen weniger, über die sie sich ab heute ärgern muss. Das hat gutgetan. Auch wenn das nicht nach Glücks-Protokoll war, aber irgendwann ist Schluss mit dem Akzeptieren, denkt sie sich. Ich akzeptiere einfach, dass ich diese Dinge nicht weiter akzeptieren möchte. Damit rettet sie sich aus der Schuld, nicht nach dem „Glücks-Plan“ gehandelt zu haben.

Sophia dreht den Computer ab und blättert in ein paar Zeitschriften. Stefanie Sargnagel. Egal wo sie hinsieht, sie kommt an der roten Baskenmütze nicht vorbei. Genauso wenig wie an Wanda, Vea Kaiser und den anderen üblichen Verdächtigen, die Wien angeblich gerade umkrempeln. Das ist so typisch, denkt sich Sophia. Da wird eine Handvoll Figuren so lange gehypt, bis sie keiner mehr sehen und hören kann. Und Wien ist übrigens nicht Berlin. Das ist auch gut so.

Aber Sophia verdrängt die Gedanken. Nicht werten. Nicht heute. Sie will doch heute glücklich sein.

Es hat Spaß gemacht

Willst du glücklich sein, dann geh raus und unternimm etwas, hat ihr ein guter Freund geraten. Sitz nicht nur rum. Was liegt näher, als die aktuelle Ausstellung „The Happy Show“ zu besuchen. Die Räumlichkeiten des Wiener MAK sind in grellem Gelb bemalt. Darauf handschriftliche Notizen vom Künstler Stefan Sagmeister. Er sagt von sich selbst, dass er seit Jahren dem Glück auf der Spur ist. Das will er nun mit dieser Ausstellung mit der Menschheit teilen. Gleich beim Eingang wird Sophia darauf hingewiesen, dass sie nach dem Besuch nicht glücklicher sein wird. Gut so, denkt sie sich. Nicht, dass sie das auch nur eine Sekunde gedacht hätte.

Wie bei jeder Ausstellung wandern die Besucher wie die Lemminge von Bild zu Bild, von Visualisierung zu Installation. Es ist nett, hier zu sein, denkt sie sich. Beim Eingang gibt es Ingwer-Bonbons zur Entnahme. Sie steckt sich ein paar in ihre Tasche. Sophia streift durch die Gänge und beobachtet die Menschen hier. Sie sind ruhig, manche zeichnen glückliche Tiere auf gelbe Zettel, andere haben Kopfhörer auf und sehen sich die Filme an, die gezeigt werden. Neben Sophia steht eine blonde junge Frau. Sehr groß, zu groß eigentlich. Und als Sophia ihre unappetitlich abgekauten Fingernägel sieht, mit denen sie über ihr Smartphone streicht und dabei ein gekünsteltes Happy-Face-Foto von sich und ihrer Freundin auf Instagram hochlädt, verlässt Sophia den Raum. Schnell weg.

Es stimmt, Sophia ist nicht glücklicher, als sie beim Ausgang steht, aber es hat zumindest etwas Spaß gemacht. Im Hier und Jetzt.

Wo bleibt die Lebensfreude?

Es ist kalt. Der Wind bläst Sophia ins Gesicht. Sie flüchtet in das Kaffeehaus gegenüber. Es ist sehr gemütlich hier. Sie beobachtet die Menschen. Sie erzählen von ihrer Arbeit, vom letzten Urlaub. Oder vom nächsten. Sophia packt eines der Bücher aus, das sie sich besorgt hat. Der Autor meint, es gebe eigentlich zur zwei Formen des Glücks. Begehren und Genießen. Sie liest weiter. Im nächsten Kapitel steht, Glücksfähigkeit bedeute nicht nur zu lernen, mit negativen Emotionen umzugehen. Psychotherapien konzentrierten sich zu sehr darauf, den Leuten die Symptome der Angst zu nehmen. Es fehle aber das Befassen mit der Lebensfreude. Zum Glück gehören vor allem Bewegung und Sex. Denn diese Dinge setzen Hormone frei, die glücklich machen. Sophia schlägt das Buch wieder zu und bezahlt den Kakao, den sie getrunken hat.

Nach einem kurzen Spaziergang und einem ausgedehnten Telefonat mit einer guten Freundin, die ihr ihre Liebesdramen detailliert geschildert hat, wirft sie sich zu Hause angekommen in ihr Couch-Outfit. Jogginghose, Schlabberpulli und warme Socken. Dazu gibt es Pfefferminztee und Kekse. Sie freut sich darauf, sich gleich in die warme Decke einzurollen und weiterzulesen.

Nur kein Glückstagebuch

Wohlstand, gesellschaftlicher Status, Geschlecht, Intelligenz oder Alter würden nicht über unser Glück entscheiden. Viel wichtiger sei es, sich an Probleme anzupassen. Ein unbeschwertes Leben mache nicht glücklich. Wichtiger sei es, mit schwierigen Ereignissen umgehen zu können. Bei dem Satz „Führen Sie ein Glückstagebuch über Glücksmomente und lesen Sie das immer wieder durch“ legt sie das Buch zur Seite. Ich kann gerne ein Tagebuch führen, so wie früher, als ich ein kleines Mädchen war. Aber ob das ein Glückstagebuch wird, ist fraglich, denkt sich Sophia.

„Jeder Tag ist eine neue Chance. Außer, du bist alt.“ So einen Spruch sollte man posten, kommt ihr in den Sinn. Sie lacht. Sie schnappt sich ihren Computer und entwirft eigene Sprüche.

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Sie surft im Internet. Sophia muss gar nicht erst suchen, um ständig auf Rezepte für das Glück zu stoßen. Sie liest von einem Mann, der fünf Jahre lang jeden Moment seines Lebens auf Video aufgenommen hat. Danach findet sie eine Erklärung, warum unter 35-Jährige heutzutage so unglücklich sind. Und überhaupt: Liebe mache als größte zwischenmenschliche Macht stark und glücklich. Sie findet zahlreiche Wegweiser zum Glücklichsein, Selbsttests, zehn goldene Regeln zum Glücklichsein, sie liest über einen Mann und eine Frau, die ihr Glück in Charity-Aktionen gefunden haben, bis sie schließlich bei dem Philosophen Byung-Chul Han angelangt ist, der sagt, er frage gar nicht erst nach dem Glück.

Auch nicht der Reichtum

Schier endlos scheinen die Versuche, das Glück zu erklären oder Anleitungen dafür zu konstruieren. Schier endlos scheint die Sucht danach, glücklich zu werden. Sophia hat für heute genug gelesen. Einmal abends noch Facebook öffnen und sehen, ob es Nachrichten oder Einladungen gibt. Nichts.

Kurz bevor sie den Computer für heute endgültig abdrehen will, kommt ihr in ihrer Timeline dieser Steve-Jobs-Beitrag unter, den gerade alle teilen. Ein Foto mit einem hageren Mann, kurz vor seinem Tod, darunter seine letzten Worte. Unter anderem steht da:

In diesem Augenblick, wo ich in einem Krankenbett liege und auf mein ganzes Leben zurückblicke, verstehe ich, dass all die Anerkennung und all der Reichtum, worauf ich so stolz war, an Wert verloren haben vor dem Gesicht des kommenden Todes. In der Dunkelheit, wenn ich die grünen Lämpchen der Lebenserhaltungsmaschinen beobachte und mir das mechanische Brummen dieser Maschinen anhöre, fühle ich die Atmung des Todes immer näher auf mich zukommen. Jetzt weiß ich, dass wenn wir genug Reichtum angehäuft haben, wir uns komplett andere Fragen im Leben stellen müssen, die mit Reichtum nichts gemeinsam haben … Non-Stop im Erreichen des Reichtums macht einen Menschen zu einer Marionette, was auch mir passiert ist … Wenn ein Mensch sich einem Operationstisch zubewegt, dann versteht er auf einmal, dass es noch ein Buch gibt, das er noch nicht zu Ende gelesen hat – und das ist „Das Buch über ein gesundes Leben“. Es ist nicht wichtig, in welcher Lebensetappe wir uns gerade befinden. Jeder von uns wird früher oder später zu diesem Moment kommen, wo der Vorhang für ihn fallen wird. Dein Reichtum – das ist die Liebe zu deiner Familie, das ist die Liebe zu deiner Gattin und deinem Gatten, das ist die Liebe zu deinen Nächsten. Passt auf euch auf und sorgt euch um die anderen.

Sophia dreht den Computer ab. Sie blickt aus dem Fenster. Irgendwie ist doch alles auf eine sehr ungesunde Weise zutiefst glücksverseucht, denkt sie sich. Doch das darf man nicht laut sagen. Glück darf man doch nicht schlecht finden.

Es bleibt genau das übrig, was Sophia ohnehin wusste. Familie ist wichtig. Eine gute Beziehung ist etwas, was Menschen zufrieden sein lässt. Freunde, die man gerne hat und denen man vertraut, mit ihnen sollte man sich umgeben. Und lachen. Menschen, die einen zum Lachen bringen, sind wichtig. Genauso wie ein Job, den man gerne ausübt. Und selbstverständlich sollen alle Menschen, die man liebt, und man selbst immer gesund sein. Ein paar Urlaube im Jahr wären auch förderlich für das Glücksempfinden, ebenso wie regelmäßige Gehaltserhöhungen und ab und zu Sport. Und Sex, der macht auch glücklich. Manche finden ihr Glück in der Religion. Sophia nicht. Wenn etwas richtig Schlimmes passiert, dann bittet sie einen Gott, an den sie nicht glaubt, ihr doch ein kleineres Übel zu schicken.

Am Ende des Tages

Als denkender Mensch nicht zu werten, ist jedenfalls äußerst schwierig. Seine Erwartungen herunterzuschrauben, damit man nicht enttäuscht werden kann, irgendwie armselig, denkt sich Sophia.

Am Ende des Tages will Sophia nichts mehr vom Glück hören. Vielleicht wären wir alle ein bisschen glücklicher, wenn wir nicht ständig versuchten, krampfhaft glücklich zu sein, denkt sie sich und steckt sich das Ingwerbonbon von der Ausstellung in den Mund. Sie spuckt es sofort wieder aus, es schmeckt furchtbar.

 

Fotocredits (Flickr): Vogel: Tambako The Jaguar, Sonnenuntergang: Golf Resort Achental, Sprung: Marina del Castell