Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Die Kunst des „Nicht gleich“

Gastkommentar / von Peter Strasser / 01.12.2015

Gerade hatte mich die Lebenskunstmarginalie des Chefs eines kleinen, feinen Literaturverlags – dort war eine stattliche Anzahl der Werke von Peter Handke erschienen – in innere Turbulenzen gestürzt: „Man muss sich ja nicht gleich einer vita contemplativa hingeben und sich im Herbst vor einen Baum setzen und warten, bis das erste Blatt fällt, dann das zweite, dann man selbst.“

Was sollte ich mit diesem Ratschlag anfangen? Sollte ich mich unter einen Baum setzen und warten – oder sollte ich nicht? Und wenn ich mich „nicht gleich“ unter einen Baum setzen musste, um mich einer vita contemplativa hinzugeben, musste ich mich dann überhaupt jemals einer hingeben?

Es gibt Ratschläge, die uns wissen lassen, wie wir leben sollten, indem sie uns gleichzeitig wissen lassen, dass wir so nicht zu leben brauchten. Überhaupt scheint die Lebenskunst darin zu bestehen, guten Ratschlägen zu folgen, die, indem sie ausgesprochen werden, ihrer eigenen Unverbindlichkeit huldigen: „Nicht gleich.“

Handkes Ernsthaftigkeit eingedenk, beschloss ich, mich heute stur-kontemplativ unter den größten Baum im Hof meines Hauses zu setzen. Zwar trägt dieser Baum, soweit durchs Fenster erkennbar, nur noch ein einziges Blatt; und außerdem ist es über Nacht frostig geworden …

Schon eine Viertelstunde später habe ich mich, in Hauspatschen beim Frühstückstisch, eines Besseren besonnen: Ich muss ja nicht gleich darauf warten, bis das letzte Blatt fällt – und dann ich selbst, oder?

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.