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Syrien

Die Länder des Nahen Ostens brauchen keine starken Männer

von Andreas Mink / 25.01.2016

Mohammad Ali Atassi, Filmemacher und Spross einer prominenten syrischen Politikerfamilie, sieht die Zukunft seines Landes mit Zuversicht – trotz des Kriegs.

Mohammad Ali Atassi hebt die Stimme. „Baschar al-Assad ist mental ganz grundsätzlich nicht zu Verhandlungen bereit! Seine Familie regiert Syrien nach dem Prinzip von Herren und Sklaven.“ Atassi hat persönlich erfahren müssen, wie die Assads ticken. Sein Vater Noureddin al-Atassi schlug zunächst eine Laufbahn als Arzt ein und gehörte dann zu den jungen Radikalen der Baath-Partei. Von 1966 bis 1970 war Noureddin al-Atassi Präsident von Syrien. Dann übernahm Hafez al-Assad die Macht und ließ Atassi inhaftieren. Erst zwei Monate vor seinem Tod kam der Politiker 1992, bereits schwer krank, wieder frei.

Ali Atassi war damals 25 Jahre alt. Das Schicksal des Vaters machte eine politische Karriere undenkbar. In mehreren Sprachen gewandt, wurde er jedoch als Journalist und Filmemacher ein prominenter Kritiker des Assad-Regimes. Die vermutlich kommende Woche in Genf anlaufenden internationalen Friedensgespräche zu Syrien betrachtet der lebhafte Mann mit großer Skepsis. Regierungsvertreter aus Damaskus seien vollkommen von Assad abhängig, und die Oppositionsgruppen stünden weitgehend unter dem Einfluss regionaler Patrons wie der Türkei und Saudi-Arabiens. Assad selbst habe die Fäden nicht mehr in der Hand; vielmehr folge er dem Diktat Irans und vor allem Russlands.

Dennoch bleibt Atassi Optimist. Längerfristig sieht der 49-Jährige keine Zukunft für das Assad-Regime. Er schöpft seine Zuversicht aus dem Arabischen Frühling von 2011 und hält einen Triumph bürgerlicher Freiheiten in Syrien für unvermeidlich: „Die friedlichen Rebellionen von Algerien bis Jemen sind eine Errungenschaft, hinter die es kein Zurück geben kann. Hier haben arabische Zivilgesellschaften ein für alle Mal ihren Anspruch auf Demokratie und Freiheit angemeldet.“ Eine Entfernung Assads würde das Chaos in Syrien zwar zunächst verstärken. „Aber ein Neubeginn ist nur ohne ihn und nach Neuwahlen unter internationaler Aufsicht denkbar.“

Ruf nach Bürgerrechten

Auch die Französische Revolution habe Jahrzehnte von Gewalt, Tyrannei und Chaos eingeläutet, sagt Atassi. „Die brutale Reaktion Assads auf den Arabischen Frühling spaltet die syrische Gesellschaft und wirft die Menschen zurück auf ihre Stämme und Religionsgemeinschaften. Gleichzeitig sind wir eine Arena geworden, in der andere Staaten ihre Konflikte austragen. Aber wie in Frankreich kann der Bürgerkrieg Demokratie und Gerechtigkeit nicht auf Dauer verschütten.“ Atassi würdigt den Arabischen Frühling zudem als Beweis dafür, dass die 1918–21 von Briten und Franzosen geschaffenen Nationalstaaten im Nahen Osten keinen „starken Mann“ brauchen, der die verschiedenen Ethnien und Religionsgemeinschaften aus der Konkursmasse des Osmanischen Reiches zusammenhält: „Vor fünf Jahren haben Araber und Muslime der Mär eine Abfuhr erteilt, sie seien nicht reif für ein demokratisches Miteinander.“ Der Ruf nach Bürgerrechten bestätige, dass es im Nahen Osten nationale Identitäten gebe: „Wer einen syrischen Pass trägt, betrachtet sich als Bürger und fordert als solcher Rechte und Freiheiten in seinem Land ein.“ Dies sei eine Absage an die Terrororganisation Islamischer Staat, die die nationalstaatlichen Grenzen zugunsten ihres „Kalifats“ auflösen will.

Atassis Argumente stellen einen geistesgeschichtlichen Bruch dar. Im französischen Mandat Syrien (1923–46) blühten Ideologien wie der arabische Nationalismus und der Baathismus, die nach dem Zweiten Weltkrieg zunehmend versagten und der Legitimation von Diktatoren wie den Assads und Saddam Hussein im Irak dienten.

Einem arabischen Nationalismus sozialistischer Prägung verpflichtet, zog die Baath-Partei auch Offiziere aus Minderheiten wie den Alawiten Hafez al-Assad an. Die Partei ergriff 1963 durch einen Militärputsch die Macht in Damaskus, und drei Jahre später wurde Noureddin al-Atassi Präsident.

Sein Sohn Ali studierte Bauingenieur in Damaskus. Anschließend ging er für ein Geschichtsstudium an der Sorbonne nach Paris. Die vergebene Hoffnung auf Reformen nach dem Tod von Hafez al-Assad im Juni 2000 bewegte ihn zum Exil in Beirut. Dort wurde er als Dokumentarfilmer und Feuilletonist bei der liberalen Zeitung „An-Nahar“ tätig. In seinem letzten Film „Our Terrible Country“ (Unser schreckliches Land, 2014) porträtiert Atassi arabische Intellektuelle und ihr Verhältnis zu Macht und Staatsgewalt. Mit minimalem Budget gedreht und stilistisch dem italienischen Neorealismus verwandt, folgt der Film dem Oppositionellen Yassin al-Haj Saleh auf einer Odyssee durch die Zerstörungen des syrischen Bürgerkrieges in das Exil nach Istanbul. „Our Terrible Country“ soll Atassis Landsleute als einzelne Menschen greifbar machen und stellt einen Gegenentwurf zu der gängigen Wahrnehmung von Syrern als anonyme Masse von Opfern und Flüchtlingen dar.

Mitschuld des Westens

Das Exil lastet auf Atassi. Er hat den langen Arm des Regimes auch in Beirut zu spüren bekommen, etwa als Freunde ermordet wurden. Über seine weitere Verwandtschaft in Syrien mag der geistreiche und humorvolle Gesprächspartner aber nicht reden. Er hält sich an seiner Arbeit fest – sein Film erntet auf internationalen Festivals Preise.

Was die Syrien-Politik des Westens – und dessen Indifferenz – betrifft, ist Atassi äußerst kritisch: „Wer zulässt, dass Assad sein Volk bombardiert – nach dem Gebrauch von Chemiewaffen und Fassbomben –, beteiligt sich indirekt an Verbrechen gegen die Menschlichkeit.“ Der Glaube an die Notwendigkeit „starker Männer“ hat zu seinem Leidwesen wieder Konjunktur. Speziell US-Präsident Barack Obama habe die Chancen des Arabischen Frühlings verschenkt: „Er hat nicht versucht, Assad von der Bombardierung syrischer Zivilisten abzuhalten.“ Atassi sympathisiert zwar mit dem Bestreben Obamas, die Rolle der USA im Nahen Osten zu reduzieren. Aber dadurch habe Obama ein Vakuum geschaffen, das von äußeren Mächten, aber auch vom Islamischen Staat gefüllt werde. „Obama sollte mit seinen eigenen Werten von Demokratie und Freiheit in Übereinstimmung kommen. Unterlässt er das weiterhin, gibt er Putins Russland freie Hand – und wir Syrer zahlen den Preis.“