KOLUMNE

Die Morgengesundbeterin

Meinung / von Peter Strasser / 07.11.2015

Halloween, das war einmal. Und gerührt war ich, als ich die Kleinen umherflattern und durcheinanderplappern sah – „Süßes oder Saures!“ –, besonders die Hexen in ihren Tüllkostümen und spitzen Hüten, beklebt mit allerlei Glitzertand.

Und da, mitten hinein in meine Rührung über die unter nachtschattigen, frivolen Gewändern steckende Unschuld (irgendwo da drunter steckten auch meine Enkeltöchter E. und H.), sagte mein Kollege, der Afrikakenner, der gerade bei uns zum Tee war, als wir unsere Zuckerlvorräte plünderten, um sie der kreglen Rotte vor unserer Türe auszuhändigen: „Heute werden mehr Kinder als Hexen misshandelt, verstümmelt und abgeschlachtet, als es das ganze christliche Mittelalter hindurch der Fall gewesen ist.“

Mein Kollege ist ein notorischer Spaßverderber.

Er kann nichts dafür, so ist er halt. Schön, aber seither zucke ich zusammen, wenn ich das Wort „Hexe“ höre, so, wie heute Morgen im Radio: „Nicht nur in Kenia häufen sich die Hexenmorde; aus Uganda, Tansania, Mosambik, Burkina Faso, Nigeria und Südafrika kommen ähnliche Berichte.“ Die sanfte Stimme einer Pastorin lässt mich wissen, dass evangelikale Kirchen vor Ort den Exorzismus schüren, um Macht über die Seelen zu erlangen. Irgendwie kommt dann die sanfte Stimme noch auf den Glauben, die Hoffnung und die Liebe zu sprechen.

An diesem Morgen nehme ich es der Morgengesundbeterin übel, dass sie keine Morgenverderberin sein will. Halloween, das war einmal.

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.