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Bürgerliches Familienmodell

Die neuen Alten

von Nina Fargahi / 30.10.2015

Die Großelternschaft gehört zu den letzten intakten Zügen des bürgerlichen Familienmodells. Doch es bröckelt. Dass Großeltern ihre Enkel hüten, ist keine Selbstverständlichkeit. NZZ-Redakteurin Nina Fargahi über Großeltern auf Achse.

Großeltern von heute sind beschäftigt. Das weiß auch Hanna Hinnen, 68 Jahre alt und Großmutter zweier Enkel. Vor sechs Jahren war sie bei der Gründung des Thinktanks „Großmütter-Revolution“ dabei. Die Plattform, welche vom Migros-Kulturprozenten unterstützt wird, möchte ein neues Großmutter-Bild prägen. An Seminaren treffen sich die Frauen, vernetzen sich in Arbeitsgruppen und tauschen sich aus zu bestimmten Themen wie zum Beispiel „Wohnen im Alter“ oder „Freiwilligenarbeit“.

Hinnen sagt: „Ich gehöre nicht zu jenen Großmüttern, die an zwei Tagen pro Woche die Enkel hüten.“ Das Interview gibt sie am Tag bevor sie nach Kroatien in die Ferien reist. Ihre Enkel sieht sie durchschnittlich zwei Mal im Monat. „Ich stehe zur Verfügung bei Bedarf, aber ich habe mein eigenes Leben“, sagt sie. Im Rahmen der „Großmütter-Revolution“ organisierte sie letztes Jahr eine Protestaktion gegen die Beschaffung von Kampfflugzeugen. Unter dem Motto „Krippen statt Gripen“ versammelten sich 300 Demonstranten auf dem Bundesplatz in Bern. „Großmütter-Revolution“ besteht laut Hinnen hauptsächlich aus Frauen der 68er-Generation, die schon für das Frauenstimmrecht gekämpft hatten. Bald 1.000 Mitglieder zählt der Thinktank, der von einer sogenannten Matronatsgruppe geführt wird.

Hohe Erwartungen

Weil die Menschen in Europa generell länger leben und gesünder altern als je zuvor, ist die Großelternschaft für viele Leute ein aktiv gelebter Lebensabschnitt geworden. Die Babyboomer, die nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurden, sind ins Großelternalter gekommen. So unterschiedlich die Großmütter und Großväter sein mögen und so vielseitig ihr Lebensstil ist – sie haben auch Gemeinsamkeiten: Sie sind meist relativ fit, gebildet und engagiert. Viele Großeltern, so wie Hinnen, verbringen zwar gerne Zeit mit ihren Enkeln, messen aber anderen Aktivitäten eine ebenfalls starke Bedeutung zu. Gleichzeitig ist die gesellschaftliche Erwartung an sie hoch; da die mittlere Generation häufig berufstätig ist und die Betreuungsangebote für Kinder sich lückenhaft und teuer gestalten, ist die Unterstützung der Großeltern gefragt. In der soziologischen Literatur werden sie als „family watchdogs“ oder „national guards“ bezeichnet. Diese Begriffe beziehen sich auf die Leistung, die Großeltern in Familie und Gesellschaft erbringen. Laut dem Generationenbericht Schweiz beträgt die Wirtschaftsleistung durch die Großelternarbeit rund 2 Milliarden Franken pro Jahr; 80 Prozent werden durch die Großmütter geleistet. Vorbei sind die Zeiten, als vor allem die Großeltern von ihren Kindern abhängig waren, die ihnen durch das Leben halfen. Heute ist es häufig umgekehrt.

Pflegebedürftige Eltern

Georg Gindely, Chefredaktor des Magazins Grosseltern, kennt viele Beispiele, welche die Leistung der Großeltern verdeutlichen: „Großeltern holen die Enkel von der Schule ab, erledigen Hausaufgaben mit ihnen, begleiten sie zum Fußballtraining und springen in Notsituationen ein“, sagt er. Mithilfe der Großeltern gelinge der mittleren Generation die Vereinbarung von Familie und Beruf. Doch vergessen werde, dass auch viele Großeltern versuchen müssen, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen. Denn eine große Zahl von ihnen ist noch im Berufsleben eingebunden, engagiert sich freiwillig und hütet nicht nur Enkelkinder, sondern betreut zudem ihre eigenen Eltern. Es gebe deshalb auch überlastete Großeltern; vor allem dann, wenn sie es allen recht machen möchten und sich nicht trauten, ihre Bedürfnisse anzumelden.

Als Gindely und sein Team letztes Jahr die Zeitschrift auf die Beine stellten, wussten sie, dass derzeit ein gesellschaftlicher Wandel stattfindet. „Das zeigte sich auch am Namen unseres Magazins“, sagt Gindely rückblickend. Vor allem jüngere und frischgebackene Großeltern hätten zu Beginn teilweise Mühe gehabt, wenn sie ein Heft mit dem Namen Grosseltern geschenkt bekommen hätten. Die Leute seien zwar sehr gerne Großeltern, aber sie schätzten die Bezeichnung oft nicht besonders, weil man von Großeltern noch immer viele Klischeebilder im Kopf habe. „Wir hoffen, mit unserem Magazin dazu beizutragen, den Begriff neu zu besetzen“, sagt Gindely. Die heutigen Großeltern seien für die Gesellschaft unentbehrlich und nähmen so aktiv am Leben teil wie nie zuvor.

Dies trifft auf Rosmarie Bucher zu. Sie ist 57 Jahre alt, hat drei Enkelkinder, ist vollzeitlich berufstätig und steht mitten im Leben. Ihre eigene Mutter ist bald neunzig und lebt noch im Luzerner Bauernhaus, in dem Bucher aufgewachsen ist. „Erst kürzlich haben wir von uns ein Foto der vier Generationen gemacht“, sagt sie und zeigt das Bild auf ihrem Smartphone. Bucher sieht ihre Enkelkinder wöchentlich. Anders als Hinnen würde sie jedoch gerne noch mehr Zeit mit ihnen verbringen, interessiert sich auch dafür, wie anders sie aufwachsen, was sie lernen. „Früher berechnete ich einen Dreisatz ganz anders, als dies heute in der Schule gelehrt wird“, sagt sie. Die Mathematik sei wie die Erziehung von Kindern: Es gebe immer wieder neue Erkenntnisse, doch wichtig sei, dass das Resultat stimme. Weil Bucher noch fit ist, unternimmt sie mit den Kleinen meistens etwas. Für sie seien die Enkel wie ein Jungbrunnen. „Sie bringen mich auf andere Gedanken und auf neue Ideen.“

Auch der Soziologe François Höpflinger spricht von Verjüngung, wenn es um die Beziehung der Großeltern zu ihren Enkeln geht. Die positiven Aspekte liegen für ihn auf der Hand: Die Kinder lernten durch ihre Großeltern ihre Wurzeln kennen und erführen, wie das Leben früher war. Oft würden sie von den Großeltern verwöhnt, und manchmal fänden sie über die Großeltern die Jugendsünden der eigenen Eltern heraus. Die Großeltern wiederum hielten sich à jour und verlören den Anschluss an die Gesellschaft nicht. Und die mittlere Generation erfahre dadurch eine Entlastung.

Bürgerliches Familienideal

Die Großelternschaft habe in den letzten dreißig Jahren eine Aufwertung erfahren, sagt Höpflinger: „Die Beziehungen zwischen den drei Generationen waren noch nie so gut wie heute.“ Wirtschaftliche Absicherung, gute Gesundheit im Alter und weniger Wertekonflikte seien Gründe dafür. Gleichzeitig spricht Höpflinger von einer „sozialromantischen Vorstellung von Großeltern“. Die Großelternschaft stelle die letzten intakten Züge des bürgerlichen Familienmodells dar, das unter anderem auf dem Ideal gründe, eine enge Beziehung zu den Enkeln zu haben. Doch auch die Beziehungsqualität sei wichtig. „Im europäischen Ländervergleich zeigt sich, dass Großeltern in Italien zwar intensiver die Enkel betreuen als in Schweden, doch in Schweden betreuen sie sie häufiger. Und dies, obwohl es in Schweden mehr Krippen gibt.“ Das liege unter anderem daran, dass die Großeltern in Schweden die Zeit mit ihren Enkeln weniger als Pflicht denn als Privileg betrachteten. Die Schweiz bewege sich diesbezüglich näher bei Italien.

Gegen vorgegebene Rollenbilder

Einige Großmütter, wie zum Beispiel Hinnen, beginnen langsam, sich von den normativen Verpflichtungen als Großeltern loszusagen. Jene, denen die Chance zu einem langen Leben zufällt, wollen den dritten Lebensabschnitt neu gestalten und anders leben als früher. Sie wehren sich dagegen, in eine gesellschaftlich vorgegebene Rolle zu schlüpfen, die sich vor allem über ihre Enkel definiert. Obwohl auch sie gerne Zeit mit ihren Enkeln verbringen.