Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Die nicht-signifikanten Anderen in meinem Gesicht

Gastkommentar / von Peter Strasser / 20.06.2016

„Seid ihr alle daaaaa?“, hat in meiner Kindheit der Kasperl aus seinem Kasperltheaterkasten heraus geschrillt und dabei mit seinem Kopf gewackelt, sodass wir Kinder dachten, ihm müssten gleich die Ohren wegfliegen. Und wir haben alle geantwortet: „Jaaaaa!“

Mir kommt Kasperls Frage jetzt in den Sinn, während ich mein Gesicht im Badezimmerspiegel betrachte. Ich gebe zu, dass ich dabei die Augen zudrücke. Wem ich was zugebe, ist mir freilich nicht recht klar, da ich beim Nichtbetrachten meines Badezimmerspiegelmorgengesichts allein im Badezimmer bin.

Aber bekanntlich ist man ja nie allein. Kaum schlägt man die Augen auf, sind sie alle da. Sie haben sich im Kopf eingenistet, über die vielen Jahre hin, man weiß weder ihre Namen, noch kennt man ihre Gesichter. Es ist die anonyme Masse der, wie die Psychologie lehrt, „nicht-signifikanten Anderen“.

Mache ich, nach einem Moment des tiefinnerlichen Missmuts, meine Augen auf, dann sind sie schon alle da – da, in meinem Gesicht, welches mir zugleich abgedroschen vertraut und fühllos fremd erscheint. Ich bin ich im Spiegel, das ist mir unangenehm; aber ich bin auch alle anderen. „Ich ist Nicht-Ich“, lehrte Fichte, der Erzidealist, der sicher keinen Badezimmerspiegel hatte, oder?

Ich mache also, wie jeden Morgen, meine Augen auf und rufe meinem Konterfei missvergnügt entgegen: „Seid ihr alle daaaaa?“ Da höre ich draußen E., meine ältere Enkeltochter, die mir quietschvergnügt durch die Badezimmertür antwortet: „Jaaaa!“

Und plötzlich gehört mein Gesicht wieder mir. Das ist schön.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).