Morgengrauen

Die nur für sich selbst sprechen …

Gastkommentar / von Peter Strasser / 20.01.2016

Auf ihrer Bluse trägt sie ein Schildchen: „Achtsamkeitstrainerin“. Sie sagt, weil sie achtsam sei, könne sie nur für sich selbst sprechen. Sie ist mir heute Nacht im Traum erschienen, um mit mir zu trainieren, nur für sich selbst zu sprechen.

Kurz, sie glaubt nicht, dass ich wirklich einer sei, mit dem man gerne tanzen gehen möchte (ich bin Nichttänzer), aber bitte, das sei nur ihre persönliche Meinung, so, wie sie die Dinge sehe, so und nicht anders. Ich sage ihr, dass ich überhaupt nicht tanze und sie sich daher auch nicht darum zu bekümmern brauche, ob sie mit mir tanzen gehen möchte.

An diesem Punkt fühlt sie nun eine gewisse aggressive Abwehr meinerseits, denn, wie sie mir versichert, komme es ja weder darauf an, ob ich mit ihr tanzen gehen möchte oder nicht; es sei auch unwichtig, ob ich überhaupt jemals das Tanzbein geschwungen hätte. Sie habe als Achtsamkeitstrainerin nur für sich selbst sprechen wollen.

Nur. Darauf verschwand sie aus meinem Traum, und mein Traum verschwand mit ihr.

Sobald ich aufgewacht bin, drehe ich mich zu meiner schlafenden Frau, um sie zu fragen, ob sie mit mir tanzen gehen möchte. Schlafend sagt sie: „Jetzt nicht.“ Entspannt schlafe ich wieder ein. Nicht auszudenken eine Welt, in der alle nur für sich selbst sprechen würden, weil niemand sich in die Angelegenheiten anderer einmischen wollte.

Wodurch könnte man sich denn mehr in die Angelegenheiten anderer einmischen als dadurch, dass man sie wissen lässt, man spreche immer nur für sich selbst?

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.