22. April 1915 – französische Opfer des ersten deutschen Chlorgaseinsatzes bei Ypern.

Die Frau des Giftgas-Erfinders

Die Perversion der Wissenschaft

von Roswitha Schieb / 23.10.2015

Clara Immerwahr war Menschen- und Frauenrechtlerin, Chemikerin – und die Frau Fritz Habers, der nicht nur Kunstdünger entwickelte, sondern auch Giftgas. Dagegen lehnte sie sich auf. Nach dem ersten Giftgaseinsatz 1915 nahm sich Clara Immerwahr das Leben. Ein Gastbeitrag von Roswitha SchiebRoswitha Schieb ist Literaturwissenschaftlerin, Buchautorin und Publizistin, lebt bei Berlin. Dieser Tage erscheint (bei Schnell und Steiner) ihr kunstgeschichtlicher Führer durch Breslau/Wroclaw. 2016 publiziert sie einen literarischen Reiseführer für das böhmische Bäderdreieck Karlsbad, Marienbad und Franzensbad (im Verlag des Deutschen Kulturforums östliches Europa)..

Die Geschichte ist schnell erzählt: Clara Immerwahr, die im Jahr 1900 als erste Frau an der Universität von Breslau (Wroclaw) promoviert wurde, und zwar mit einer physikalisch-chemischen Arbeit, heiratete ein Jahr später den Chemiker Fritz Haber, der als der „Vater der künstlichen Düngemittel“ in die Geschichte eingegangen ist. Sie bekam ein Kind, das aufgrund seiner Kränklichkeit viel Pflege beanspruchte, wurde von ihrem ehrgeizigen Mann von der Wissenschaft ferngehalten und erschoss sich im Jahr 1915, nachdem sie erfahren hatte, dass ihr Mann seine Forschungen nicht in den humanitären Dienst der Hungerbekämpfung gestellt hatte, sondern sich mit der Herstellung von Giftgas beschäftigte, das 1915 im Ersten Weltkrieg eingesetzt wurde.

Während Fritz Haber, der „Vater des Gaskrieges“, weiterhin Karriere machte und 1918 den Nobelpreis verliehen bekam, war Clara Immerwahr lange Jahrzehnte vergessen. Erst seit den 1990er Jahren wird ihrem Schicksal die nötige Beachtung zuteil. Darin zeigen sich wie in einem Brennspiegel nicht nur die zeittypischen Ungerechtigkeiten gegenüber Frauen, sondern auch jene Ungleichbehandlungen, die letztlich zur deutschen Katastrophe führten: nämlich die der Juden.

Jüdische Herkunft

Sowohl Clara Immerwahr als auch Fritz Haber stammten aus dem zumeist assimilierten jüdischen Bürgertum Breslaus. Diese jüdische Gemeinde, Ende des 19. Jahrhunderts die drittgrößte in Deutschland, war von Wohlhabenheit und Toleranzgedanken geprägt und brachte erstaunlich viele Größen hervor, darunter berühmte Namen wie Günther Anders, Norbert Elias und Edith Stein. Clara Immerwahr, 1870 geboren, wuchs winters im väterlichen Geschäftshaus am Breslauer Ring auf und sommers auf einem nahe gelegenen Gut, auf dem ihr Vater als Chemiker erfolgreich mit Kunstdünger experimentierte. Ebenfalls stark naturwissenschaftlich interessiert, setzte sie es unter großen Mühen durch, dass sie überhaupt das Abitur ablegen und studieren durfte.

Immer wieder misogynen Angriffen sowie „Schöne Jüdin“-Belästigungen seitens ihrer Kommilitonen ausgesetzt, gelang es ihr schließlich doch, als erste Frau an der Breslauer Universität zu promovieren – bei dem Chemiker Richard Abegg. Dieser harte Kampf um akademische Anerkennung, an den heute mit einer Gedenktafel an der Breslauer Universität erinnert wird, war derart sensationell, dass die „Breslauer Zeitung“ vom 22. Dezember 1900 wohlwollend über „unseren ersten weiblichen Doktor“ berichtete: Sie habe sich „wacker und tapfer wie ein Mann“ verteidigt, ja „sich überaus gewandt und schlagfertig“ gezeigt und sei als „eine wahrhafte doctissima virgo“ schließlich von einem „zahlreichen, schaulustigen Publikum“ empfangen worden.

Die Frau als Eindringling

Scheitern und zerbrechen sollte Clara Immerwahr erst an ihrem Mann. Obwohl sie ihm wissenschaftlich mindestens ebenbürtig war und von einer Wissenschaftler-Ehe à la Marie und Pierre Curie träumte, wurde sie von Fritz Haber ins Hausfrauen- und Mutterdasein zurückgedrängt. Sie, die hochbegabte Chemikerin, blieb wissenschaftlich auf der Strecke und hielt bestenfalls einmal an der Volkshochschule Vorträge über „Chemie in Küche und Haushalt“. Manchmal übersetzte sie Artikel aus dem Englischen, wofür ihr Mann ihr hin und wieder gönnerhaft für „stille Mitarbeit“ im Vorwort dankte. Sie begann in der Rolle der Professorsgattin an der Seite des dominanten, rücksichtslosen Haber zu verkümmern. Sie, die durch ihre Doktorarbeit als Pionierin der Katalyseforschung galt (die bis heute, besonders für Batterien und Elektroautos, von Bedeutung ist), wurde von ihrem Mann möglicherweise als Konkurrentin angesehen. Zumindest aber galt sie ihm als exzentrischer Eindringling in eine Männerdomäne.

Fritz Haber wollte perfekt sein. Als glühender Deutschnationaler buhlte er geradezu um die Anerkennung der maßgeblichen Gesellschaftskreise, besaß er doch den „Makel“, dem Judentum zu entstammen. Daran konnte auch die Konversion zum Protestantismus, die er ebenso wie Clara Immerwahr vollzog, nichts ändern. Schon als junger Mann wäre er gerne Offizier der Reserve geworden, aber ihm als Juden stand die Laufbahn zum preußischen Offizier nicht offen. So brachte er es zum außerordentlichen Professor in Karlsruhe; einer ordentlichen Professur mit dem dazugehörigen Gehalt stand vorerst seine Abkunft im Wege. Erst 1911 wurde Haber zum Ordinarius an die Universität Berlin und zum Gründungsdirektor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für physikalische Chemie in Berlin-Dahlem berufen.

Immer wieder gedemütigt durch den mehr oder weniger offenen Antisemitismus der wilhelminischen Gesellschaft, versuchte Fritz Haber, von Ehrgeiz angetrieben, seinen „Makel“ durch wissenschaftliche Leistungen zu kompensieren. Er wollte ganz und gar unentbehrlich sein: Im Frieden forschte er bahnbrechend für die Herstellung von Düngemitteln, im Krieg für die Produktion von Chlorgas als Massenvernichtungsmittel. Durch den Einsatz von Chemie als Waffe wurde er so kriegswichtig, dass ihn der Kaiser in den ersehnten Rang eines Hauptmanns der Reserve beförderte und ihm das Eiserne Kreuz Erster Klasse verlieh. Nun konnte er sich endlich einbilden, dazuzugehören – auch wenn von deutschen Kanzeln gepredigt wurde, dass der „giftige Tropfen der Juden aus dem deutschen Blut“ gewaschen werden müsse, auch wenn viele deutsche Ostseebäder sich durch judenfeindliche Schikanen hervortaten, auch wenn in den Zeitungen vor der „gefährlichen Fruchtbarkeit“ der Juden gewarnt wurde.

Überanpassung?

Fritz Haber war sich aufgrund seiner Giftgas-Erfindung sicher, dass der Kaiser und die ganze Nation ihn brauchten, ja dass der Sieg im Ersten Weltkrieg von ihm abhängig sei. Vehement hatte er Walther Rathenau widersprochen, der meinte, dass für jeden deutschen Juden der schmerzliche Augenblick komme, da „ihm zum ersten Male voll bewusst wird, dass er als Bürger zweiter Klasse in die Welt getreten ist und keine Tüchtigkeit und kein Verdienst ihn aus dieser Lage befreien kann“. Haber unterschrieb im Oktober 1914 den zweifelhaften „Aufruf an die Kulturwelt“, den 93 berühmte Dichter, Denker und Forscher unterzeichneten, unter ihnen Max Planck, Wilhelm Röntgen, Gerhart Hauptmann, Max Liebermann, Max Reinhardt und Friedrich Naumann.

Er wollte um jeden Preis zur Elite der deutschen Gesellschaft gehören und war dafür bereit, buchstäblich über Leichen zu gehen. Schreibt Albert Einstein über Haber, „es war die Tragik des deutschen Juden, die Tragik der verschmähten Liebe“, so fasst der aus dem jüdischen Bürgertum Breslaus stammende Günther Anders den Wunsch nach Über-Assimilation vieler Juden noch schärfer und bitterer ins Auge: „Mein Gott, was haben denn eigentlich unsere Väter und Onkel, die Ärzte und Rechtsanwälte und Professoren getaugt, wozu sind sie denn eigentlich mit so viel Witz und mit so generationenlanger Leidenserfahrung zur Welt gekommen, wenn sie bereits nach ein paar Jahren der Leidenslosigkeit zu so hahnebüchenen Naivlingen degenerieren konnten.“

1919 erhielt Fritz Haber den Nobelpreis (des Jahres 1918) „für die katalytische Synthese von Ammoniak aus dessen Elementen Stickstoff und Wasserstoff“ – Ammoniak ist sowohl für Kunstdünger als auch für Sprengstoff Ausgangsstoff. Der Anteil von Clara Immerwahr-Haber an dieser Erfindung wurde nicht gewürdigt. Ab 1919 leitete Fritz Haber die Deutsche Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung. Es war eine Firma, die später das Gas für die Gaskammern im Nationalsozialismus lieferte. Wäre Fritz Haber nicht schon 1933 verbittert und enttäuscht von Deutschland nach England emigriert und nicht schon 1934 auf dem Weg nach Israel in Basel an Herzversagen gestorben, er wäre dem Gas wohl auch zum Opfer gefallen. Hermann Haber, der Sohn, ließ 1937 die Urne mit der Asche seiner Mutter Clara in das Grab seines Vaters auf den Basler Friedhof am Hörnli umbetten. Hermann Haber, der dann in die USA emigrierte, nahm sich im Jahr 1946 das Leben.

Clara Immerwahr versuchte noch als Pazifistin und Anhängerin Bertha von Suttners die Giftgasforschungen ihres Mannes öffentlich als „Perversion der Wissenschaft“ anzuprangern. Aber schließlich erschoss sie sich nach dem ersten Chlorgaseinsatz bei Ypern, der im April 1915 stattfand. Sie erschoss sich mit der Dienstwaffe ihres Mannes aus Protest gegen das Massensterben von mindestens 5.000 Soldaten. Es war kurz nach der Feier zur kaiserlichen Beförderung ihres Mannes im Garten ihrer Dahlemer Villa. Ihr Sohn Hermann fand die Sterbende. Alle ihre erklärenden Abschiedsschreiben und Fotos wurden vernichtet. Fritz Haber, der immer wieder mit der Äußerung zitiert wird, das Töten durch Giftgas sei eine „höhere Form des Tötens“, reiste noch am selben Tag an die galizische Ostfront, um dort weitere Kampfgaseinsätze zu planen.

Fortleben

Der Grund für Clara Immerwahrs Suizid wurde verschwiegen, sie wurde verleumdet, von der neuen Frau Fritz Habers als verrückt verunglimpft, schließlich fiel sie dem Vergessen anheim. Erst durch die Biografie von Gerit von Leitner rückte sie vor zwei Jahrzehnten ein wenig ins öffentliche Bewusstsein. Mittlerweile sind Straßen nach Clara Immerwahr in einigen deutschen Städten benannt, eine Haber-Strasße soll in Clara-Immerwahr-Straße umbenannt werden. 2014 wurde ein biografischer Fernsehfilm über die Wissenschaftlerin ausgestrahlt. In Berlin und Kaiserslautern werden akademische Preise, die nach ihr benannt sind, an junge Naturwissenschaftlerinnen verliehen. Und auch wissenschaftlich lebt sie weiter. Denn, wie ihre Biografin schreibt: „Ihre Methode zur Messung der Löslichkeiten […] wird noch heute an den Universitäten gelehrt und eignet sich unter anderem zur Messung der wachsenden Verunreinigung der Meere durch tonnenweise versenkte chemische Kampfstoffe.“