Yuri Kochetkov / AP

Ein Journalist entlarvt

Die Propaganda der staatlichen Medien

von Pavel Lokshin / 06.02.2016

Alexei Kowalew stellt auf seinem Blog Manipulationen russischer Medien bloß. Die Arbeitsweise der Propagandisten kennt er gut. Er erlebte aus nächster Nähe, wie der staatliche Medienkonzern RIA Nowosti umgedreht wurde. Pavel Lokshin berichtet aus Moskau. 

Wenn man in Russland jemanden hinters Licht führen will, hängt man ihm Nudeln auf die Ohren. So geht die Redensart. Die Kunst des medialen Nudelaufhängens floriert in Russland im Moment, wie der Moskauer Journalist Alexei Kowalew glaubt. Auf seinem Blog noodleremover.news, zu Deutsch etwa „Nudel-Entfernerei“, dokumentiert der 34-Jährige die unlauteren Methoden russischer Medien. Etwa die des Privatsenders REN-TV, der kürzlich alte Aufnahmen von Übergriffen auf Frauen auf dem Tahrir-Platz in einer Reportage über die Silvesternacht von Köln sendete, oder die von Russia Today und RIA Nowosti. Sie zitieren die Verschwörungstheoretiker von „Deutsche Wirtschafts-Nachrichten“ als reputable Quelle. Kowalews Arbeit hat ihm Feinde eingebracht, sie werfen ihm vor, er sei von Kiew oder gleich von der CIA bezahlt. Dabei entlöhnte den Medienkritiker noch vor zwei Jahren der russische Staat.

Start als Musikjournalist

„Ich arbeitete erst als Musikjournalist, studierte danach in London und fing 2012 als Redaktionsleiter bei InoSMI an, der Auslands-Presseschau der staatlichen Nachrichtenagentur RIA Nowosti“, erinnert sich Kowalew bei einem grünen Tee in einem Moskauer Kaffeehaus. Skrupel habe er nie gehabt. Schließlich hätten sie bei InoSMI nicht den Kreml gelobt, sondern Artikel aus renommierten ausländischen Zeitungen übersetzt. Dass er sich gleich beim Bewerbungsgespräch als Oppositioneller zu erkennen gab, störte kurz vor Putins Wiederwahl im März 2012 noch niemanden. Der Job war spannend, allein die Nähe zu Kremls Propagandafabrik Russia Today machte Kowalew zu schaffen – der russische Auslandssender, angeführt von Chefredakteurin Margarita Simonjan, hatte seinen Sitz im gleichen Gebäudekomplex.

„Simonjan nervte mich mit ihren Vorwürfen an die westlichen Medien. Einmal hat sie geraunt, die New York Times habe öfter über Pussy Riot berichtet als über Guantánamo. Ein absurder Vorwurf, der mit einer simplen Google-Suche leicht zu entkräften ist. Ich erwischte sie immer wieder bei solchen windigen Aussagen und stellte sie richtig.“ Mit anderen Worten: Kowalew geriet regelmäßig mit Simonjan via Twitter aneinander, bis sie ihn auf die Blockliste setzte. Im Dezember 2013, als der Kreml RIA Nowosti per Ukas mit Russia Today zum Propaganda-Konglomerat Rossija Segodnja, Russland Heute, zusammenlegte, war Simonjan plötzlich Kowalews Chefredakteurin. Ihren Kritiker entließ sie sofort.

Fragwürdige Quellen

Was im Frühjahr 2014 begann, beschreibt Kowalew als die „Russia-Today-isierung“ des russischen Medienbetriebs. Die Trennung von Journalismus und Auslandpropaganda war aufgehoben. Vor seinen Augen verwandelte sich eine seriöse Nachrichtenagentur in eine Unterabteilung von Russia Today. Nur dass alle russischen Medien plötzlich Meldungen in RT-Manier auf dem Ticker hatten. Heute zitiert RIA Nowosti neben seriösen Blättern obskure Blogs und fragwürdige Experten.

„Das Massenpublikum in Russland kann doch Washington Post und Washington Times nicht auseinanderhalten. Hauptsache, Washington“, sagt Kowalew. So schaffen es immer wieder Meldungen wie „Ausländisches Medium: Russland hat recht, Amerika ist IS-Verbündeter“ in die russischen Nachrichtenportale. Beinahe eine Lappalie, fielen doch Moskaus Medien wie der staatliche Erste Kanal während der Ukraine-Krise mit spektakulären Propaganda-Fakes auf, wie etwa dem Bericht über einen dreijährigen Knaben im ostukrainischen Slawjansk, den die ukrainische Armee gekreuzigt haben soll, oder mit immer abstruseren Theorien über den MH17-Absturz im Juli 2014 in der Ostukraine.

Kowalew fing an, Fakes auf seiner Facebook-Wall zu dokumentieren. Es ging ihm nicht um große Propagandafälle, sondern um den kleinteiligen Alltag der Manipulation. Vor drei Monaten startete er schließlich sein Blog. Warum er sich die Arbeit macht? „Für mich ist das Gehirngymnastik“, sagt Kowalew. Doch eigentlich, befürchtet der Medienkritiker, renne er offene Türen ein. „Die meisten meiner Leser wissen bereits, dass es Manipulation gibt. Die Propagandagläubigen erreiche ich kaum.“ In Umfragen geben 85 Prozent der Russen an, ihre Nachrichten hauptsächlich aus dem Fernsehen zu beziehen, nur etwa ein Drittel der Russen informiert sich im Internet und in den sozialen Netzwerken.

Rückblickend sollte er sich bei Simonjan bedanken, meint Kowalew. „Sie hat mir ein Dilemma erspart – Kompromisse eingehen oder den Job verlieren. Ich weiß nicht, wie ich mich entschieden hätte.“ Wenige hatten damals aus Prinzip gekündigt, die meisten passten sich an. Wenn er heute mit ihnen spricht, reden sie lieber nicht über den Job. „Viele Kollegen hatten einfach keine Exit-Option. Und eine Familie zu ernähren.“

Journalisten ohne Rückgrat

Kowalew hingegen fand sich schnell als Freelancer zurecht. Er arbeitet als Übersetzer für die New York Times und den Guardian, die ihre kontroversen Russland-Recherchen ins Russische übertragen lassen, und schreibt für Russlands verbliebene unabhängige Publikationen wie The New Times. Die derzeitige Propagandawelle, die den Niedergang Europas herbeiredet, sieht er gelassen. „Sie zielt auf den Binnenmarkt ab. Wenn deswegen ein paar Russlanddeutsche auf die Straße gehen, ist das ein nettes Extra. Vor zwei Jahren bestanden die russischen Abendnachrichten aus Ukraine-Reportagen, dann war Syrien dran, jetzt ist es Europa. In ein paar Monaten wird eine neue Sau durchs Dorf gejagt.“ Trotzdem täten die Deutschen gut daran, einen russischsprachigen Sender für die russische Community aufzubauen.

Was haben ihn die letzten zwei Jahre gelehrt? „Propaganda wird nicht von irgendwelchen Bürokraten gemacht, sondern von Journalisten. Wer von ‚Kreml-Propaganda‘ spricht, entzieht diesen die Verantwortung für ihr Tun. Beim staatlichen Ersten Kanal schuften schließlich keine Zombies, sondern intelligente, gebildete Menschen mit Eigeninitiative – und ohne Prinzipien.“