Kunst und Politik

Die Rettung der Gesellschaft

von Sieglinde Geisel / 29.11.2015

Philipp Ruch vom Berliner Zentrum für Politische Schönheit tritt mit Aktionskunst gegen die gesellschaftliche Lethargie an. Die provokativen Interventionen sollen auf Missstände aufmerksam machen. Sie rufen gleichermaßen Begeisterung wie Empörung hervor.

Die spektakuläre Aktionskunst des Zentrums für Politische Schönheit (ZPS) lässt niemanden kalt. Vor einem Jahr sorgte, zum Jahrestag des Mauerfalls, die „Flucht“ der Mauerkreuze für Aufregung: In einer medienwirksamen Aktion war es dem ZPS gelungen, mitten im Regierungsviertel die weißen Kreuze abzumontieren, die an die Mauertoten erinnern, und sie nach Melilla zu verbringen, um der „zukünftigen Mauertoten“ an den EU-Außengrenzen zu gedenken. Diesen Sommer wiederum wurden im Rahmen der Aktion „Die Toten kommen“ zwei Menschen in Berlin bestattet, die auf der Flucht übers Mittelmeer umgekommen waren.

Skandalisierung als Programm

Die Reaktionen in der Öffentlichkeit schwanken zwischen Begeisterung und Empörung. 150.000 Leute folgen dem ZPS auf Facebook; Kritiker sprechen von „politischer Pornografie“ und der Instrumentalisierung von Opfern. Die Skandalisierung ist Programm wie etwa in dem wahnwitzigen Aufruf „Tötet Roger Köppel! Köppel Roger tötet!“. Auf der Website präsentiert das ZPS die Angriffe in der Meinung, dass Vorwürfe wie „geschmacklos“ und „zynisch“ nicht auf die Aktionen zuträfen, sondern auf die Verhältnisse, die entlarvt würden. „Das Ziel von Aktionskunst ist es, die Gesellschaft zu retten“, sagt der 32-jährige Schweizer Philipp Ruch, der Leiter des ZPS. Die ersten acht Jahre seines Lebens verbrachte Ruch als Sohn einer DDR-Bürgerin und eines Schweizers in der ehemaligen DDR; im Sommer 1989 konnte die Familie in die Schweiz ausreisen. Nach dem Philosophiestudium in Berlin habe er erkannt: „Die Philosophie hat den Kontakt zur Wirklichkeit verloren. Wo wird über den Holocaust nachgedacht, das Inferno in Bosnien?“

Die Gründung des ZPS im Jahr 2008 war das Ergebnis seiner Politisierung. Noch nie seien die Voraussetzungen für den Kampf um die Menschenrechte besser gewesen als heute im Westen. „Wir haben alle Ressourcen, um die Welt zu verbessern. Aber statt zu handeln, fühlen wir uns machtlos!“ Philipp Ruch hat keine Scheu vor großen Worten wie Schönheit, Ehre, Größe. Unter „politischer Schönheit“ versteht er eine Politik der Großzügigkeit. Willy Brandts Kniefall in Warschau etwa sei ein Akt politischer Schönheit gewesen.

Im Rahmen von „Die Toten kommen“ heben Aktivisten im Juni 2015 vor dem Reichstag Dutzende Gräber aus.
Credits: Christian Mang/imago

Heute fehlten der Politik die Visionen. Statt „strahlende Akte politischer Schönheit“ zu vollbringen, streite man sich über Transitzonen und die Autobahn-Maut. Die Aktionen des ZPS zielen auf Bewusstseinsveränderung, oft auf unspektakuläre Art. Im Oktober wurde eine Rettungsinsel im Mittelmeer verankert, ein Prototyp, der nun die EU herausfordern soll: Für zwanzig Millionen Euro könnten tausend Rettungsinseln installiert werden. Als „Kindertransporthilfe des Bundes“ wurde eine hochprofessionell gefälschte Website aufgeschaltet, mittels deren die „Familienministerin“ Pflegefamilien suchte für 55.000 syrische Kinder, um wenigstens ein Prozent der Kinder aus dem Kriegsgebiet zu retten. Innert einer Woche meldeten sich 800 Familien. Viele von ihnen wurden Mitglieder des ZPS, als sie erfuhren, dass es sich um eine Kunstaktion handelte.

Seit kurzem tritt Philipp Ruch auch als Autor in Erscheinung. Im Theater Dortmund gastiert das ZPS mit Ruchs apokalyptischem Theaterstück „2099“, dieser Tage erscheint „Wenn nicht wir, wer dann?“, ein 250 Seiten starkes politisches Manifest. Wie schon bei Christoph Schlingensief (ein weiteres Vorbild für das ZPS) sind es auch bei Philipp Ruch nicht die Texte, die überzeugen. Das Theaterstück lässt unser Jahrhundert aus der Zukunftsperspektive des Jahres 2099 Revue passieren und ist eine zähe Angelegenheit. Auf der Bühne sieht man weder Charaktere noch eine Handlung, sondern sieht sich einem philosophisch unterfütterten Dauerappell gegen „die Barbarei des Nichtstuns“ ausgesetzt.

Auch das Manifest ist eine ermüdende Lektüre: Auf dem Papier werden die großen Worte schal, man fühlt sich ständig am Kragen gepackt und ärgert sich dabei über die Pauschalvorwürfe an „die Psychologen“ und „die Naturwissenschaft“, deren Menschenbild uns die Tatkraft raube. Ruch spricht von einem „Kartell der Ideologen, die die Ideologie von der Hässlichkeit des Menschen verbreiten“ würden, und von Biochemikern, die „die Seele als chemikalischen Neuro-Cocktail entlarvt“ hätten. Philipp Ruch stellt sich im Gespräch der Kritik: Sein Buch richte sich an die junge Generation und an alle, die glaubten, es käme nicht auf sie an. Es sei ein Antidepressivum, er wolle die Leser handlungsfähig machen.

„Aleppo versinkt in Schutt, und in Berlin wird euphorisch gegen die Leere angetanzt“, schreibt Ruch anklagend. Dass Landlust mehr Abonnenten hat als der Spiegel, dient ihm als Beweis für die politische Lethargie im Land. Warum fühlen wir mehr Mitleid mit unschuldigen Tieren als mit unschuldigen Menschen, die wir retten könnten? Zur Premiere von „2099“ machte das ZPS in Dortmund mit der Meldung Furore, dass im Rahmen einer Kunstaktion im Zoo das Jaguar-Baby Raja erschossen werde. Der Aufschrei war vorhersehbar und bestätigt Ruchs These.

Arbeit an der Wirklichkeit

Doch wie sollen, ja wie dürfen wir leben angesichts von Aleppo, angesichts tausender Toter im Mittelmeer? „Ich bin kein Interventionist. Ich ziehe als Intellektueller in den Kampf. Was ich mit meinen Mitteln leisten kann, ist ein kreativer Kampf.“ Kunst müsse uns lehren, hinzuschauen, auch wenn wir die Bilder kaum ertrügen. In seiner Arbeit stellt sich das ZPS der Inhumanität, gegen die es zu Feld zieht. Der Mitarbeiter, der bei den Recherchen für die Aktion „Die Toten kommen“ auf Sizilien die in Müllsäcke gestopften Leichen entdeckt habe, sei davon immer noch traumatisiert, erzählt Ruch.

Wenn er von der Begegnung mit den Familien der beiden Toten spricht, deren Leichen das ZPS, nach dem Überwinden absurder bürokratischer Hürden, nach Berlin brachte, und von den Mühen, in Berlin Friedhöfe zu finden, die bereit waren, die Flüchtlinge zu bestatten, dann begreift man etwas von der Arbeit an der Wirklichkeit, die hinter den Kunstaktionen steht.