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Propaganda

„Die Russen lügen besser als wir“

von Elisalex Henckel / 20.02.2016

Wie manipuliert der Kreml? Und was können wir dem entgegensetzen? Ein Gespräch mit dem britisch-russischen Propaganda-Experten Peter Pomerantsev über Putins psychologische Kriegsführung.

Wer mit Peter Pomerantsev spricht, muss sich auf viele Anekdoten einstellen. Die erste erzählt er, noch bevor er sich hingesetzt hat: Vor vier Tagen sei er bereits einmal in Wien gewesen, um über Propaganda zu sprechen. Eigentlich sollte es eigentlich gar nicht um die Russen gehen. Jedenfalls nicht nur. Die OSZE hatte zu einer Konferenz in die Hofburg eingeladen, die sich so unpolemisch wie möglich der rechtlichen Frage widmen wollte, wie man Propaganda bekämpfen kann, ohne die Meinungsfreiheit zu gefährden.

Die Russen hätten jedoch sofort begonnen, über die Ukraine zu schimpfen, sagt Pomerantsev: „Und als ich sah, dass sie eigene Kameras mitgebracht hatten, wurde mir klar, dass sie die Konferenz nicht einfach sabotieren, sondern sich für die Fernsehzuschauer zu Hause als aufrechte Kämpfer gegen die amerikanischen Verschwörungen inszenieren wollten.“

Er hält kurz inne, um sich zu vergewissern, dass sein Gegenüber die Pointe dieser Anekdote auch verstanden hat: „Sie haben also aus einer Veranstaltung, die der Vereinheitlichung von Regeln gegen Propaganda dienen sollte, ein Stück Propaganda gemacht“, sagt er. „Es ist faszinierend.“

Gangster, Golddigger, Polittechnologen

Pomerantsev klingt amüsiert, aber nicht unbeeindruckt, wenn er über die russische Elite und deren Leistungen in seinem Spezialgebiet spricht. Der in Russland geborene Brite leitet am Londoner Think Tank Legatum Institute ein Forschungsprogramm mit dem Titel „Jenseits von Propaganda“. Bei seinem zweiten Wien-Besuch innerhalb von vier Tagen soll er am Institut für die Wissenschaft vom Menschen (IWM) über „Russland und die Zukunft der Propagandakriege“ sprechen – und aus seinem Buch „Nichts ist wahr und alles ist möglich“ vorlesen, das vor kurzem auch auf Deutsch erschienen ist.

Peter Pomerantsev hat in den Nullerjahren als Fernsehproduzent in Moskau gearbeitet. Inzwischen lebt er wieder in London und forscht zum Thema Propaganda.
Credits: IWM/ Marion Gollner

Pomerantsev erzählt darin, was er während der Nullerjahre als Entwicklungsberater, Fernsehjournalist und „Vorzeigewestler“ in Putins Russland erlebt hat. „Es sind Abenteuergeschichten“, sagt er selbst über das Buch, „mit einer Prise Analyse“. Sie handeln von Gangstern, „Golddiggern“ (also jungen Frauen, die reiche Männer suchen) und den „Polittechnologen“, die aus Russland „eine Art postmoderner Diktatur“ gemacht haben, die „Sprache und Institutionen des demokratischen Kapitalismus’ für autoritäre Zwecke nutzt“.

Während Pomerantsev sich zu Beginn des Buches auf die Frage konzentriert, mit welchen Methoden der Kreml seine eigenen Bürger manipuliert, beschreibt er am Ende, wie diese außerhalb Russlands zum Einsatz kommen. Im Zusammenhang mit der Annexion der Krim habe der Kreml „tief in seine Trickkiste“ gegriffen, schreibt er: „Nachtwölfe, Kosaken, manipulierte Referenden, genau instruierte Marionettenpolitiker und Männer mit Waffen – alles passierte so schnell in einer irrwitzigen Kabarettshow, dass die Welt gebannt zuschaute, während der Kreml die Karte von Europa umzeichnete und vor Ort neue Fakten schuf.“

Wie weit reicht Putins Arm?

Neben der russischen Intervention in Syrien hat im deutschsprachigen Raum vor allem der „Fall Lisa“ das Interesse an dieser Trickkiste wieder angeheizt: Russische Medien hatten nach dem Verschwinden einer 13-jährigen Russlanddeutschen berichtet, das Mädchen sei entführt und von drei Ausländern vergewaltigt worden. Als die Polizei dementierte, warf Außenminister Sergej Lawrow den deutschen Behörden Vertuschung vor. In mehreren deutschen Städten kam es zu Demonstrationen von Russlanddeutschen.

Kampagnen wie im Fall Lisa würden sich in erster Linie an die eigenen Bürger richten, sagt Pomerantsev: „Putins Macht basiert auf der Idee, dass es keine Alternative gibt.“ Damit niemand auf die Idee komme, eine solche in Europa zu suchen, würden die kremlnahen Medien das Bild eines Kontinents zeichnen, „der in Flüchtlingen ertrinkt“.

Die Desinformation ziele aber auch auf den Westen ab, warnt Pomerantsev. Anders als im Kalten Krieg versuche der Kreml nicht mehr eine alternative Wahrheit zu verbreiten, sondern beschränke sich darauf, seine Gegner durch Verschwörungstheorien und Falschinformationen zu verwirren oder zu kompromittieren.

Es geht um mehr als Propaganda

„Durch die Fragmentierung der Medienlandschaft leben immer mehr Leute in immer kleineren Informationsghettos“, sagt Pomerantsev. „Und genau das nutzen die Russen.“ In Ländern mit russischen Minderheiten sei das besonders leicht, aber es funktioniere auch ohne. In Großbritannien etwa würden sie sich auf schottische Nationalisten konzentrieren.

Die Bedeutung des Auslandssenders RT werde dabei aber oft überschätzt, glaubt Pomerantsev. RT brüstet sich damit, dass weltweit 700 Millionen Menschen in 100 Ländern sein Programm sehen und er als erster Nachrichtenkanal mehr als eine Milliarde Youtube-Klicks verzeichnen konnte. Pomerantsev geht jedoch davon aus, dass die Zahlen getürkt sind. Diesen Vorwurf hat The Daily Beast vergangenen Herbst erhoben und dabei unter anderem recherchiert, dass RT in den USA zu klein ist, um überhaupt in den Nielsen Ratings aufzuscheinen.

Hat der ukrainische Präsident also übertrieben, als er vergangene Woche in München davor warnte, Europa werde von russischer Propaganda unterwandert? Pomarantsev lächelt. „Es geht um viel mehr als Propaganda.“ Die Russen würden eine ganze Reihe von „nicht-kinetischen Mitteln“ kombinieren, um außenpolitische Ziele zu erreichen: Diplomaten, Spione, Öl, Kirchen, Experten und eben Medien. „Sie denken da viel ganzheitlicher als wir“, sagt Pomerantsev. „Das ist ihr großer Vorteil.“

Ein Röntgengerät für systemische Schwächen

Wenn man verstehen wolle, wie die Russen ticken, lohne es sich anzuschauen, was sie selbst dem Westen vorwerfen, rät Pomerantsev. „Und da ist dann die Rede von Informationskrieg, von Psychovirusen und der Zerstörung der spirituellen Sphäre einer Gesellschaft.“

Aber wozu das alles? Pomerantsev zögert. „Ich glaube, nicht einmal Lawrow weiß, was Putin will.“ Fest stehe lediglich, dass die Russen „größer und gefährlicher aussehen wollen als sie sind.“ Dass sie lieber bilateral verhandeln als mit der EU oder der NATO. Dass sie deswegen versuchen, Zwietracht in den Bündnissen zu sehen. Und dass sie ein gutes Gespür für die Schwächen ihrer Gegner haben.

Pomerantsevs Buch „Nichts ist wahr und alles ist möglich“ ist vor ein paar Monaten auch auf Deutsch erschienen.
Credits: IWM/ Marion Gollner

Pomerantsev hält es jedenfalls für keinen Zufall, dass die Russen neben dem Konflikt um die Flüchtlinge vor allem jenen mit der Türkei schüren. „Sie wissen, dass die baltischen Staaten keine Schwachstelle sind, deshalb haben sie dort nichts versucht“, argumentiert er. „Aber sie wissen auch, dass die Hälfte der NATO nicht mit der Türkei in einem Militärbündnis sein will.“ Er warnt aber gleichzeitig davor, den Einfluss der Russen zu überschätzen: „Sie können nur Probleme nutzen, die bereits da sind.“

Flexibel im Umgang mit Ideologie

Wie genau der Kreml „aus Information, Kultur und Geld Waffen macht“, hat Pomerantsev schon vor gut einem Jahr gemeinsam mit dem Syrien-Experten Michael Weiss ziemlich detailliert beschrieben. Der Bericht mit dem Titel „Die Bedrohung der Unwirklichkeit“ wurde vom Institute of Modern Russia veröffentlicht, einem New Yorker Think Tank unter der Leitung von Michael Chodorkowskis Sohn Pawel.

„Ein flexibler Umgang mit Ideologie“, heißt es darin, ermögliche es dem Kreml, gleichzeitig links- und rechtsextreme Bewegungen sowie andere Gruppen zu unterstützen, die sich den Kampf gegen die EU, die USA oder die Moderne als solches auf die Fahnen geheftet haben. Dazu kämen bezahlte PR-Leute, Think Tanks und westliche Experten, die sich durch Zugang zu Informationen oder andere Privilegien vereinnahmen hätten lassen.

Mit ihrer Hilfe verstärke der Kreml existierende Meinungsverschiedenheiten und schaffe „Echokammern“ für seine eigenen Positionen. Darüberhinaus nütze er die Offenheit der globalen Wirtschaft, um Marktzugänge und Energie als Druckmittel einzusetzen. Den Rest erledige der Westen selbst: Indem er russischem Schmiergeld Schutz gewähre, demoralisiere er die russische Opposition und erhöhe die eigene Abhängigkeit von den Russen. Dann brauche es nur noch kleinere militärische Operationen – und schon habe man einen „nonlinearen“ oder „hybriden“ Krieg wie jenen in der Ukraine.

Es fehlt die gemeinsame Faktenbasis

Der Westen verfüge weder über die institutionellen noch über die analytischen Instrumente, um mit so einem Konflikt fertigzuwerden, schrieben Pomerantsev und Weiss im November 2014. Sie verfassten aber eine lange Liste von Vorschlägen, was man der russischen „Weaponization“ von Information, Geld und Kultur entgegensetzen könnte. Eineinviertel Jahre später in Wien nennt Peter Pomerantsev genau drei.

Zunächst müsste man eine gemeinsame Faktenbasis schaffen: „Wenn ich viel Geld hätte, würde ich eine russischsprachige Nachrichtenagentur gründen“, sagt er und zeigt auf den Tisch. „Wenn wir uns nicht einig sind, dass das ein Tisch ist, können wir auch nicht darüber diskutieren, ob wir ihn brauchen oder nicht.“

Dann bräuchte es mehr Gesetze, die verschiedene Elemente des demokratischen Kapitalismus’ miteinander verknüpfen. Der Magnitski Act habe beispielsweise dafür gesorgt, dass die Verantwortlichen für den Tod des gleichnamigen Rechtsanwaltes nicht mehr in die USA einreisen oder dort investieren könnten – und dadurch das Thema Menschenrechte mit dem freien Personen- und Kapitalverkehr verbunden.

Absage an die geopolitische Sitcom

Pomerantsev hält es aber für besonders wichtig, asymetrisch zu reagieren, also nicht etwa zu versuchen, Propaganda mit Gegenpropaganda zu beantworten. „So ein Krieg der Erzählungen wäre ihnen nur Recht“, sagt er. „Denn lügen können sie besser als wir.“ Anstatt ihre „geopolitische Sitcom vom ‚Kampf der Kulturen’“ mitzuspielen, sollte man sich lieber auf die Spuren ihres Geldes machen – oder dafür sorgen, dass sie es in Wien und London nicht mehr waschen können.

Besuche, wie sie der bayrische Ministerpräsident und der österreichische Vizekanzler vor kurzem den Russen abgestattet haben, hält Pomerantsev jedenfalls für wenig zielführend. „Das dient ihnen als Beleg dafür, dass sie die Europäer in der Tasche haben. Dass deren Politiker genauso korrupt sind wie ihre. Dass alles überall gleich ist.“

Aber er glaubt nicht, dass man das irgendjemandem erklären müsse: „Wir sind ja nicht blöd“, sagt er. „Nur gierig.“

Mehr zum Thema:

–> Peter Pomerantsevs Vortrag am IWM (Video)
–> Peter Pomerantsev und Michael Weiss: The Menace of Unreality
–> Wie Moskau europäische Parteien unterstützt (Interview mit Anton Shekhovtsov)