Morgengrauen

Die Sache mit dem Wellness-Frühstück

Gastkommentar / von Peter Strasser / 05.08.2016

Ich habe schlechte Laune. Ich sage meiner Frau, die gerade die Morgenzeitung liest, dass ich schlechte Laune habe. Das scheint sie nicht recht zu beeindrucken, denn sie liest weiter. Ich frage sie also, ob es ihr viel ausmachen würde, ein wenig ihrer Aufmerksamkeit meiner schlechten Laune zu widmen. Sie sagt, das sei kein Problem und liest, wie mir vorkommt, ungerührt weiter. Ungerührt!

Jetzt fühle ich mich außerdem seelisch vernachlässigt. Ich sage also meiner Frau, dass ich mich seelisch vernachlässigt fühle. Darauf erwidert sie hinter ihrer Zeitung hervor, dass dazu gar kein Grund bestehe, und ich ihr doch, bitte, die Marmelade reichen möge, mit der ich gerade mein Frühstücksbrötchen bestreiche, schlecht gelaunt, mich seelisch vernachlässigt fühlend. Ich sage daher meiner Frau, dass ich das Gefühl hätte, sie interessiere sich mehr für die Marmelade als für den Umstand, dass ich schlechte Laune habe und mich seelisch vernachlässigt fühle.

Darauf erwidert sie, von so einem Leidensfall sei in der heutigen Modern-Life-Sektion der Zeitung die Rede. „Und?“, frage ich kaltblütig, „was ist aus dem L-e-i-d-e-n-d-e-n (ich dehne das Wort verächtlich) geworden?“ Es handle sich um den Erfinder des Wellness-Frühstücks, sagt meine Frau, indem sie zur Marmelade greift, die ich ihr lieblos reiche; er sei eines Tages beim Frühstück erstarrt; eine Art Wellness-Katatonie … Da geht es mir gleich seelisch besser bei dem Gedanken, dass ich schlechte Laune habe. Bloß keine Wellness!

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).