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Super Bowl

Die Schattenseite der großen Show

von Bence Jünnemann / 07.02.2016

In der Nacht von Sonntag auf Montag findet zum 50. Mal die Super Bowl statt. Das Finalspiel der National Football League ist eines der größten Sportereignisse der Welt und gilt als mediales Megaevent. Doch hinter den Kulissen droht das Image der Liga ins Wanken zu geraten. Immer mehr ehemalige Spieler weisen eine schwere Gehirnerkrankung auf. Ein Problem, das die eindrucksvolle Show schon bald überschatten könnte.

Die National Football League ist die lukrativste Sportliga der Welt. Mehr als 150 Millionen Menschen weltweit werden Sonntagnacht die jährliche Super Bowl verfolgen. Das Finale der NFL gilt somit als größtes Einzelsportereignis des Jahres. Auf den Stadionrängen jubeln zigtausende Fans den modernen Gladiatoren zu, hunderte TV-Kameras fangen jede noch so kleine Bewegung ein. Und selbst wenn sich das sportliche Interesse der Zuseher in Grenzen hält – spätestens die beeindruckende Halbzeitshow macht die Super Bowl zu einem unvergesslichen Ereignis. Die große Show. So wird die Super Bowl oft genannt und die NFL setzt alles daran, dieses Image zu wahren. Doch spätestens seit diesem Jahr hat die NFL ein großes Problem.

Im Jahr 2002 machte Bennet Omalu, ein Gerichtsmediziner in einem Pittsburgher Krankenhaus, eine überraschende Entdeckung. Im Gehirn des verstorbenen Footballspielers Mike Webster endeckte er Anzeichen auf eine bis dato unbekannte Krankheit. Webster verstarb im Alter von 50 Jahren an einem Herzinfarkt und hatte in seinen letzten Jahren mit Symptomen einer stark ausgeprägten Form von Alzheimer zu kämpfen. Omalu wusste, dass Webster zu jung für Alzheimer war. Auch die medizinischen Merkmale stimmten nicht überein. Omalu taufte die Krankheit Chronic Traumatic Encephalophaty – kurz: CTE.

Mehr als 100 bekannte Fälle

Vierzehn Jahre später konnte die Krankheit bereits an über 100 ehemaligen Spielern der NFL nachgewiesen werden. Die Ärzte der Boston University beschäftigen sich seit über zehn Jahren mit der Untersuchung von CTE. Mittlerweile konnten sie belegen, dass die Erkrankung von starken Schlägen gegen den Kopf hervorgerufen wird. Spieler, die im Laufe ihrer Karriere viele Gehirnerschütterungen erlitten, weisen eine besonders starke Form von CTE auf. Omalu vermutet mittlerweile, dass 90 Prozent aller NFL-Spieler von der Krankheit befallen sein könnten. Wie viele es tatsächlich sind, kann niemand genau sagen. Die Krankheit kann nur posthum diagnostiziert werden.

Trotzdem gibt es überdeutliche Symptome, die schon vor dem Tod auf eine Erkrankung hinweisen. Zunächst ist es lediglich ein Aufmerksamkeitsmangel. Dann lässt die Konzentration immer öfter nach. Es folgen Erinnerungsschwächen und starke Stimmungsschwankungen. Später kommen auffällige Aggressivität, Depression und Suizidgedanken hinzu. Je länger die Karriere dauert, desto erbarmungsloser werden die Auswirkungen der Krankheit nach Ende der Sportlerlaufbahn. In der finalen Phase gleicht sie einem schweren Fall von Alzheimer.

Die Liste wird länger

Ausgerechnet wenige Wochen vor dem jährlichen Saisonhöhepunkt tauchte CTE wieder vermehrt in den Schlagzeilen auf. Der erst 27-jährige Tyler Sash, zuletzt bei den New York Giants unter Vertrag, wurde tot in seiner Wohnung aufgefunden. Todesgrund: Überdosis an Schmerzmitteln. Wenige Tage später wurde CTE in seinem Gehirn nachgewiesen. Bereits Monate vor seinem Tod klagte er über Erinnerungsschwierigkeiten, wie seine Mutter später der Presse erzählte. Er wirkte depressiv und aggressiv zugleich.

Wenige Tage später, am 2. Februar 2016, wurde die Krankheit auch beim ehemaligen Star-Quarterback Kenny Stabler nachgewiesen. Er verstarb im vergangenen Sommer an Darmkrebs. Seine Gehirnerkrankung war zu diesem Zeitpunkt schon weit fortgeschritten. Er beklagte sich regelmäßig über ein permanentes Klingeln im Ohr, seine Erinnerungsfähigkeit war in den letzten Jahren schon weit eingeschränkt. Lärm und Licht wurden zu seinen größten Feinden.

Bedenken machen sich breit

Es ist kaum einschätzbar, wie viele aktive und ehemalige Spieler tatsächlich an der Krankheit leiden. In der NFL stehen aktuell über 1.500 Sportler unter Vertrag. Fast alle spielen seit ihrer Kindheit Football und sind täglich dutzenden starken Schlägen gegen ihren Kopf ausgesetzt. Natürlich ist den Spielern bewusst, worauf sie sich einlassen. Sie wissen, dass Football gefährlich ist und dass fatale Langzeitfolgen nicht ausgeschlossen werden können. Doch viele stammen aus armen Verhältnissen und sehen den Aufstieg in die NFL als einzige Chance, um der amerikanischen Unterschicht zu entkommen.

Dennoch macht sich langsam ein Sinneswandel bemerkbar. Immer mehr Spieler beenden ihre Karriere, lang bevor sie an ihrem Zenit angekommen sind. Diese Entwicklung zeigt, dass auch die Sportler vermehrt Bedenken haben. So auch Chris Borland, ein ehemaliger Hoffnungsträger der San Francisco 49ers. Im Frühjahr 2015 gab er im Alter von 24 Jahren das Ende seiner Karriere nach nur einer Saison bekannt: „Ich möchte lediglich ein langes, gesundes Leben führen und möchte keine langfristigen Krankheiten davontragen. Ich möchte aufgrund dieses Sportes nicht früher sterben müssen.“

Erste Konsequenzen

Lange hat die Ligaführung die Existenz dieser Krankheit ignoriert. Sie wollte nicht wahrhaben, dass jener Sport, der so viele Menschen reich gemacht hat, die Ursache einer solch fatalen Erkrankung ist. Mittlerweile musste die NFL der Realität ins Auge sehen und hat erste Konsequenzen gezogen. Absichtlicher frontaler Helmkontakt wurde verboten. Sobald ein Spieler kleinste Anzeichen einer Gehirnerschütterung aufweist, muss er vom Feld genommen werden. In vielen Fällen melden sich Spieler nach kurzen Blackouts aber gar nicht bei ihrem Teamarzt. Sie sind im Adrenalinrausch und wollen um jeden Preis weitermachen.

Die NFL wird erhalten bleiben. Es werden sich weiterhin jährlich hunderte junge Sportler finden, die von Ruhm und Millionengehältern träumen und den harten Weg in die Liga einschlagen. Doch trotzdem steht sie vor der größten Herausforderung ihrer bisherigen Existenz.

Sonntagnacht wird man von dieser Problematik nicht viel mitbekommen. Die Spieler werden auflaufen und 150 Millionen Zuseher werden ihnen vor den Fernsehgeräten zujubeln. Doch selbst, wenn die NFL alles versucht, um die große Show am Laufen zu halten, schwirrt irgendwo im Hinterkopf aller Beteiligten eine Befürchtung herum. Jeder Zusammenstoß könnte die Spieler dem frühen Tod näher bringen.