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TV-Serien

Die schönen Schwestern der Neurose

von Claudia Schwartz / 28.08.2016

Carrie Mathison, Saga Norén oder Marcella kämpfen zwischen Hellsichtigkeit und Paranoia gegen das Böse dieser Welt: Wie starke Serien-Heldinnen sich zur Signatur unserer Zeit aufschwingen.

Mit Carrie Mathison hielt Amerikas Angst in unseren Wohnzimmern Einzug. Zwar weiss die CIA-Agentin, die im Dienst der Terrorbekämpfung Nicholas Brodys Haus eigenmächtig mit Überwachungskameras ausrüstet, bald besser als dieser selbst, wo etwa seine Krawatte steckt. Aber ist der Moment, wenn sie den Kriegsheimkehrer später gen Mekka beten sieht, nun schon der Beweis, dass der US-Marine in jahrelanger Gefangenschaft von Islamisten umgedreht wurde? Oder handelt es sich hier nur um eine dieser traumatischen Bildstörungen in Carries Wahrnehmung, welche die kranke Psyche wieder einmal im ungünstigen Moment an die Oberfläche spült und die ihre Einschätzung eintrübt, wo sie gerade versucht, einen Schläfer zu enttarnen?

Die Eigenschaften von auffallender seelischer Disposition und scharfem Verstand haben derzeit viele weibliche Serien-Figuren gemeinsam.

Wenn nach der Philosophin Susan Neimann das Böse eine Bedrohung für die menschliche Vernunft darstellt, dann findet sich in der TV-Serie „Homeland“ (seit 2011) eine beunruhigende Metapher unserer Zeit. Denn zusehends verschiebt sich Carries Wahrnehmung: Über Alltägliches legt sich unvermittelt ein Verdacht, und der Versuch, diesen auszuräumen, schafft falsches Vertrauen. Wo der bohrende Zweifel hinführt, wissen wir: Carrie, die an einer bipolaren Störung leidet, ist so besessen von der Idee, vor 9/11 etwas Entscheidendes übersehen zu haben, so obsessiv in ihrer Aufklärungsarbeit, dass sie ihre Recherchen in eine Liebesbeziehung mit Brody ausweitet.

Das ist natürlich jenseits von normal, und darüber hinaus, zwischen existenzieller Gefahr und emotionaler Gefährdung, von – sehr blonder – Hitchcockscher Qualität. Die „Erniedrigung durch die Liebe“ (Hitchcock) wird hier dann allerdings Brody zuteil, wenn er draufkommt, dass seine leidenschaftliche Gespielin ihn längst überwacht.

Claire Danes als Cathie Mathison wird in „Homeland“ von Mandy Patinkin in der Rolle von Saul Berenson umsorgt. (Bild: PD)

Ich sind viele

Fernsehen ist auf soziales Handeln angelegt, und populäre Serien lassen gegenwärtig ihre ursprüngliche Aufgabe der Wirklichkeitsbewältigung und Komplexitätsreduktion in grosser Kunst aufgehen. In der CIA-Agentin Carrie Mathison summieren sich die moralischen Fragen einer zutiefst verunsicherten Gesellschaft. Dabei wird in „Homeland“ das Vorgehen des Geheimdienstes zwar kritisch beleuchtet, die innere Entwicklung des Plots folgt aber nicht einer ideologischen Abrechnung, wie das noch bei Carries männlichem Vorreiter, Jack Bauer („24“, 2001–2010/14) der Fall war. Wo jener Agent einer Antiterroreinheit die amerikanischen Werte mit Brachialgewalt verteidigte und am Ende jeder Staffel, von der Gegenseite halb tot gefoltert, in hyperrealistischem Rachedurst wieder aufstand, wird Carries Kampf zunehmend zum „Kampf mit sich selbst“, wie Robert Arp in seiner Analyse zur „Philosophie bei Homeland“ schreibt. Dabei ist Carries Affektstörung ihre grosse Stärke wie ihre grosse Schwäche.

Brody, das war eine frühe Phase von „Homeland“; verdächtig sind jetzt andere. Aber die von Claire Danes stupend verkörperte Protagonistin trägt den epischen Spannungsbogen bereits über fünf Staffeln; der Blick in die amerikanische Psyche flackert weiterhin zwischen weiblicher Intuition und Paranoia. Und: Carrie mag zwar neurotisch sein, aber sie ist eine hervorragende Analytikerin. Die Eigenschaften von auffallender seelischer Disposition und scharfem Verstand haben derzeit viele weibliche Serien-Figuren gemeinsam; oft sind sie Profilerinnen. Ihr Ringen mit den inneren Dämonen scheint besonders geeignet, wenn es darum geht zu zeigen, wie die neuen Bedrohungen unser Denken und unsere Gefühlswelt beeinträchtigen.

Mathisons skandinavische Schwester heisst Saga Norén und ermittelt für die Kripo Malmö („Die Brücke – Transit in den Tod“, seit 2011). Saga ist nicht psychisch instabil, sondern im Gegenteil so unbeirrt gradlinig, wie es Menschen mit Asperger-Syndrom an sich haben. Der genialen Forensikerin fehlt es indes an Empathie für andere und damit eben auch am Feintuning im sozialen Umgang. In düsterer Atmosphäre schreitet die Kriminalerzählung in der engen Verschränkung mit ihrer zunehmend vereinzelt ins Bild gesetzten Ermittlerin voran.

Das Höchstmass an Thrill – und die Zwickmühle für diese Protagonistinnen – liegt darin, dass sich die Wahrheit, je näher sie ihr zu kommen glauben, umso weiter entfernt. Der israelische Schriftsteller Amos Oz verfolgt in seinem Antispionageroman „Eine Frau erkennen“ (1989) eine ähnliche Erzählstrategie. Die Erinnerung eines ehemaligen Mossad-Agenten an seine verstorbene Frau vor dem Hintergrund eines versehrten Landes zersplittert, je mehr er nachgrübelt. Aber ist die Suche nach der Wahrheit überhaupt der richtige Weg?

Die Kopenhagener Kommissarin Lund auf Verbrecherjagd. (Sofie Gråbøl) (Bild: PD)

Die neuen Serien verorten wie Oz ihre Diagnose einer kollektivpsychologischen Verunsicherung oft im konflikthaften Geschlechterverhältnis. Mit Verlust ist da zu rechnen wie bei „Kommissarin Lund“ (2007–2012), der Kopenhagener Verbrechensbekämpferin mit dem untrüglichem Gespür dafür, wo der gesellschaftspolitische Apparat krankt. Im privaten Nahbereich hat die Soziopathin in ihrer Egomanie, die nur den Job kennt, irgendwann alle vertrieben.

Reif für die Wahrheit

Carrie Mathison, Saga Norén oder Sarah Lund stehen für grosse Erzählkunst, die komplexe Handlungen dank vielschichtigen Charakteren vorantreibt. Claire Danes, Sofia Helin und Sofie Gråbøl leihen den neuen Figurinen unserer Zeit ihre Gesichter, machen sie zum Mythos und räumen gleichzeitig auf mit der Vorstellung, Fernsehen sei etwas für schlichte Gemüter, die beim Filmschauen lieber nicht nachdenken. Den Wallanders dieser Welt mit ihrer schlechten Laune und den ewiggleichen Eheproblemen haben sie längst den Rang abgelaufen.

Übersinnlich unterwegs: Winona Ryder in „Stranger Things“. (Bild: Netflix)

So darf auch die wunderbare Winona Ryder gerade ein Comeback feiern in der Netflix-Mystery-Serie „Stranger Things“. Dass der Plot wenig stilsicher und zuweilen recht kindisch zwischen „Poltergeist“ und „E.T.“ irrlichtert, spielt hier zusehends keine Rolle, weil die Serie ganz auf die Hauptfigur fokussiert, bei der man nie so genau weiss, wo hier schon der Wahnsinn anfängt. Die 46-jährige Ryder gibt die nervtötende Mutter, die überzeugt ist, übersinnliche Kontakte zu ihrem verschwundenen Sohn zu haben, in schrill-ironischer Anspielung auf die Ausreisser in ihrem wahren Leben.

Die neuen Serien schaffen also mit ihrer auffallend starken weiblichen Performance in Wirklichkeit eine Balance angesichts der chronischen Klagen über den Mangel an interessanten Rollen für reifere Schauspielerinnen. Von Meryl Streep stammt der Satz, sie habe „ab vierzig nur noch Hexenrollen angeboten“ bekommen, und Maggie Gyllenhaal erklärte im vergangenen Jahr, dass ihr mit siebenunddreissig von einem Hollywoodproduzenten gesagt wurde, sie sei „zu alt, um die Geliebte eines 55-jährigen Mannes zu spielen“.

Wahrheitssucherin: Elin Hammar (Louise Peterhoff) in „Blue Eyes“. (Bild: ZDF ENterprises)

In der eindringlichen, politisch brisanten schwedischen Serie „Blue Eyes“ über rechtsextremen Terrorismus und politische Korruptheit sind gleich alle entscheidenden Parts – Opfer, Täterin, Aufklärerin und Überläuferin – mit Frauen besetzt. Die Übergänge zwischen Selbstzweifel, Skrupel und Irrtümern sind dabei fliessend und fordern diesen Protagonistinnen einen schmerzvollen Erkenntnisprozess ab. Die beiden Hauptfiguren (gespielt von Louise Peterhoff und Karin Franz Körlof), die auf diametral verschiedenen Seiten für Gerechtigkeit kämpfen, verstossen selber gegen das Gesetz.

Der amerikanische Drehbuchautor Joss Whedon („Buffy the Vampire Slayer“, 1997–2003) plädierte vor geraumer Zeit für ein neues Frauenbild in Film und Fernsehen, genervt davon, dass in Horrorfilmen immer „dieses blonde Mädchen vorkommt, das nachts über einen dunklen Weg läuft und garantiert von einem Monster getötet“ wird. Gegenwärtig stellen Serien eine neue Regel auf, die da heisst: Es gibt keine typischen weiblichen Opfer. So neurotisch die neuen Mädels auch sein mögen, als schwaches Geschlecht würde man diese Bad Girls nicht bezeichnen.

In der neuen britischen Krimiserie „Marcella“ reagiert die gleichnamige Heldin mit Nachspionieren, als ihr Ehemann ihr mitteilt, dass er sich von ihr trennen will. (Bild: PD)

In der neuen britischen Krimiserie „Marcella“ reagiert die gleichnamige Heldin mit Nachspionieren, als ihr Ehemann ihr mitteilt, dass er sich von ihr trennen will. Als seine neue Freundin tot aufgefunden wird, kann sich Marcella (Anna Friel) an nichts mehr erinnern und gerät in einen Strudel von Selbstzweifeln und Vertuschungsversuchen. Zwar wirkt vieles in der ersten Staffel (2016) der Netflix-Produktion wenig originär, da die Hauptfigur sich als so angestrengte wie blasse Kopie ihrer schillernden Kolleginnen aus „Homeland“ oder „Kommissarin Lund“ entpuppt. Dennoch bewegt sich auch diese Serie aus der Feder des Saga-Norén-Schöpfers Hans Rosenfeldt (siehe nebenstehendes Interview) weitab vom pubertären Schuh-Tick aus „Sex and the City“ (1998–2004) und der im häuslichen Bereich brav abgezirkelten Winkelzügen der „Desperate Housewives“ (2004-2012).

Befreites Gefühl

Eines ist sicher: Die neuen Protagonistinnen setzen der harmlosen Verklärung von Weiblichkeit andere Rollenbilder entgegen und spielen sich damit im Mainstream des Kulturbetriebs gerade weit nach vorn. Das ist ein ehrenvolles Unterfangen, wenn man sich vor Augen führt, dass die historischen Vorläuferinnen der „Soaps“ zwar ganz auf ein weibliches Publikum zugeschnitten waren, dabei aber die tradierten Rollenmuster untermauerten. In den 1930er Jahren brachte das fürs Radio erfundene, serielle Erzählformat als Werbeträger den amerikanischen Frauen die Produkte für den Alltagsgebrauch nahe. Mit der Erfindung des Fernsehens rückten zwar die Hoffnungen und Ängste der Mittelschicht in den Fokus, aber die Geschlechterrollen blieben weitgehend die alten.

Mit den starken Frauenbildern gegenwärtiger Serien scheint sich das Unterhaltungsmedium auch aus gewissen selbstauferlegten Zwängen und Klischees befreien zu wollen. Denn, sehen wir einmal von „Downton Abbey“ ab, die Frauenfiguren mit Nervenstärke und Nehmerqualitäten nehmen allenthalben zu. Damit geraten gottlob auch jene Gewissheiten ins Wanken, wonach das weibliche Geschlecht in der populären Unterhaltung für das Gute, Schöne und vor allem: Saubere (Soap) zuständig sei.

„Ich habe Angst, dass ich nicht mich selbst bin hier drin. Und ich habe Angst, dass ich es bin“. Piper Chapman in „Orange Is the New Black“

Und wenn Robert Arp die bipolare Störung von Carrie darauf zurückführt, dass uns solche mentalen Erkrankungen dazu dienen mögen, „anscheinend geschlechtsuntypische Handlungen zu erklären“, dann mag das zwar eine unzeitgemässe joviale Ansicht sein. Gleichzeitig bekommt damit aber auch jede noch so kleine Neurose ihren tieferen Sinn.

Tayler Schilling als Piper und ihre Freundinnen aus dem Gefängnis in „Orange is the New Black“ (Bild: PD)

Das Happy End, so haben wir längst gelernt, ist die kleine Schwester der Episode. Die Geschichte im Ganzen erfordert einen langen Atem. Was ist eigentlich aus Sarah Lund geworden? Und bringen sich in der sechsten Staffel von „Game of Thrones“ (seit 2011), während sich die Männer noch die Köpfe einschlagen, nicht etliche Frauen aus verschiedenen Geschlechtern im Spiel um den Thron stillschweigend in strategisch günstige Position?

„Ich habe Angst, dass ich nicht mich selbst bin hier drin. Und ich habe Angst, dass ich es bin“, sagt Piper Chapman (Taylor Schilling), die in „Orange Is the New Black“ wegen einer jugendlichen Dummheit im Frauengefängnis sitzt. Da schleicht schon die nächste Neurose um die Ecke. Aber Angst, wie wir nun wissen, kann ja durchaus hilfreich sein.