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Juniormarathon

Die schrecklichen Eltern

Meinung / von Barbara Kaufmann / 07.04.2016

Ein Bild vom Linzer Juniormarathon vergangenes Wochenende schockierte die Öffentlichkeit. Es zeigt erschöpfte Kinder, die von ihren Eltern ehrgeizig über die Ziellinie gezerrt werden. Was sind das für Eltern, die ihren persönlichen Wunsch zu siegen über das Kindeswohl stellen?

Es war ein trauriger Anblick, der sich den Mitschülern im Musikgymnasium jeden Freitag in der Mittagspause vor Beginn des Nachmittagsunterrichts im Klassenzimmer bot. Da saß L. mit dem Mut der Verzweiflung am Klavier und hämmerte in die Tasten. Ohne zu essen wie die anderen. Ohne rauszugehen und ein wenig die Sonne zu genießen, bevor es weiterging. Ohne auch nur einmal zu lächeln. L. war ein beliebter Schüler. Er konnte Cäsar und Cicero vom Blatt weg übersetzen, er war ein guter Mathematiker und tat sich leicht in Physik und Chemie, er hatte viele Talente. Klavierspielen gehörte nicht dazu. Das war nicht nur den Professoren, dem Direktor und den Mitschülern klar. Selbst der Schulwart, dessen Frau das Schulbuffet unterhielt, steckte dem armen Jungen hie und da ein paar Gratis-Schokobananen zu. Als Aufmunterung oder damit er wenigstens kurz aufhörte zu spielen. So sicher war das nicht. Nur eine wollte davon nichts hören: L.s Mutter.

Sie lebte in der fixen Vorstellung, dass ihr Sohn Pianist werden sollte. Ein weltweit gefeierter noch dazu. Sie würde ihn selbstverständlich zu all seinen Konzertreisen begleiten und über sein Management und seine kostbaren Hände wachen, für die sie eigens eine Handcreme in der Apotheke anrühren ließ, die gegen Krämpfe und Verspannungen helfen sollte. Nach den Schulkonzerten, die immer am Ende des Semesters stattfanden und die für L. ein einziger Alptraum waren, wartete sie stets am Bühneneingang in der Schulaula auf ihren Sohn. Stark geschminkt, eingehüllt in einen bodenlangen Pelz, üppig mit Ketten behängt stand sie da, musterte die anderen musizierenden Schüler mit finsterem Blick und sah mit der Cremedose in der Hand aus wie eine Giftmischerin aus dem Umfeld der Familie Medici. Man wusste nicht viel über sie, außer dass sie selbst vor der Geburt ihres einzigen Kindes Klavier gespielt hatte, ihre Karriere jedoch ihm zuliebe an den Nagel gehängt hatte und seit L. gehen konnte, mit ihm verbissen übte, weil sie davon überzeugt war, dass ihr Sohn dort Erfolg haben würde, wo sie selbst in ihren Augen gescheitert war.

Stage Moms und Eislaufmütter

Stage Moms – Bühnenmütter nennt man solche Mütter im angloamerikanischen Raum umgangssprachlich. Hierzulande hießen sie früher „Eislaufmütter“, wobei das Eislaufen in den vergangenen Jahren durch weitaus prestigeträchtigere Hobbys ersetzt wurde. Einige besonders ehrgeizige Eltern warten gar nicht mehr, bis das Kind sich mühelos auf den eigenen zwei Beinen aufrecht halten kann, um es beim Kinder-Yoga, beim Japanisch-Kurs für Vorschüler oder beim veganen Backen anzumelden. Schon bei der Geburt bekommt der Säugling monströse Doppelnamen verpasst, die ein Versprechen für seine Zukunft geben sollen. Sophie-Theres, Theodor-Alexander, Gustav-Maya.

Die Kinder heißen wie die großbürgerlichen Sprosse der Fontanes, Manns und Schumanns und in Folge wird in sie unbewusst die Hoffnung gesetzt, ein ebensolches Leben zu führen. Und wenn sie nicht von selbst den Weg in die von den Eltern erdachte Existenz als unsterblicher, weltberühmter Künstler, Schauspieler, Komponist oder ähnliches finden, wird eben nachgeholfen. Koste es, was es wolle. Zur Not auch die unbeschwerte Kindheit.

Das Kind als verlängertes Ich

Psychologisch ist die totale Identifikation eines oder beider Elternteile mit dem Nachwuchs samt Projektion der eigenen Lebenswünsche auf die Kleinen kein ungefährliches Unterfangen. Anstatt sich abzugrenzen und dem Kind seinen eigenen Raum zu lassen und damit auch seiner Entwicklung, gehen solche Eltern eine innige Symbiose mit ihren Kleinsten ein. Das Kind wird als verlängertes Ich betrachtet, das die eigenen Träume verwirklichen soll, vor allem wenn sie im Leben der Eltern längst geplatzt sind. Das hat nichts mit moderner Pädagogik zu tun, sondern mit pathologischem Narzissmus, der es dem Kind verwehrt, eine eigene Persönlichkeit abseits von der des Elternteils zu entwickeln.

Die rücksichtlose Vereinnahmung des eigenen Kindes für den persönlichen Ehrgeiz wurde auf besonders abstoßende Art und Weise am vergangenen Wochenende beim Juniormarathon in Linz offenbar. Das Bild, das ein Sportfotograf von der Ziellinie der Veranstaltung gemacht hatte, schockierte nicht wenige. Zeigte es doch erschöpfte und todmüde Kleinkinder, die von ihren Eltern regelrecht über die Ziellinie gezerrt wurden, obgleich einige der Juniorsportler offensichtlich schon längst keine Kraft mehr dafür hatten. Zu groß war der Wunsch der Eltern zu siegen.

L.s Mutter hat nicht gewonnen. Kaum war die Matura geschafft, zog er aus und studierte Biologie. Am Flügel, den seine Mutter ihm geschenkt hatte, stehen heute Orangenbäumchen, Palmen und ein Aquarium mit den Fischen seiner Kinder. Die finden Pflanzen und Tiere toll, sollen aber keine Biologen werden müssen. Sondern das tun, was ihren eigenen Interessen entspricht und ihnen Freude macht. Das ist L. am wichtigsten.