KOLUMNE

Die Sehnsucht, da zu sein

Meinung / von Peter Strasser / 01.11.2015

Heute war ich schon früh unterwegs. Noch wurden keine Hunde Gassi geführt, nur ab und zu ein bettflüchtiger Läufer. Erst wenige Radfahrer huschten über die laubbedeckten Wege, die vor sich hin dunkelten.

Die Nacht war nicht vollends gewichen. Was wollte ich draußen?

Ich habe natürlich eine Erklärung parat. Ist es nicht eine Schande, dass wir Städter in unseren Wohnburgen aus Beton kaum dazukommen, den aufdämmernden Tag zu begrüßen? Und zwar ohne Hund an der Leine, ohne Pulsmesser am Handgelenk, ohne nervösen Daumen an der Fahrradklingel? Einfach so. Das wäre meine Erklärung, wollte mich jemand fragen, jetzt, da ich dabei bin, den Frühstückstisch zu decken.

Ich habe den Tag aufdämmern sehen. Ich habe gesehen, wie die vom Nachtfrost harten Blätter von den Bäumen fielen. Ich habe gehört, wie sich da und dort ein Fenster öffnete, eine Zigarette aufleuchtete – ach, ein Nikotinglühwürmchen.

Naturkitsch? Egal.

Denn wenn ich ehrlich sein wollte (was ich nicht will), dann müsste ich zugeben, dass ich gar nicht draußen war, um den neuen Tag zu „begrüßen“. Was ich wollte, war nämlich dies: wieder einmal spüren, wie es ist, wenn man nach Hause kommt.

Es ist eine Sehnsucht in mir, die nie gestillt wird, wenn ich von einer Reise zurückkehre. Man reist heute, wie man einkaufen geht. Sightseeing, Sightshopping. Man kehrt nicht zurück, weil man nie wirklich weg war. Wenn ich reise, bin ich bloß woanders.

Jetzt aber bin ich da, zurückgekehrt, um den Frühstückstisch zu decken.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.