Morgengrauen

Die Seligkeit des Nacktmulls

Gastkommentar / von Peter Strasser / 12.10.2016

Eine Freundin, die ich wegen ihrer Neugierde für Weltangelegenheiten in Weltgegenden bewundere, von denen ich nicht einmal weiß, in welcher Himmelsrichtung sie liegen, hat mich sanft getadelt. Ich dürfe, sagte sie, meine Augen vor der Wirklichkeit nicht verschließen. Sie sagte das „in Eile“, weil sie, wie sie hinzufügte, „schrecklich neugierig“ gemacht worden sei durch ein Vorkommnis, das sich aus lauter Einzelheiten zusammensetzte, welche exotische Namen trugen, von denen ich noch nie etwas gelesen oder gehört hatte.

Mir blieb aber das Wort „schrecklich“ in Erinnerung, es begann in mir sozusagen auszutreiben. Heute Nacht wachte ich dann auf und hatte ein multizyklopisches Körpergefühl, ich weiß nicht, ob es dafür einen Fachausdruck gibt. Na, egal, es fühlte sich an, als ob ich rundherum, bis in die kleinsten Hautfalten hinein, Augenpusteln hätte. Das Unbeschreibliche lässt sich nicht besser beschreiben. Mein Körper bestand aus lauter Pusteln, die schrecklich neugierig darauf waren, etwas zu sehen. Und siehe, sie alle sahen, und sie sahen alles, was es zu sehen gab, auch winzigste Details in jenen meiner Körpergegenden, von denen ich am liebsten nie etwas erfahren hätte. Da sie aber alle alles zugleich sahen, sahen sie gleichzeitig praktisch nichts.

In diesem hellsichtig blinden Moment erwachte ich aus meinem multizyklopischen Albtraum. Als ich wieder einschlief, träumte ich selig davon, ein blickloser Nacktmull zu sein, wunschlos angeschmiegt an seine Nacktmullliebste.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Letzteres gibt es nun auch in Buchform: „Morgengrauen. Journal zum philosophischen Hausgebrauch“.