Illustration: Peter Gut

Die sozialistische Glücksutopie des Internet

Gastkommentar / von Manfred Schneider / 30.05.2016

Noch jede technische Errungenschaft hat nach einer gewissen Zeit an Glanz verloren. Nur mit dem Internet verbindet sich die nicht enden wollende sozialistische Glücksutopie einer verschworenen Netzgemeinschaft. Ein Gastkommentar von Manfred SchneiderManfred Schneider ist emeritierter Professor für deutsche Literaturwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum. 2013 erschien „Transparenztraum“. .

Die großen technischen und wissenschaftlichen Errungenschaften, die dem Westen den Weg in die Moderne und die Postmoderne eröffnet haben, Kompass, Drucktechnik, Automatisierung, Kino, Flugzeug, Radio, Fernsehen, Computer, wollten stets der Verbesserung des Lebens dienen. Alle technischen Revolutionen führten daher gerne ein Evangelium mit sich, das höheres Glück, Frieden und Verständigung ankündigte.

Die Euphorie über solche technischen Wunder war nur zu begreiflich. Manche Apostel sahen mit den großen Errungenschaften gleich auch neue Menschen auftreten: mit dem Telefon den zivilisierten, mit dem Auto den demokratischen, mit dem Computer den rationalen Menschen. Allerdings wurden alle schönen Maschinen bald durch Kommerzialisierung und Alltäglichkeit fade, die neuen Menschen blieben die alten, und die grandiosen Aussichten hinterließen oft ideologische Ruinen. Wer würde heute noch wie die Futuristen eine Ode auf das Flugzeug dichten oder wie Gottfried Benn das Radio besingen, wer priese in Versen die Kybernetik?

Der Lärm der Verständigung

Wenn wir aber unsere neueste revolutionäre Errungenschaft, das Internet, beobachten, dann scheinen bei dieser Revolution das messianische Heil und das soziale Glück nicht enden zu wollen. Dabei ist auch die virtuelle Welt des Cyberspace in unseren Alltag eingesickert, seine Wunder begleiten uns auf allen Wegen, und das Glück universaler Verständigung lärmt in Gestalt der Smartphones in unseren Hosentaschen. Doch immer wieder flüstern uns neue Freunde zu, dass wir dem Netz sei dank in einer besseren Welt leben.

Sie räumen zwar ein, dass uns diese bessere Welt nicht auf ein höheres moralisches Niveau gehoben hat, denn der Weltgeist, der nun in Lichtgeschwindigkeit um den Erdball fliegt und sich durch Glasfaserkabel zwängt, verbreitet außer Wissen und Wohlmeinen auch tausend Sorten digitalisierter Scheußlichkeiten. Doch ist die Verbesserung, so suggerieren diese Stimmen, sozial. Im Netz, so hören wir, findet die in Individuen und Gesellschaften, in Entfremdung und Isolation zerstreute Menschheit endlich zu ihren Urformen zurück: Sie wird wieder Gemeinschaft, chattende, dörfliche, familiale, behagliche „Community“.

Immer wieder flüstern uns neue Freunde zu, dass wir dank dem Netz in einer besseren Welt leben.

Auf Plattformen wie in Newsgroups, sozialen Netzwerken, Blogs, auf WhatsApp und Facebook und über andere Dienste vereinen wir uns wieder auf der alten kollektiven Allmende. Wir umarmen uns freilich in virtueller Freundschaft, aber das hat den weiteren Vorteil, dass die unangenehmen Seiten der körperlichen Nähe, Geruch, Berührung, Blick, Schwatzen, ausgefiltert werden und das pure virtuelle Beisammensein übrig bleibt.

So sind wir nicht nur zu den Gemeinschaften und Communitys zurückgekehrt, wir haben auch eine höhere Stufe sozialen Vertrauens erklommen. Dieses Vertrauen spricht sich beispielhaft an einer tausendfach geposteten Formel aus: „Weiß hier zufällig irgendjemand …?“ Nie hat sich das Unwissen so behaglich und vertrauensvoll gehegt gefühlt wie heute. Es fragt einfach nur in den virtuellen Raum hinein: „Unser Babyfon lädt nicht mehr. Weiß hier vielleicht irgendjemand, was man da machen kann?“ Kaum ist ein solcher Ruf durch den Cyberspace gehallt, schon strecken sich aus der Community die Hände entgegen und wissen Rat.

Vernebelungsmacht

Bereits 1994, in den Kinderjahren des Internets, jubelte der amerikanische Soziologe Howard Rheingold über das neue Lebensgefühl und die politische Macht virtueller Gemeinschaften, die sich im Internet bildeten. Dieser Aufbruch, der Rheingold dann von einem „elektronischen Athen ohne Sklaverei“ träumen ließ, geriet rasch ins Stocken. Kaum ein Jahrzehnt später überarbeitete Rheingold seine soziale Utopie und brachte sie unter dem Titel „Smart Mobs“ heraus. Jetzt kündigte er die segensreiche Herrschaft der Smartphone-Aktivisten an. Sie können einmal als (gute) politische Bruderschaften auf den Plätzen Kairos und Istanbuls für demokratische Rechte auftreten; sie können aber auch über das Internet Hassreden, Shitstorms und massenhafte Beleidigungen verbreiten. Unerschütterlich zählt Howard Rheingold auf, wie viel Gutes Communitys doch leisten, und er zieht dabei leichthändig Verbindungen zwischen kollektiven Elefantenjagden vor tausend Jahren und Revolutionären und Problemlösern im Internet heute.

Woher kommt diese Vernebelungsmacht der Gemeinschaftsutopien, die sich im Netz so frisch halten? Im Jahre 1887 erschien ein Schlüsselwerk der Soziologie, Ferdinand Tönnies’ „Gemeinschaft und Gesellschaft“. Darin beschrieb Tönnies Formen und Dynamik kollektiver Willensbildung in der Moderne. In der Gesellschaft herrsche die Willkür zahlloser Individuen, während sich in den traditionellen Gemeinschaften auch ein kollektiver Wille ausspreche. Die vergangene Gemeinschaft pflegte Eintracht, Sitte, Religion; die moderne Gesellschaft dagegen lebe durch Konvention, Politik, öffentliche Meinung. In seiner Fortschreibung dieser Prozesse sah Tönnies bereits 1887 voraus, dass das letzte Ziel der Moderne darin bestehe, die Vielheit der Staaten aufzuheben und „eine einzige Welt-Republik von gleicher Ausdehnung mit dem Welt-Markte zu stiften“.

Woher kommt die Vernebelungsmacht der Gemeinschaftsutopien, die sich im Netz so frisch halten?

Das Buch hatte nach 1900 enorme politische Wirkungen. Denn mit seiner Analyse gab Tönnies den radikalen Kommunisten und Sozialisten recht, welche die egoistische, kapitalistische Gesellschaft zugunsten einer künftigen Gemeinschaft der Solidarität und gleicher Güterteilung überwinden wollten. Und so verbreitete die deutsche Jugendbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Anschluss an Tönnies die Ideologie der Gemeinschaft als neues Ideal des Zusammenlebens.

Zahlreiche Schriftsteller und Intellektuelle, von Walter Benjamin, Martin Heidegger, Carl Schmitt bis zu Norbert Elias, wurden von der Jugendbewegung der ersten Jahrzehnte geprägt. Lebensreformer verwandelten sich gleich ganz in Allmende-Bewohner. Später tunkten linke wie rechte Jugendorganisationen ihre Leitsätze in den Gedankenbrei der Wandervogelbewegung. Ernst Jüngers trunken-nüchterne Kriegsbücher sind voll von dieser falschen Romantik. Auch Jugendbewegungen der Nachkriegszeit mit politischer oder religiöser Ausrichtung malten die naiven Bildchen der Gemeinschaft erneut aus: die Studentenbewegung, die Hippiekultur, Wohnkommunen oder auch Fan-Zirkel. Allerdings verstehen sich auch kriminelle Organisationen wie die RAF, die Mafia, Rockerbanden oder Hooligans als Gemeinschaften.

Die alte Verheißung

In eher theoretischer Gestalt kehrte die Idee der Gemeinschaft als eine der modernen Gesellschaft des Egoismus überlegene Utopie sozialer Organisation (und Ideologie) in der angelsächsischen Philosophie des Kommunitarismus zurück. In den achtziger Jahren boten Denker wie Charles Taylor oder Michael Walzer gegen den von ihnen diagnostizierten Verfall traditioneller Werte und gegen die Krisen der modernen Gesellschaften die alte Verheißung der Gemeinschaften auf. Wie Tönnies, der in Familie, in Nachbarn und Freunden die Partner gemeinschaftlicher Beziehungen suchte, propagierten die Denker des Kommunitarismus neue politische Gemeinschaftsformen in Nachbarschaft, Freundschaft, Netzwerken oder auch in Nichtregierungsorganisationen, Gewerkschaften und Vereinen. Was bedenkenswerte Diskussionen auslöste, kehrt heute ausgezehrt und gespenstisch in der Netzideologie zurück.

Die Netz-Gemeinschaft wird keine Gemeinschaft sein, sondern eine Versammlung von IT-Kunden.

Howard Rheingolds „Virtuelle Gemeinschaften“ knüpften an ein Buch der achtziger Jahre an, an Benedict Andersons „Imagined Communities“. Das Buch kündigt im Untertitel „Reflections on the origin and spread of nationalism“ an und entwickelt den Gedanken, dass die Einheit und Identität von Nationen lediglich in der Vorstellung ihrer Bürger lebte. Das Imaginäre der Nationen kreist um bahnbrechende Gründungsszenen wie den Auszug aus Ägypten, den Rütlischwur, die Tea-Party, den Sturm auf die Bastille oder die Erstürmung des Winterpalais von Sankt Petersburg. Das Gemeinsame solcher „imaginärer Gemeinschaften“ – seien sie politische Narrationen oder Netzmythen – liegt darin, dass sie zwar Erfindungen sind, aber starke Wirkungen erzielen.

Nun entsteht für die Menschheit gewiss kein Schaden, wenn sich Online-Gruppen als solche Communities verstehen; in vielerlei Hinsicht sind es auch noch Jugendkulturen. Allerdings muss es für jede demokratische Gesellschaft alarmierend sein, wenn sich kommerzielle IT-Unternehmen wie Facebook als neue soziale Gemeinschaften mit politischem Anspruch aufspielen, die Freundschaften ermöglichen und durch Teilhabe an Bildern, Videos und persönlicher Information eine höhere quasisozialistische Netzgesellschaft einrichten.

Virtueller Sozialismus?

Für solches Ideologie-Business lassen auch Professoren gerne die Tippfinger fliegen. So behauptet der Harvard-Professor Yochai Benkler, dass Sharing, der freie Austausch von Programmen, Musik, Filmen, Literatur, neue friedliche Formen des Sozialen hervorbringe. In der gleichen Tonart lässt sich der amerikanische Professor Jeff Jarvis vernehmen, der 2011 mit seinem Buch „Public Parts“ hervortrat und der Welt im Untertitel die Aussicht versüßte: „How sharing in the digital age improves the way we work and live“.

Dieses Hosianna würden alle rufen, wenn das Netz erst zum Medium absoluter Offenheit und Transparenz geworden sei. Und für Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, der auch die Community-Phraseologie wie Schokolade verfüttert, ist die Facebook-Welt eine virtuelle sozialistische Gemeinschaft: „If people share more the world will become more open and connected. And a world that’s more open is a better world.“ Man muss wohl sehen, dass Netz-Gemeinschaften an die Stelle einer Gesellschaft der Individuen treten sollen. Nur, Freunde! Es werden keine Gemeinschaften sein, sondern IT-Kunden. Weiß hier eigentlich irgendjemand, was eine bessere Welt ist?