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Abschied

Die Trauerarbeiter

von Barbara Kaufmann / 11.02.2016

Wenn man jemanden verloren hat, steht die Welt still. Und eigentlich möchte man sie auch anhalten. Man möchte nicht, dass alles weitergeht. Unbeeindruckt. Ohne diesen Menschen. Aufstehen, sich anziehen, weitermachen. Weiterarbeiten im Büro, in der Bar, am Bauernhof. Man kann es versuchen. Aber die Gedanken wandern. Durch die Stadt. Ins Tal der Kindheit. Zu all jenen, die trotz Trauer arbeiten. Oder mit ihr. 

Im Laufhaus

Grellrot blinkt die Reklametafel des Laufhauses in der Vorstadt. „Kontaktzentrum – schnell, diskret, unkompliziert.“ Am Gehsteig davor spielen ein paar Buben, vielleicht 7, 8 Jahre alt, in der Dämmerung Fußball. Eine alte Frau geht an ihnen vorbei in die Richtung der Sozialwohnbausiedlung, die sich zehnstöckig am Horizont erhebt. Sie schnauft angestrengt, die Taschen in ihrer Hand sind prall gefüllt mit Vorräten. Ein junger Mann Anfang 20 in Malermontur biegt in das Laufhaus ein. In der Ferne bellt ein Hund. Eine heisere Männerstimme in breitem Wienerisch ermahnt ihn, ruhig zu sein. „Gusch!“ Der junge Mann in der Malermontur beschleunigt seinen Gang. Er hat sechs Tage durchgearbeitet, inklusive Wochenende. Er ist müde und erschöpft, er spürt jeden Muskel in seinem Körper. Trotzdem ist er aufgeregt. Er freut sich auf Tanja. Seine Favoritin.

Zwei Stockwerke über ihm hat sie gerade einen Kunden verabschiedet. Sie springt unter die Dusche. Sie cremt ihre Haut mit Kokos-Lotion ein. Ihr Rücken ist noch nass. Die dickflüssige weiße Creme zieht nicht sofort ein. Tanja hat nicht viel Zeit. Der nächste Kunde wird gleich kommen. Tanja hätte lieber eine Pause. Tanja ist müde. Ihr Opa ist vor ein paar Tagen gestorben. Er hat ihr das Radfahren beigebracht – auf einem rostroten Rad mit einer lauten Klingel. Tanja hat ihren Opa sehr geliebt. Es läutet an der Tür des kleinen Zimmers, in dem Tanja ihrer Arbeit nachgeht. Schnell lässt sie die Bodylotion in der Lade der Kommode verschwinden. Die Kunden sehen nicht gerne, wie sie wird, was sie für sie ist. Später wird sie mit der Nachbarin auf eine Zigarette in den Hof gehen. Sie wird auf der Heimfahrt im Auto auf der Autobahn das Lied hören, das sie so gerne zusammen gesungen haben. Sie wird an den Straßenrand fahren und warten. Bis ihr Blick nicht mehr verschwommen ist.

Am Friedhof

Abends liegt der kleine Friedhof im Außenbezirk verlassen da. Eine Insel der Ruhe inmitten des Pendlerverkehrs. Abgeschnitten von der Außenwelt, von den kleinen Gruppen der Jungmütter mit Kinderwägen, die vom benachbarten Spielplatz heimziehen. Von den Berufstätigen, die noch schnell im Supermarkt gegenüber das Abendessen einkaufen. Von den alten Leuten, die mit dem Hund vor die Haustür gehen. Um unter anderen allein zu sein. Die Tore zum Friedhof stehen offen. Doch bis auf die Flammen der Grabkerzen im Wind bewegt sich nichts auf dem Areal. Nur Hans, der alte Friedhofswärter, schlurft zum Eingang. Sein Gesicht ist grau und zerfurcht und hat dieselbe Farbe wie die marmornen Grabsteine, die er täglich am Morgen mit dem Gartenschlauch abspritzt. Sommer wie Winter.

„Bei uns ist nie viel los“, sagt er. Mit „uns“ meint Hans die Toten. Er spricht oft mit ihnen. Weil niemand anderer da ist. Weil niemand anderer mit ihm spricht. „Die Leut’, die kommen, reden nicht gern und haben ’s immer eilig.“ Er räuspert sich und spuckt auf den Boden. „Als wär der Tod ansteckend.“ Er nimmt die leere grüne Gießkanne zur Hand, die neben dem Brunnen am Eingang steht und geht davon. Er wird ins Wärterhäuschen gehen, er wird eine Dose Bier öffnen, er wird sie austrinken und auf den Friedhof hinaussehen. Wie jeden Abend.

In der Bar

In der Bar in der Innenstadt macht Carola heute Überstunden. Die Arbeit ist gut bezahlt. Die Bar jeden Abend gut gefüllt. Auch unter der Woche. In den dunklen Ledersesseln sitzt eine Gruppe Männer Ende 40 und raucht Zigarren. Sie lachen und trinken und unterhalten sich laut. Mittendrin, am selben Tisch, aber etwas zurückgelehnt, hält sich eine junge Frau im dunkelblauen Kostüm verkrampft aufrecht. Unauffällig, unscheinbar, unsicher an ihren Filofax geklammert. Als könnte ihr die kleine Mappe mit dem Lederbezug Halt geben. Carola stellt die Getränke auf den Tisch. Viermal Rotwein, einmal einen weißen Spritzer für die junge Frau. Die Worte „vögeln“ und „Arsch“ fallen, gefolgt von lautem Gelächter.

Für den Bruchteil eines Moments treffen sich die Blicke von Carola und der Frau, deren Finger sich um das Glas mit dem verdünnten Weißwein klammern. Die junge Frau sieht verunsichert aus, ängstlich. Carola nickt ihr aufmunternd zu. Sie kennt diese Gespräche. Je lauter sie werden, umso besser ist das Trinkgeld. Sie wird um zwei Uhr nachts nach Hause gehen. Sie wird am Ende der Woche die Miete für ihre Wohnung beisammen haben. Sie wird über das Gehörte nicht mehr nachdenken. Carola geht zurück zur Bar. Sie schenkt neue Getränke ein. Die junge Frau folgt ihr. Sie setzt sich ungelenk auf einen Hocker. Sie knabbert ein paar Erdnüsse. Carola blickt nicht auf. Sie muss es auch nicht. Sie weiß, was sie ihr gleich erzählen wird.

Am Schattenhang

Die Ortschaft, die Bruno groß und stark gemacht hat, liegt in einem engen Tal, verteilt auf zwei Hänge. Die Kirche, die Schule, der Großbauer sind auf der Sonnenseite. Der Hof von Brunos Eltern und Großeltern und Urgroßeltern steht im Norden, etwas abseits, auf der Schattenseite. „Das macht mir nix“, sagt Bruno. „Sonne ist Licht, und Licht kommt aus der Steckdose.“ Wenn er in der Sonne liegen möchte, sich bräunen, sich von den Strahlen in den Nasenlöchern kitzeln lassen, steigt Bruno in seinen Geländewagen. Fünf Minuten braucht er bis dorthin. Einmal über die Brücke am Fluss, den engen Weg hinauf ins Dorf, vorbei an der Kirche bis zum Vorplatz vom Dorfwirt. Aber manchmal, wenn der Föhnsturm durch das Tal zieht und er vor dem Haus steht und die Bäume sich hinter ihm im Wind biegen, dann denkt er an seinen Großvater. Und das Zimmer, das er noch nie betreten hat.

Dann hört er die Stimmen der Dorfbewohner, die sich hinter seinem Rücken zuraunen, manchmal auch direkt vor ihm, „die da oben, die haben einen Selbstmörder in der Familie“. Und er lacht sie nicht weg wie sonst. Weil sie zu laut sind, weil sie sich über den Traktorlärm legen und nachts, wenn er im Bett liegt, über ihm kreisen und ihm zuflüstern, dass niemals alles gut wird. So sehr er sich auch bemüht. Dass er das Zimmer öffnen muss, ausräumen, ausräuchern, vielleicht alles abreißen und neu anfangen. Bruno hat die Landwirtschaftsschule mit Auszeichnung gemacht. Er hat viele neue Ideen gesammelt, in Australien, in Neuseeland. Er hat gute Kontakte genknüpft zu Lokalen in der Hauptstadt, in der sie seine Produkte verkaufen. Mit einem Zuschlag, von dem er nichts sieht. Aber er ist zufrieden. Er geht zum Feuerwehrfest, er geht zur Messe, er will die Bindung zum Ort nicht verlieren. Trotz der Stimmen. Oder wegen ihnen. Er wird sie weglachen, laut, so laut, dass ihm selbst die Ohren wehtun.

Im Großraumbüro

Im Loft des Innenstadtbüros riecht es nach verbrannter Milch. Der Milchschäumer der neuen Kaffeemaschine funktioniert nicht. Ferdinand wird sich gleich darum kümmern. Er müsste es nicht, aber er kümmert sich um alles. Ferdinand kann nicht wegschauen, wenn es darum geht zu handeln. Das ist seine größte Schwäche. Ferdinand ist Ende 20, organisiert, diszipliniert, kein Gramm zu schwer, keines zu leicht, um in seinen Anzug zu passen. „Eine echte Zukunftshoffnung“, sagt der Chef, bevor er ihm seine Termine in den Kalender schiebt. Jene, die keinen Spaß machen, die keinen Glamour in sich tragen, sondern nur Arbeit, Pflicht, Verantwortung. Ferdinand öffnet die oberste Schublade seines Design-Schreibtisches. Er sieht sich aufmerksam um, niemand beobachtet ihn. Er nimmt eine Tablettenschachtel aus dem Fach und drückt eine Tablette heraus. Er hat Angst, dass man ihn ertappt. Er hat Angst, es dem Chef zu sagen. Seit ein paar Tagen hat er das Gefühl, alle wissen Bescheid. Er merkt, dass sie ihn beobachten. Er sieht die mitleidigen Blicke der Kolleginnen. Und die triumphierenden der Kollegen. Einer weniger, der den Weg nach oben verstellt. Traurigkeit macht erpressbar. Ferdinand wird nicht gerne erpresst. Heute fasst er sich ein Herz. Oder das, was davon übrig ist. Er klopft an die Tür des Chefbüros. Er tritt ein. Er setzt sich und lehnt den angebotenen Espresso ab.

„Ich weiß nicht“, sagt er zögerlich nach einer kurzen Pause. „Mir geht es nicht gut.“ Der Chef weicht seinem Blick aus. Unangenehm berührt. Er betrachtet seine Hände. Die Ärmel seines blütenweißen Hemdes, die Manschettenknöpfe, die manikürten Fingernägel. Ferdinands Herz klopft. Schließlich hebt der Chef den Blick. Verlegen. „Nehmen Sie sich Urlaub“, sagt er und schaut auf seinen Bildschirm. Ferdinand nickt. Er verlässt das Büro. Er hat den Eindruck, als ob ihn alle Kollegen im Großraum beobachten. Er geht zur Kaffeemaschine. Er untersucht den Milchschäumer. Die Milch ist noch heiß. Die Milch rinnt ihm aufs Handgelenk. Er schreit auf. Er hat sich verbrannt.