pirellicalendar.pirelli.com / Screenshot: NZZ.at

Pirelli-Kalender

Die trügerischen „Sheroes“ im neuen Pirelli-Kalender

Meinung / von Elisalex Henckel / 06.12.2015

Die Frauen im aktuellen Druckwerk des Reifenherstellers dürfen nicht nur ihre Kleider anbehalten. Nein, sie dürfen sogar etwas können. Aber müssen wir daraus wirklich ein Urteil über den Zustand des Feminismus ableiten?

Vielleicht muss man es noch einmal sagen, um sich der Tragweite des Ereignisses bewusst zu werden: Im neuen Pirelli-Kalender sind keine nackten Frauen zu sehen.

Okay, fast keine. Aber selbst die, die doch nackt sind, schauen anders aus als die meisten, die es bisher in das Druckwerk des Reifenherstellers geschafft haben: Der Bauch von Komödiantin Amy Schumer, zum Beispiel, schlägt Speckfalten, die Tennisspielerin Serena Williams wiederum zeigt Muskeln, um die sie manch männlicher Sportler beneiden dürfte.

Aber das Revolutionärste kommt erst: Die Frauen im neuen Pirelli-Kalender von Annie Leibovitz dürfen nicht nur angezogen, dick oder stark sein. Nein. Ein halbes Jahrhundert, nachdem die erste Frau ins Weltall geflogen ist, dürfen sie sogar etwas können. Schreiben, Filme drehen, ja sogar Geld anlegen. Einige von ihnen sind nicht einmal mehr jung.

Das muss man sich mal vorstellen. Alte Frauen! Auf der alljährlichen Ode an das Pin-up! Da hat sich der Reifenhersteller aber echt was getraut.

Das findet jedenfalls die New York Times. „Der Pirelli-Kalender von 2016 könnte einen Kulturwandel einläuten“, überschreibt Autorin Vanessa Friedman ihre Geschichte über das Sammlerstück, das der Konzern laut eigenen Angaben jedes Jahr an 20.000 „VIPs, Musiker, Politiker und königliche Hoheiten“ verteilt (nicht etwa verkauft). In Kombination mit der Entscheidung des US-Playboys, ab nächsten März auf Nacktfotos zu verzichten, spreche der neue Pirelli-Kalender für die Theorie, dass wir im Bereich der öffentlichen Objektivierung von weiblicher Sexualität an einem Wendepunkt angekommen seien.

Der Aufstieg des „Shero“

Die Zukunft, erklärt wenige Zeilen später eine Werbefachfrau, gehöre dem „Shero“. Oder der „Shero“? Der Heldin halt, aber das klingt irgendwie nicht ganz so revolutionär. Egal. Fest steht: Nicht nur die New York Times freut sich. Der Kalender breche mit „Traditionen und Klischees“, lobt auch Vanity Fair„Substanz statt Sex“, jubelt der britische Telegraph. Selbst dem Publikum soll es gefallen. Der „feministische“ Pirelli-Kalender „is breaking the Internet“, schreibt jedenfalls das Online-Magazin Vagabomb.

Doch nicht alle teilen die Euphorie. Der Guardian macht sich seit der Vorstellung des Kalenders sogar noch größere Sorgen um die Frauen als vorher. „Manchmal dienen genau die Dinge, die uns ermächtigen sollen, dazu, uns zu zeigen, wie weit weg von der Macht wir immer noch sind“, schreibt die Kolumnistin Suzanne Moore. „Ein paar schöne Bilder von ,echten Frauen‘ und wir sollen vergessen, dass die Modeindustrie unseren jungen Mädchen Magersucht und Selbsthass verkauft.“

Man könnte jetzt Frau Moore auf die Werbefachfrau verweisen, die der New York Times erklärt hat, dass Pirelli „eine neue Perspektive auf erfolgreiche Frauen“ eröffne und für diese „Kühnheit“ Respekt verdiene. Man könnte sich aber auch fragen, seit wann führende internationale Medien den Zustand des Feminismus am Wandkalender eines Reifenherstellers festmachen. Und wie es dazu kam.

Alternativ könnten wir demnächst auch landwirtschaftliche Fragen anhand der Veränderungen im Jungbauernkalender erörtern. In dem Fall sollten wir aber vorher vielleicht auch der Frage nachgehen, ob es wirklich noch Menschen gibt, die sich die Dinger an die Wand hängen.