Peter Strasser

Morgengrauen

Die Unschuldigen sterben aus

Gastkommentar / von Peter Strasser / 09.04.2016

Spätabends das Gedränge auf dem Flughafen. Schwerbewaffnete Polizisten hatten sich breitbeinig in den Boden gerammt, postiert hinter den Security-Gerätschaften, mit denen die Reisenden, die zu ihrem Gate strebten, samt allem, was sie mit sich führten, auf explosives Material durchsucht, abgegriffen, körpergescannt wurden.

Meine Frau und ich waren Personen, die von da nach dorthin – nach Hause – wollten und daher a priori verdächtig waren. Nach dem wieder einmal neuesten Terroranschlag (wir leben ja in der Zeit des immer wieder neuesten Terrors) registrierte ich es als meine staatsbürgerliche Pflicht, den Status eines A-priori-Verdächtigen zu akzeptieren.

Wie musste es erst jenen ergehen, die hinter ihrem gottgefälligen Schleier unschuldig lebten? Wo waren sie geblieben, die mich, einen Ungläubigen, in der Weltmetropole auf Schritt und Tritt ignoriert hatten? Sie waren längst in die andere Richtung unterwegs, immer in die andere …

Dann, heute Morgen, als ich auf der Titelseite der Zeitung die Schlagzeile lese, „Täter identifiziert“, geniere ich mich ein wenig wegen meines gestrigen Unmuts über meine A-priori-Verdächtigkeit. Die Unschuldigen sterben aus. Jetzt schaue ich durchs Fenster, auf die Kirche gegenüber. Einige Asylanten, quirlige Kinder an der Hand, verlassen ein Seitentor – es gibt dort hinten eine Notversorgung der Caritas –, mit Paketen unterm Arm. Ich bin froh, wieder zu Hause zu sein, im Land der unverschleierten Barmherzigkeit, allahu, „Gott aller Menschen“, akbar.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).