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Die Untrennbarkeit von Natur- und Geisteswissenschaften: Gemeinsam für eine Kultur der Aufklärung

Gastkommentar / von Michael Hampe / 30.09.2016

Heute, da sich alle Lebensbereiche durchdringen, ist es wichtig, Natur- und Geisteswissenschaften zusammenzudenken. Beide sind Kinder einer Kultur der Aufklärung, deren Zukunft es zu sichern gilt. Ein Gastbeitrag von  Michael HampeMichael Hampe ist ordentlicher Professor für Philosophie im Departement für Geistes-, Sozial- und Staatswissenschaften an der ETH Zürich. Zuletzt ist 2014 bei Suhrkamp erschienen: „Die Lehren der Philosophie. Eine Kritik“. .

1959 konstatierte der Cambridger Physiker und Schriftsteller C. P. Snow, dass Natur- und Geisteswissenschaften in zwei verschiedenen Kulturen existierten. Die Angehörigen der beiden Kulturen könnten nicht einmal mehr miteinander sprechen, obwohl sich ihren Berührungspunkten Möglichkeiten für grösste Innovationen eröffnen.

Stimmt diese Diagnose? Die ETH hat sie in ihrem Lehrprogramm niemals ernst genommen. An der ETH mussten Studierende der Natur- und Technikwissenschaften von Anfang an auch Geistes-, Sozial- und Staatswissenschaften belegen. Das Polytechnikum Zürich hat die Zusammengehörigkeit der beiden Denkformen kürzlich noch einmal durch eine Reform seiner Geistes- und Sozialwissenschaften im Programm „Science in Perspective / Wissenschaft im Kontext“ und in der „Critical Thinking Initiative“ bekräftigt.

Für eine aufgeklärte Lebensform

In diesen Programmen sollen Veranstaltungen angeboten werden, die es Studierenden erlauben, über die kulturellen, historischen, sozialen und philosophischen Voraussetzungen und die rechtlichen Kontexte ihrer naturwissenschaftlichen und technischen Hauptdisziplinen nachzudenken. Damit soll kein humanistisches Beiprogramm realisiert werden. Vielmehr geht es um den Versuch, den Studierenden der Natur- und Technikwissenschaften klarzumachen, dass ihre Tätigkeiten sich nicht von selbst verstehen, dass diese nur möglich und fortsetzbar sind, wenn es weiterhin das gibt, was eine aufgeklärte Lebensform genannt werden kann. Sprachlosigkeit zwischen den Geistes- und Sozialwissenschaften auf der einen und den Natur- und Technikwissenschaften auf der anderen Seite kann es für diejenigen, die ein Interesse an der Fortsetzung dieses Projekts haben, nicht geben.

Natur- und Technikwissenschaften sind nur möglich, wenn es weiterhin das gibt, was eine aufgeklärte Lebensform genannt werden kann.

In den Jahren nach Snows Diagnose sind zahlreiche Gründe dafür genannt worden, warum es denn zu Kommunikationsproblemen zwischen Physikern und Literaturwissenschaftern, Maschinenbauern und Philosophen gekommen ist. Ein Grund lag sicherlich in der Entwicklung der Geisteswissenschaften selbst. In manchen ihrer Spielarten lenkten sie den kritischen Geist der Aufklärung gegen diese selbst und damit auch gegen Naturwissenschaft und Technik.

Denn viele Probleme, welche uns heute plagen, gehen auf die Zeit der Renaissance und der Aufklärung zurück. Im frühen 16. Jahrhundert wurde die Welt von Abenteurern wie Vasco da Gama und Christoph Kolumbus nicht nur entdeckt, sie wurde in der Folge auch vom europäischen Kolonialismus unterworfen. Rassismus, Sklavenhandel, Auslöschung von Kulturen, Erzeugung von Nationalstaaten, wo keine Nationen, sondern Stämme lebten, waren die Folge.

Schliesslich haben die Leiden, die mit Massenvernichtungswaffen geführte Kriege spätestens seit dem Ersten Weltkrieg über die Menschen gebracht haben, auch in der modernen Technik ihre Ursache. Das Maschinengewehr 08/15, die Grün- und Blaukreuzgranaten im Gaskrieg sowie später die Atomwaffen sind Produkte moderner Wissenschaft. So wie die ökologisch problematische industrielle Massenproduktion von Waren wären diese Waffen ohne den Erkenntnisfortschritt, der mit der wissenschaftlichen Revolution im 17. Jahrhundert begann, nicht möglich gewesen.

In ihrer kulturkritischen Essaysammlung „Dialektik der Aufklärung“ (1939 bis 1944) erheben Horkheimer und Adorno gegen „die moderne Vernunft“ den Generalverdacht, sie sei vor allem ein Herrschafts- und die Individuen zerstörendes Instrument. Doch ihre Diagnose ist ungenau und selber nicht aufgeklärt, sondern mythisch. Die Ungenauigkeit liegt in der Rede von „der Vernunft“.

Die Vernunft als Geheimagent

Wer genauer hinschaut, sieht, dass sich seit dem 16. Jahrhundert ganz verschiedene Verfahren der Welterschliessung entwickelt haben – etwa der experimentellen Forschung, der mathematischen Symbolisierung, der politischen Willensbildung und der Regierungssysteme. Man denke an Galileis Fallrinne, Newtons Infinitesimalkalkül, Rousseaus „volonté générale“ oder Lockes und Montesquieus Gewaltenteilung. Doch von Galilei, Newton, Rousseau, Locke und Montesquieu führt kein direkter Weg zum spanischen oder britischen Kolonialismus, zum Sklavenhandel, zur Ressourcenverschwendung oder zum Maschinengewehr und zur Atombombe.

Nur wer an das Abstraktum Vernunft und daran glaubt, dass diese als Agent der Geschichte Erkenntnisse der Wissenschaft und Entscheidungen von Politikern quasi im Verborgenen steuert, kann dem Irrtum postmoderner und postkolonialer Theoretiker verfallen, Aufklärung selbst sei von Übel, weil sie den europäischen Imperialismus, die moderne Waffentechnik und ein ökologisch problematisches Wirtschaften ermöglicht habe. Wer so kurzschlüssig denkt, spielt indirekt anderen Feinden der Aufklärung in die Hände – jenen nämlich, die sich nach strenger religiöser Führung und autoritärer politischer Herrschaft zurücksehnen.

„Aufklärung“ war der Versuch, menschliche Angelegenheiten nicht mehr durch Gewalt und heilige Texte bzw. deren Exegese zu regeln.

Tatsächlich betreiben die, welche die Vernunft als Geheimagent der Geschichte unter Generalverdacht stellen, eine Geschichtsmythologie, die jenseits empirischer Belege operiert. Im Nachgang zu Galilei waren weder die Ausbreitung mathematisch-empirischer Naturwissenschaft noch die Entwicklung und der Einsatz von Massenvernichtungswaffen eine historische Notwendigkeit. Beides ist das Produkt von wissenschaftlichen Einzelerfolgen und politischen Einzelentscheidungen.

Ebenso problematisch, wie „die Vernunft“ als Kern moderner europäischer Erkenntnis- und Regierungsverfahren zu postulieren, ist es, das Wesen einer Epoche namens „Aufklärung“ auf den Punkt bringen zu wollen. Doch wer nach Gemeinsamkeiten der zwischen 1600 und 1800 in Naturerkenntnis, Mathematik und Politik entwickelten Verfahren sucht, stösst mithilfe eines der angesehensten Historiker der Aufklärung, Jonathan Israel, auf Folgendes: die Abschaffung der christlich-theologischen Hegemonie in Forschungs-, Rechtfertigungs- und Lehrverfahren sowie die Delegitimierung von Gewalt als Entscheidungsinstrument innergesellschaftlicher Konflikte.

Wenn man immer noch von der „Aufklärung“ sprechen will, so war sie der Versuch, menschliche Angelegenheiten nicht mehr durch Gewalt und heilige Texte bzw. deren Exegese zu regeln. Das Leben sollte durch empirische Untersuchungen, durch Argumente und normative Debatten Orientierung erhalten. So dachten es sich jedenfalls die radikalen Aufklärer, deren Ideen bis heute nicht ganz wirklich geworden sind.

Technik und Fanatismus

Auch der Nationalsozialismus und der Stalinismus waren nicht, wie mitunter behauptet, Kinder der Aufklärung, sondern Glaubenssysteme, die Forschung, Argument und Kritik einschränkten und Charisma, Täuschung und pseudoreligiösen Fanatismus förderten. Für den Krieg, den sie vom Zaun brachen, benutzten die Nazis aufgeklärte technische Verfahren. Aber nicht instrumentelle Vernunft, sondern fanatischer Führerkult und Glaube an die Vorsehung hielten das Regime politisch am Leben (nebst vielen anderen Faktoren).

Im unter anderem von Albert Einstein angeregten Manhattan-Projekt, das der Entwicklung und Herstellung von Atomwaffen diente, stellten sich Spitzenphysiker tatsächlich direkt in den Dienst von Waffentechnik. Sie mussten der Entwicklung dieser furchtbaren Waffe durch die Nazis zuvorkommen und haben den Schritt später doch bereut. Mit den Bombenabwürfen von Hiroshima und Nagasaki war die moderne Wissenschaft unmittelbar in den Sog des Fanatismus geraten.

Der Zusammenhang von aufgeklärten Erkenntnisverfahren und Lebensorientierung ist komplexer als jede philosophische Phantasie, die sich um ein Abstraktum wie „die Vernunft“ rankt. Keine Weltvernunft garantiert die Existenz von Naturwissenschaft und Technik. Nichtdogmatisches Denken und nichtautoritäre Diskurse müssen mühsam gesellschaftlich eingeübt werden. Keine Vernunft verhindert, dass die Ergebnisse von Wissenschaft und Technik in politisch oder religiös fanatisierten Gesellschaften missbraucht werden. Auch der IS bedient sich der Computertechnologie.

Deshalb können Geistes- und Sozialwissenschaften nicht von den Natur- und Technikwissenschaften abgekoppelt werden. Sie gehören einer Kultur an: jener der Aufklärung, um deren Fortsetzung sie sich konkret und gemeinsam bemühen können – oder auch nicht.