BETTINA FILTNER / LAIF

Familienformen

Die Vorteile der Polygamie

von Martin Amrein / 19.11.2015

Polygamie führt laut Entwicklungshelfern zu Armut und schlechter Gesundheit. Die UNO will sie deshalb verbieten. Dabei kann es einer Frau auch Vorteile bringen, den Mann zu teilen. NZZ-Redakteur Martin Amrein berichtet über die Vielehe.

Ein Gürtel der Ungleichheit durchzieht Afrika. Zwischen Senegal und Tansania gibt es so viele polygame Ehen wie nirgendwo sonst. Hier ist es nichts Besonderes, wenn auf einen Mann gleich mehrere Gattinnen fallen. Ein Drittel der verheirateten Frauen teilt sich den Ehemann, und aus westlicher Sicht scheint es klar, dass es ihnen dabei nicht gut gehen kann.

Entwicklungsorganisationen sind deshalb darum bemüht, die Polygamie aus dem Weg zu schaffen. Die UNO hält fest: Eine polygame Ehe „kann derart ernste emotionale und finanzielle Konsequenzen für eine Frau und ihre Schutzbedürftigen haben, dass solche Heiratsformen verhindert und verboten werden sollten“. Zur finanziellen Benachteiligung der betroffenen Frauen komme die erhöhte Sterblichkeit ihrer Kinder, heißt es immer wieder. Eine Studie in Ostafrika zeigt nun aber das Gegenteil. Unter gewissen Umständen führt Polygamie zu größerem Wohlstand der Frauen und besserer Gesundheit der Kinder (PNAS, online).

Intuitiv gehe man davon aus, dass Frauen in einer polygamen Ehe benachteiligt seien, sagt David Lawson von der London School of Hygiene and Tropical Medicine, die die Untersuchung durchgeführt hat. „Doch diese Sichtweise fußt mehr auf ethnozentrischer Rhetorik als auf harten Fakten“, so der Anthropologe. Mit seinem Team erforschte er über mehrere Jahre 56 Dörfer im Norden Tansanias. Verschiedene ethnische Gruppen in der Region praktizieren eine Form der Vielehe, darunter die Massai. Andere leben strikt monogam.

Als die Wissenschaftler alle Dörfer des untersuchten Gebietes miteinander verglichen, bestätigte sich der unheilvolle Effekt der Polygamie. Wo der Anteil polygamer Ehen am höchsten war, hungerten die Kinder am meisten und waren körperlich am schlechtesten entwickelt. Besonders drastisch war die Situation im Gebiet der Massai, wo polygame Ehen fast die Hälfte der Haushalte ausmachen. Hier zeigten rund 60 Prozent der Kinder Zeichen chronischer Mangelernährung. Dörfer, in denen Monogamie vorherrschte, verfügten dagegen über mehr Nahrung und gesündere Kinder.

Dann jedoch untersuchten die Forscher, was sich innerhalb der Dörfer abspielt. Sie verglichen die monogamen und polygamen Haushalte direkt miteinander und stellten fest, dass es Letzteren gar nicht schlechter ging. Oftmals waren in den Vielehen die Kinder besser entwickelt und die Nahrungsversorgung sicherer.

Demnach führt der überregionale Vergleich leicht zu einem Trugschluss, der die Polygamie schlecht aussehen lässt. Er entsteht, wenn man die ökologischen Bedingungen außer Acht lässt. Die Berechnungen von Lawson und seinen Kollegen zeigen, dass der durchschnittliche Niederschlag und die Distanz zur nächstgrößeren Stadt die entscheidenden Faktoren für das Wohlergehen einer Gemeinschaft sind. Dörfern mit einem hohen Anteil an Polygamie ergeht es nicht wegen ihrer Familienstrukturen schlecht, sondern weil sie in trockenen, vernachlässigten Regionen zu finden sind.

Ob die Vielehe im Einzelfall von Vorteil ist, hängt laut Lawson dagegen davon ab, wie der Wohlstand verteilt ist. „Die Polygamie kann für eine Frau die bevorzugte Heiratsoption sein“, sagt der Anthropologe. „Dann nämlich, wenn sie einen größeren Zugang zu Ressourcen hat als in einer monogamen Ehe.“ Tatsächlich waren im untersuchten Gebiet die polygamen Haushalte wohlhabender als die monogamen. Sie besaßen größere Landflächen und mehr Vieh.

Auf eine Schwäche der Studie weist Emily Smith-Greenaway hin. Die Soziologin von der University of Southern California in Los Angeles hat selber polygame Familienformen in Afrika erforscht. Gemäß ihr hätten sich die Forscher mehr mit gesundheitlichen als mit wirtschaftlichen Faktoren befassen müssen. „Um die Gesundheit der Kinder zu beurteilen, stützen sich Lawson und sein Team nur auf Wachstumskurven. Das ist zu wenig aussagekräftig“, sagt sie. „Wünschenswert wären Forschungsprojekte, die genauso sorgfältig durchgeführt werden, sich aber stärker mit dem eigentlichen Wohlbefinden von Mutter und Kind befassen.“

Lawson ist sich bewusst, dass seine Studie nur einen Teil der Wirklichkeit abbildet: „Wie sich die Polygamie auf das psychische Wohl auswirkt, lässt sich daraus nicht erschließen.“ Er gibt aber zu bedenken, dass in den Gebieten, in denen diese Eheform verbreitet ist, die Lebensumstände unglaublich hart sind. Die Menschen hier, besonders die Kleinsten, kämpfen ums Überleben. Dabei ist nichts so wichtig wie genügend Nahrung und körperliche Gesundheit.

„Natürlich ist die Polygamie nicht immer im Interesse einer Frau“, sagt der Anthropologe. „Manche Männer profitieren auf Kosten einzelner Frauen und Kinder.“ Eine polygame Ehe funktioniere aber von Ort zu Ort höchst unterschiedlich. Gerade deshalb sei es keine gute Idee, die Vielehe flächendeckend zu verbieten. Manchenorts heiratet eine Witwe den Bruder ihres verstorbenen Mannes, auch wenn der schon eine Frau hat. So sichert sie die Existenz ihrer Familie. „Hier schadet ein Verbot mehr, als es nützt“, sagt Lawson. Man packe das Übel besser direkt an der Wurzel. „Nicht ein Verbot der Polygamie sorgt für mehr Gleichheit zwischen den Geschlechtern, sondern eine größere Autonomie der Frauen.“ Entscheidend dafür ist, dass sich die wirtschaftliche Situation in den betroffenen Gebieten verbessert und Mädchen gleiche Ausbildungsmöglichkeiten haben wie Knaben.