Morgengrauen

Die Weltlandschaft

Gastkommentar / von Peter Strasser / 16.07.2016

Blick aus dem Fenster. Peter Handke sagte einmal, das Wetter sei immer schön, und das sagte er – glaube ich – irgendwo in einem Pariser Vorort, wo gerade der Schnürlregen einen grausilbrigen Vorhang über die sommerliche Natur legte.

Na schön, denke ich mir, wenn mein Wettervorbild Handke so denkt, dann will ich mich nicht zieren an diesem verregneten Morgen, der mich, ehrlich gesagt, an den vorfrühlingshaft Düsteren Tag von Pieter Brueghel d. Ä. erinnert. Aber zeigt nicht gerade dieser Tag, der keinen realen Ort abbilden will, eine Weltlandschaft? Ich sehe durch die Bäume hindurch die kleine Mauer entlang des ehemaligen Frauenklosters auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Irgendwer hat dort ein Transparent angebracht: „Refugees Welcome“. Solche Transparentaufschriften und Sprühbotschaften finden sich, in der Zeit anschwellenden Fremdenhasses, auch auf dem Gelände unserer Universität. Das ist normal. Hier aber, angesichts des die Ausfahrtsstraße fünf Stockwerke unter mir entlangrollenden Morgenverkehrs, berührt mich der Willkommensgruß seltsam, so, als ob jemand vergessen hätte, dass da nirgendwo irgendwelche zu Begrüßenden sind. Die Völkerwanderung in den Sommer hinein findet anderswo statt.

Ich stehe im Kühlen und schaue dem Regen zu. Auf einmal hellen die bunten Gewänder einiger Asylanten, die der Kirche neben dem Kloster zustreben, meine Dunkelheit auf. Frühstück? Almosen? Geistlicher Trost? Und plötzlich weht das „Welcome …“ nicht mehr ins Leere hinein. Es weht in einer Weltlandschaft, wo das Wetter immer schön ist.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).