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Die Wissenschaft leidet unter dem Diktat der Gender-Studies

Gastkommentar / von Hans Peter Klein / 17.05.2016

Ähnlich wie der Kreationismus leugnen auch die Gender-Studies aus weltanschaulichen Gründen evolutionsbiologische Fakten. Es ist Zeit, ihnen die staatlichen Mittel zu streichen, findet Hans Peter KleinHans Peter Klein, 65, lehrt Didaktik der Biowissenschaften an der Goethe-Universität Frankfurt. Seit 2006 ist er zudem Präsident der deutschen Gesellschaft für Didaktik der Biowissenschaften, die einen wesentlichen Beitrag zur Qualitätssicherung schulischer und ausserschulischer Bildungseinrichtungen leisten will. .

In den letzten Jahren ist mit der sogenannten Genderisierung eine Welle aus den USA unreflektiert in den gesamten deutschsprachigen Raum herübergeschwappt, die derzeit insbesondere an den Hochschulen für Furore sorgt. Allein in Deutschland wurden in den letzten Jahren von der Politik rund 190 Lehrstühle für die Genderforschung zur Verfügung gestellt, davon zirka 180 für Frauen. Die klammen Hochschulen nehmen diese Angebote mit den zusätzlichen Stellen im akademischen Bereich und der üppigen Drittmittelausstattung gerne an.

Längst geht es nicht mehr um die Gleichberechtigung von Männern und Frauen oder um die Akzeptanz sexueller Vielfalt, die in der Gesellschaft weitgehend unbestritten sind. Vielmehr sollen etwa Kinder im Rahmen des sogenannten doing gender ihr Geschlecht im Unterricht hinterfragen und möglicherweise neu bestimmen.

Das zentrale Konzept der feministischen Gender-Studies äußert sich in der These, dass die Geschlechterverhältnisse weder naturgegeben noch unveränderlich, sondern nur sozial und kulturell geprägt sind. Diese Auffassung steht im eklatanten Widerspruch zu den Erkenntnissen der Biologie, die angesichts verschiedener Geschlechtschromosomen und durch die hormonelle Steuerung die Geschlechter auch im Tierreich meist eindeutig definiert. Besonders die Synthetische Evolutionsbiologie, die sich auf empirische Daten und Fakten aus nahezu allen Teildisziplinen der Biowissenschaften berufen kann, sieht sich daher mit teilweise abstrusen Angriffen konfrontiert.

Ganz im Gegensatz dazu beruhen die Vorstellungen der feministisch geprägten Gender-Studies von der sozialen Konstruktion des Geschlechts keineswegs auf empirischen Forschungsergebnissen, sondern auf einer sozialwissenschaftlichen Deutung, für die bis anhin jegliche Beweise fehlen. Ihr Selbstverständnis als Meta-Disziplin erheben die Gender-Studies in den Zustand einer Ideologie mit quasi theologischem Anspruch, laut dem diese Vorstellungen in alle anderen Fachbereiche, vor allem auch in die Lehrerausbildung, zu übernehmen und dort als Module zu unterrichten seien.

Besonders deutlich wird dies in den Vorgaben des Netzwerks der Frauen- und Geschlechterforschung Nordrhein-Westfalen (www.gender-curricula.com). In den dortigen „Vorschlägen zur Integration von Lehrinhalten der Genderforschung“ in die Bachelor- und Masterstudiengänge von 54 Studienfächern – unter ihnen Lehrgänge wie Chemie, Weinbau oder Landschaftsarchitektur – wird die Vorgehensweise ausführlich dargestellt. Die „Lehrinhalte der Geschlechterforschung“ für das Fach Biologie beispielsweise wurden von fünf „Gender-Expertinnen“ erstellt, von denen keine einzige über Lehr- oder Forschungsexpertise in den Biowissenschaften verfügt! Von „vermeintlichen“ – das heißt: irrtümlich angenommenen – Geschlechtsunterschieden des Menschen bezüglich „kognitiver/körperlicher Eigenschaften und Geschlechtshormone“ ist dort die Rede, die biologische Geschlechts-Ausbildung während der menschlichen Entwicklung wird als „Annahme“ bezeichnet, die Fusion eines Spermiums mit einer weiblichen Eizelle beruhe auf biologischen Erzählungen. In den Ausführungen kommt das feministische Dogma einer stereotypen „Täter-Opfer-Beziehung der Geschlechter“ zum Ausdruck. Längst nicht nur die Biologie müsse komplett neu erforscht werden, da sie bisher einem patriarchalischen Denken entsprungen sei. Ihren Höhepunkt finden diese Thesen in der Behauptung, die Biologie sei keine objektive, exakte Naturwissenschaft, sondern ein „gesellschaftliches Unternehmen“ und somit ein „gesellschaftlich-kulturell geprägtes Produkt“.

Wer solche Dinge äußert und selbst keinerlei empirische Daten für seine Interpretationen vorlegen kann, sollte sich nicht wundern, wenn führende Evolutionsbiologen die Gender-Studies als „universitäre Pseudowissenschaft“ bezeichnen oder sie mit dem Kreationismus, also der biblischen Schöpfungslehre, vergleichen, der ebenfalls aus weltanschaulichen Gründen biologische Tatsachen leugnet.

Welche Macht die Gender-Abteilungen aufgrund ihrer politischen Unterstützung mittlerweile an Deutschlands Hochschulen ausüben, musste jüngst der renommierte Evolutionsbiologie Ulrich Kutschera erfahren, der zuvor mit seiner grundlegenden Kritik an den Gender-Studies für Aufsehen gesorgt hatte. Sein für die Vorlesungsreihe des Studium generale vorgesehener Auftaktvortrag zum Kreationismus wurde von der Universität Marburg kurzfristig abgesagt: Man könne seine Sicherheit nicht garantieren. Das ist ein ungeheuerlicher Vorgang an einer deutschen Universität. Es wäre längst überfällig, dass nach dem Vorbild von Norwegen auch Deutschland der mit Steuergeldern finanzierten Genderforschung den Geldhahn zudrehte.