Peter Strasser

Morgengrauen

Die Würde des Unwürdigen

Gastkommentar / von Peter Strasser / 23.04.2016

Wieder zeitig beim Bäcker. Ich will gleich nach dem Frühstück mit meinem kleinen Essay über die Barmherzigkeit beginnen. Der Bettler neben der Tür des Bäckerladens ist verschwunden. Ich frage im Geschäft nach. Man weiß nichts. Aha.

Ich weiß jedoch, dass die Besitzerin des Geschäfts, eine Kirchgängerin, dem Pfarrer erlaubte, einen von „jenen“ – in ihren bigotten Augen ganz und gar Unwürdigen – neben dem Geschäft zu platzieren, ordnungsgemäß als Zeitschriftenverkäufer adjustiert. Die unverkäufliche Zeitschrift heißt Global, sie könnte ebenso gut „Nirgendwo“ heißen: Utopia. Das Frühstück will mir nicht recht schmecken. Als mich meine Frau fragt, was mir über die Leber gelaufen sei, antworte ich kurz angebunden: „Mildtätigkeit ist auch nicht alles.“

Und als sie mich nur anschaut, frage ich schroff, wie sie mich denn behandeln würde, falls ich ihr an der Straßenecke begegnete – als Bettler. Da sagt sie: „Ich kenn dich, du bist eh immer gleich beleidigt.“ Darauf ich: „Und?“ Darauf sie: „Ich würde dich selbstverständlich mit Würde behandeln, mein Herr!“ Und sie fügt etwas Liebevolles hinzu, sodass ich nicht anders kann, als sie über den Tisch hinweg zu umarmen. Trotzdem setze ich störrisch nach – der zu schreibende Essay über die Barmherzigkeit rumpelt in meinem Kopf herum: „Und wenn ich aber einer von jenen wäre, ein Unwürdiger??“ Darauf sie: „Dann würde ich halt so tun, als ob du keiner wärst. Können wir jetzt, bitte, weiterfrühstücken?“ Und wie!

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).