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Fussball

Dieses Ding

von Rene Scheu / 05.06.2016

Der Ball ist das launische Objekt par excellence. Was auch immer man tut, es will nie gehorchen. Gerade darum bedarf es der besonderen Hinwendung: von Ballkünstlern und Philosophen.

Der Fußball ist für Intellektuelle ein eigentliches Skandalon. Das Haupt, Träger des menschlichen Intellekts, taugt bloß für den Kopfball, der zuverlässig Hirnzellen abtötet. Und der Einsatz der Hände, dieser filigranen Werkzeuge des Schreibens, unterliegt einem strikten Verbot. Martin Walser spricht manchen seiner Schriftsteller-Kollegen aus der Seele, wenn er sagt: „Es gibt nur eines, was noch sinnloser ist als Fußballspielen: Nachdenken über Fußball.“

Doch Walser irrt.

Fußball verheißt dem Spieler das Erlebnis absoluter Sinnhaftigkeit, nämlich „fokussierter Intensität“ (Hans Ulrich Gumbrecht). Dabei handelt es sich um eine Erfahrung, die unmöglich vergessen kann, wer sie einmal selbst gemacht hat. Man darf annehmen, dass Martin Walser es vermied, in jungen Jahren selbst den Ball zu treten. Sein fußballverächtlicher Satz muss ihm eingefallen sein, als er, womöglich konzentriert, aber immobil, also letztlich ungefährdet und selbstzufrieden, an seinem Schreibtisch saß. Aus Schriftsteller-Distanz lässt sich der Sinn jedoch nicht erkennen, denn „die Wahrheit liegt auf dem Platz“ (Otto Rehagel). Walsers Fußball-Statement kommt insofern einem klassischen intellektuellen Eigentor gleich.

Wer die Dramatik der menschlichen Existenz nicht ausblenden kann, darf vom Fußball nicht schweigen.

Und warum sollte es sich lohnen, über Fußball nachzudenken? Ganz einfach: Fußball ist keine krude oder sonst wie regressive Form der sportlichen Betätigung, sondern eine höchst zivilisierte Form menschlicher Interaktion. Der Mensch setzt sich in einer raffinierten Versuchsanordnung freiwillig dem aus, was er nicht beherrschen kann: dem Ball. Wider die eigene Natur darf er ihn bloß mit dem Fuß traktieren. Wer die Dramatik der menschlichen Existenz nicht ausblenden kann, darf vom Fußball nicht schweigen.

Fußball beginnt nicht im Kopf, sondern auf dem Platz. Das Spiel hebt – streng philosophisch gesprochen – mit einer epoché im Husserlschen Sinne an, einer Einklammerung der Seinsgeltung der alltäglichen Welt. Wenn der Fußballer das Spielfeld betritt, bewegt er sich in einer besonderen existenziellen Sphäre. Er lässt alle weltlichen Probleme hinter sich, die ihn noch eben beschäftigt haben. Alle Sorgen fallen plötzlich wie eine Last von ihm ab, der Kopf wird leer, die Sinne sind geschärft, der Körper bis zum Bersten gespannt. Um diesen Zustand zu erzeugen, reichen ein Ball, der allerdings vollgepumpt sein muss, eine bespielbare Unterlage, idealerweise ein frisch geschnittener, wohlduftender Rasen, und eine hungrige gegnerische Mannschaft.

Der gewöhnliche Mensch verwandelt sich auf dem Platz urplötzlich in einen Fußballer – genauer: einen Fußballer-Leib. Nietzsche beschreibt die Erfahrung treffend in „Also sprach Zarathustra“: „Leib bin ich ganz und gar, und Nichts außerdem.“ Heidegger deutet sie passgenau, wenn er in seinen Nietzsche-Vorlesungen festhält: „Wir sind nicht zunächst ‚lebendig‘ und haben dann dazu noch eine Apparatur, genannt Leib, sondern wir leben, indem wir leiben.“ Auf dem Fußballfeld herrscht während 90 Minuten die Vernunft des Leibes – sie ist verlässlicher und schneller als die Reflexion der abstrakten Vernunft, auf die sich Nichtfußballer so viel einbilden. Wer auf dem Platz nachdenkt, kommt immer zu spät. Er sieht keinen Ball und hat verloren, bevor das Spiel begonnen hat.

Die Fußballer setzen ihren Körper in einer Weise ein, die von der Evolution nicht vorgesehen ist. Menschwerdung bedeutet Aufrichtung. Mit ihr geht eine Differenzierung der Hände einher, die von der Funktion der Fortbewegung entlastet werden. Der freie Gebrauch der Hände, der sich für gewöhnlich im Gesichtsfeld abspielt, beschleunigt das Wachstum des Gehirns – im Zusammenspiel von Hand und Gehirn liegt der Ursprung der Technik. Mit einer einzigen Spielregel setzt der Fußballsport die große evolutionäre Errungenschaft außer Kraft: Handspiel wird als hartes Vergehen geahndet. Diese Maßnahme hat nun aber gerade nicht zur Konsequenz, dass der Fußballer zum Tier regrediert – denn dann müsste er sich ja auf allen vieren bewegen. Vielmehr wird der Mensch künstlich in eine prekäre Lage gebracht.

Indem der Mensch im Fußball seine einmal erreichte Stabilisierung auf zwei Beinen aufgibt, erprobt er eine neue hochkulturelle Form der Bewegungs- und Verhaltenspraxis, die beständiges Üben voraussetzt. In jahrelanger Arbeit codiert er seinen Körper neu. Der Ball, das unberechenbare Ding an sich, darf nur mit den Füßen berührt werden, die durch unendliches Training eine besondere Sensibilität entwickeln. So wie Techniker mit den Händen denken, so denken Maradona, Zidane oder Messi mit den Füßen.

Der Philosoph Gunter Gebauer bringt das Wesen des Spiels auf den Begriff: „Fußball ist ein anthropologisches Experiment.“ Der fußballspielende Mensch gerät in ein konstantes Ungleichgewicht. Er kann den Ball mit den Füßen nicht festhalten. Wer den Ball dennoch kontrollieren will, muss mit dem Ball laufen. Der Blick des Spielers ist dabei mutig nach vorne gerichtet – den Ball nimmt er mit, ohne ihn im Blick zu haben. Selbst wenn ein Spieler die Ballführung ungemein verfeinert hat, bleibt sein Status als Dominator in jedem Augenblick gefährdet – ein beliebiger Gegenspieler kann ihm das Ding problemlos streitig machen. Natürlich kann er zu einem Dribbling ansetzen – doch die meisten Dribblings enden im Nichts. Dem ballführenden Spieler bleibt deshalb zuletzt der Pass zu einem Mitspieler, der stets unter Bedingungen höchster Unsicherheit erfolgt – aus der Bewegung heraus, zudem in Bedrängnis durch den Gegner, auf leicht unebenem Untergrund.

Das Zuspiel erfolgt ohne Augenkontakt, der Ballführer weiß intuitiv, wo der am besten positionierte Mitspieler gerade anspielbar sein wird. Die Faszination des Fußballspiels besteht darin, dass die antizipierende Koordination der spielenden Körper alleine durch unmittelbare Körperwahrnehmung geschieht – verbale Kommunikation lenkt bloß ab. Dass ein kontrolliertes Spiel über mehrere Minuten dennoch die Ausnahme bleibt, hat mit den widrigen Umständen der Fußball-Umgebung zu tun: Letztlich spielt der Ball eher mit den Akteuren als diese mit ihm. Der Ball ist das launische Objekt par excellence. Was auch immer man tut, es will nie gehorchen, und gerade darum bedarf es besonderer Hinwendung. Der legendäre Mittelfeldstratege Günter Netzer sagt es schön: „Das war ein sinnliches Verhältnis zu meinem Objekt, das bei jedem Fußtritt anders reagierte, das stets anders behandelt werden wollte.“

Intellektuelle, die sich für feinsinnig halten, beanstanden gerne, Fußball sei die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. In Wirklichkeit ist Fußball eher das Gegenteil von Krieg – nämlich Wettkampf. Das Ringen um den Sieg ist im Fußball immer auch ein Kampf für die „Unversehrtheit des Balls“ (Klaus Theweleit). Ohne Ball gibt es kein Spiel. Und ohne Spiel gibt es keinen Sieger. Insofern ist der Sport in der Tat knallhart: Entweder du triffst den Ball – oder du triffst ihn nicht. Entweder du gewinnst – oder du bist ein Loser. Da hilft kein Lamentieren oder Psychologisieren. Der Sport ist die letzte Domäne, in der die offene Zurschaustellung des Siegens noch erlaubt ist. Im Übrigen gilt der zelebrierte Triumph, „diese antike Gestalt des Glücks“ (Norbert Bolz), in unserer egalitären Gesellschaft als Verhöhnung des Gegners.

Entweder du triffst den Ball – oder du triffst ihn nicht. Entweder du gewinnst – oder du bist ein Loser.

Der Ball, ohne den es kein Spiel gibt, ist zugleich der große Zufallsgenerator. 22 Athleten verfolgen das verrückte Ziel, den Zufall, den sie durch ihre Bewegungen ständig neu erzeugen, durch Technik und Taktik zugleich zu domestizieren. Die meisten Partien selbst in den höchsten Spielklassen werden durch zufällige Konstellationen entschieden. Ein Ball prallt am Rücken eines Spielers vor dem eigenen Strafraum unglücklich ab – der gegnerische Stürmer schnappt ihn sich geistesgegenwärtig und haut ihn rein. Ein Mittelfeldspieler verheddert sich ohne Not – und schon nimmt das Schicksal seinen Lauf. Glückt hingegen eine Aktion von Anfang bis Ende, freuen sich Spieler und Fans gleichermaßen, als hätten sie gerade einem kleinen Wunder beigewohnt. Jeder gelingende Spielzug wirkt wie der Triumph des Menschen über das Chaos, das seine Existenz immer und überall bedroht – der ästhetische Genuss ist entsprechend anhaltend und tief.

Fast jedes Spiel kennt einen entscheidenden Moment, an dem es kippt. Jeder Spieler spürt den Kipppunkt unmittelbar auf dem Feld. Es ist, als hätte buchstäblich das Schicksal zugeschlagen – Widerstand ist zwecklos. Dasselbe gilt auch im positiven Sinne: Der Spieler spürt, dass ihm aus unmöglicher Position gleich eine Flanke gelingen wird; und doch kann er am Ende selbst kaum glauben, dass er es war, der sie formvollendet zustande brachte. Es kommt ihm vor, als wäre sein Fuß von einer höheren Macht geführt worden. Reüssiert er gleich mehrere Male in überschaubarer Zeit, attestieren ihm die Mitspieler Charisma, an das er irgendwann selbst zu glauben beginnt – durch seine Gnadengabe wird er die Mannschaft zum Erfolg führen.

Kommen wir zurück zum Anfang. Die Philosophen zählen unter den Intellektuellen zu jenen Spielern, die dem Fußball traditionell mit dem größten Wohlwollen begegnen. Albert Camus las Zeitung wegen der Sportresultate, Jacques Derrida träumte von einer Karriere als Fußballprofi, und selbst Umberto Eco und Gianni Vattimo sollen sich nach absolvierten Redaktionssitzungen gerne mit dem Ball verlustiert haben. Von Martin Heidegger ist überliefert, dass er Franz Beckenbauer für die gefühlvolle Ballbehandlung bewunderte und den Satz prägte, dieser Mann denke außen vor.

Martin Heidegger kannte das Spiel aus eigener Erfahrung in Jugendtagen. Als er im fortgeschrittenen Alter das Spiel des Hamburger SV gegen den FC Barcelona im Europapokal der Landesmeister 1961 vor dem Fernseher des Nachbarn verfolgte, stieß er in der Aufregung – war’s, als Uwe Seeler das 2:0 erzielte? – unvermittelt das Teetischchen um. Das war angewandtes Denken mit dem Fuß. Nie wäre ihm darum eingefallen, den Fußball sinnlos zu nennen. Schon eher klingen einige seiner hochmotiviert-philosophischen Sätze, als wären sie auf dem Platz entstanden: „Das Dinghafte des Dinges beruht jedoch weder darin, dass es vorgestellter Gegenstand ist, noch lässt es sich überhaupt von der Gegenständlichkeit des Gegenstandes aus bestimmen.“ Oder einfacher, in den Worten des unsterblichen Uwe Seeler: „Das Geheimnis des Fußballs ist ja der Ball.“

Damit sprach Seeler aus, was die professionellen Fußball-Deuter und Kommentatoren aus guten Gründen verschweigen: Der Ball – der Zufall – wird auch diese EM in Frankreich für sich entscheiden.

Verwendete Literatur zum Thema: Gunter Gebauer: „Das Leben in 90 Minuten“ (2016); Fritz B. Simon: „Vor dem Spiel ist nach dem Spiel: Systematische Aspekte des Fussballs“ (2009); Hans Ulrich Gumbrecht: „Lob des Sports“ (2005); Klaus Theweleit: „Tor zur Welt – Fussball als Realitätsmodell“ (2004).