CHRISTY PRITCHET

Klimagipfel

Diesmal wirklich! Oder doch nicht? Das Warten auf den finalen Rettungsbeschluss

Gastkommentar / von Fred Luks / 29.11.2015

Es muss gelingen. Jetzt oder nie! Diesmal wirklich! Die Klimasituation ist dramatisch, und das gilt auch für die Reden, Wünsche und Appelle vor dem Klimagipfel in Paris. Die Sache muss ein Erfolg werden! Unbedingt! Das Jahr 2015 soll, wie oft war das schon zu hören, die ganz große Nachhaltigkeitswende bringen. Diesmal wirklich. Gastautor Fred LuksFred Luks leitet das Kompetenzzentrum für Nachhaltigkeit der Wirtschaftsuniversiät Wien. Er beschäftigt sich seit langem in Forschung, Lehre und Management mit Nachhaltigkeitsthemen. Luks war Vorsitzender der Vereinigung für Ökologische Ökonomie. über unsere Klimapolitik. 

Die „Sustainable Development Goals“ (SDGs) der Vereinten Nationen sollen zu globaler Nachhaltigkeit führen. Wie das mit 17 Zielen und 169 Unterzielen gelingen kann, die eigentlich jedes Problem unter der Sonne irgendwie lösen sollen, fragt sich nicht nur der Economist, der eine ätzende Kritik der SDGs formulierte, bevor sie überhaupt beschlossen waren. Dennoch ist der UN-Zielkatalog mit großen Hoffnungen verbunden. Wann, wenn nicht jetzt?

Jetzt also Paris. Im Schatten der Terroranschläge geht es in der französischen Hauptstadt ab Montag, den 30.11. 2015,  um die Rettung der Welt vor den desaströsen Folgen des Klimawandels. Nach vielen gescheiterten Klimagipfeln – Kopenhagen ist als besonders dramatisches Desaster in Erinnerung – soll es nun endlich gelingen, eine Klimapolitik zu machen, die diesen Namen verdient. Dieses Mal, so kann man überall hören und lesen, muss der Durchbruch kommen. Wenn nicht, drohen Katastrophen grimmigsten Ausmaßes. Wenn es nicht gelingt, die menschengemachte Erderwärmung auf zwei Grad Celsius zu begrenzen, drohen die Dinge außer Kontrolle zu geraten.

Das Dumme ist: das stimmt. Wenn menschliches Leben auf der Erde eine gute und „nachhaltige“ Zukunft haben soll, muss eine massive Reduktion der Treibhausgase allerhöchste Priorität haben. Es spricht wirklich alles dafür, dass eine Temperaturerhöhung jenseits der Zwei-Grad-Grenze allerschlimmste ökologische, wirtschaftliche und soziale Folgen haben wird. Die Bedrohung kann nicht überschätzt werden, sie ist eine der zentralen Herausforderungen unserer Zeit.

Wie riesig diese Herausforderung ist und wie gigantisch die Differenz zwischen Wunsch und Wirklichkeit, zeigen schon zwei simple Beobachtungen. Erstens: Trotz allen Wissens um die Problematik und trotz vieler Konferenzen ist der globale Ausstoß von Kohlendioxid seit den 1990er Jahren massiv angestiegen. Zweitens: Die Welt verfügt über weitaus mehr fossile Energieträger, als verbrannt werden dürfen, soll das Zwei-Grad-Ziel erreicht werden – und es gibt handfeste Interessen von Staaten und Unternehmen, Öl, Kohle und Gas nicht im Boden zu lassen, sondern zu Geld zu machen.

Deshalb sollte man sich fragen: Was machen wir eigentlich vor dem Hintergrund der dramatischen Appelle, wenn der Gipfel kein Erfolg wird? Was, wenn Paris scheitert? Wenn die Verhandlungen nicht zum Durchbruch führen? Was hieße Erfolg oder Scheitern überhaupt? Von wirkungsvollen Maßnahmen wie einer globalen Kohlenstoffsteuer ist die Welt jedenfalls so weit weg wie die Europäische Union von einem solidarischen Umgang mit der Migrationskrise.

Die neue Zauberformel globalen Umweltmanagements lautet „INDC“ – „Intended Nationally Determined Contributions“. Sie lesen richtig: Es geht in Paris vor allem um beabsichtigte, national festgelegte Beiträge zur Emissionsreduktion. Wenn man diese addiert und es käme so viel Reduktion heraus, dass das Zwei-Grad-Ziel erreichbar scheint – wäre Paris dann ein Erfolg? Kann man ernsthaft glauben, freiwillig festgelegte Reduktionen würden eingehalten, wenn die nächste Wirtschaftskrise kommt?

All das zeigt, wie risikoreich die allgegenwärtige Rhetorik des „diesmal wirklich“ ist. Denn was passiert, wenn eine Situation eintritt, von der jetzt alle sagen, dass sie auf gar keinen Fall eintreten darf? Hört man dann zu streiten auf? Beendet man den Konferenzzirkus? Streicht man Klimaforschungseinrichtungen die Finanzierung? Stellt man zivilgesellschaftliches Engagement ein? Geht man dann im Schatten der kommenden Katastrophe zur Tagesordnung über?

Natürlich nicht. Das Leben geht weiter, und dasselbe gilt für Gesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft. Diesmal wirklich – schön wär’s. Aber gut wär’s auch, sich darauf einzustellen, dass wir einmal mehr vergeblich auf den finalen Rettungsbeschluss warten werden. Die alarmistische Rhetorik des „diesmal wirklich“ führt wahrscheinlich in eine Sackgasse. Für einen nachhaltigen Nachhaltigkeitsdiskurs ist es gewiss zielführender, das Scheitern von Prognosen, Forderungen und freiwilligen Zusagen einzukalkulieren. Die Logik des „Jetzt oder nie“ funktioniert nicht, denn dann landet man, das kann man jetzt schon sagen, so gut wie sicher im „Nie“ – und im argumentativen Nichts.

Rettung, Errettung, Erlösung – derlei sollte man von Paris nicht erwarten. Sondern eine weitere Etappe eines mühevollen Prozesses, in dem das Ziel „Dekarbonisierung“ hoffentlich irgendwann so ernst genommen wird, dass daraus konkrete und wirksame Maßnahmen resultieren. Die Welt wird nicht untergehen, wenn Klimapolitik scheitert. Sie wird aber deutlich verschlechterte Bedingungen für ein gutes Leben, erfolgreiches Wirtschaften und gesellschaftlichen Fortschritt aufweisen. Vor diesem Hintergrund ist es einfach abenteuerlich, alle Hoffnung auf Paris zu setzen.