Mahmut Celayir

Kulturschaffende in der Türkei

Druck von oben, Terror von unten

von Sabine Küper-Büsch / 28.03.2016

Die Gezi-Proteste von 2013 waren eine Art „türkischer Frühling“. Darauf folgte eine Eiszeit des Autoritarismus, der durch Terrorakte noch verschärft wird. Was bedeutet dies für die Künstler im Land?

Tief in Gedanken versunken steht Paul Schwer in der Galerie Pi Artworks am Istanbuler Istiklal-Boulevard. Als am 19. März ein Selbstmordattentäter fünf Menschen mit in den Tod riss und neununddreißig schwer verletzte, befand sich der deutsche Künstler in nur hundert Metern Entfernung auf dem Weg hierher. Er betrachtet seine Rauminstallation aus farbigen und transparenten PVC-Objekten. Die Anordnung der die Objekte tragenden Leisten orientiert sich an seldschukischen Mustern aus einer Zeit, als im 12. und 13. Jahrhundert herausragende Vertreter des Sufi-Islam in Anatolien eine humanistische Philosophie lehrten. Die damalige Architektur sollte mit ihren klaren geometrischen Strukturen ein Modell für Vergänglichkeit und Ewigkeit zugleich sein.

Missverstandene Vergangenheit

Diese Inhalte haben für Paul Schwer eine sehr persönliche Bedeutung erhalten. Sein Gesicht spiegelt deutlich die Erinnerung an das hässliche Geräusch der Explosion, das die fröhliche Betriebsamkeit eines Samstagmorgens zerfetzte, an die Druckwelle und den beißenden Geruch von Sprengstoff. „Wirklich irre ist, dass ich mich im Januar beim Vorbereitungsbesuch für die jetzige Ausstellung in der Hagia Sophia befand, als fünfhundert Meter weiter eine Gruppe deutscher Touristen Opfer eines Selbstmordanschlags wurden“, reflektiert der Fünfundsechzigjährige betreten. „Ich fürchte, für eine gewisse Zeit wird diese phantastische Stadt für mich mit dem Gefühl der Angst behaftet sein.“

Die Galerie befindet sich auf einer Etage des historischen Mısır Apartmanı. Ein imposantes Gebäude, das ein osmanischer Staatsbeamter 1910 von dem armenischen Stararchitekten Hovsep Aznavur im Art-Nouveau-Stil erbauen ließ. Am Fuß des eleganten Treppenhauses ziert eine Weltkugel aus Marmor den Abschlusspfosten des Geländers im Erdgeschoß. Sie symbolisiert die kosmopolitische Weltanschauung, die ein bedeutender Teil der Elite im Osmanischen Reich pflegte. Wenige Jahre nach der Fertigstellung des Gebäudes ging die einstige Großmacht im Ersten Weltkrieg unter.

Auf dem Istiklal-Boulevard herrscht deutlich weniger Betrieb als üblich. Auf einem grün-weißen, elektrisch angetriebenen Reinigungsfahrzeug steht „Fröhliches, sauberes Beyoğlu“. Die islamisch-konservative Regierungspartei AKP hatte jahrelang auf Koexistenz gesetzt. Die Stadtverwaltung förderte moderne Kulturprojekte und richtete gleichzeitig jedes Jahr ein „Internationales Tulpen-Festival“ auf dem Taksim-Platz aus. Die Liliengewächse waren in osmanischen Zeiten ein Symbol für Reichtum und Schönheit.

Der kurdisch-deutsche Maler Mahmut Çelayır hat eine Atelierwohnung ganz in der Nähe. Er nippt an einem Teeglas; es hat die geschwungene Form einer Tulpenblüte. „Blumen tauchen in der osmanischen Diwan-Poesie immer wieder als Metapher für Reichtum auf. Es geht dabei aber vor allem um den Reichtum des Herzens.“ Der Maler lächelt, er hält die momentanen politischen Unruhen für ein Resultat von Macht- und Verteilungskämpfen. „Die Islamisch-Konservativen halten das Osmanentum hoch, ohne die Philosophie dieses Vielvölkerstaates zu verstehen. Sie reißen Altbauten im Viertel ab, vor allem die, in denen sich das kulturelle Erbe der Minderheiten manifestiert, und lassen ihre Günstlinge dort Einkaufszentren bauen.“

Sinfonie des Terrors

Mahmut Çelayır hatte die Türkei in den achtziger Jahren verlassen, als das Militär den Staat dominierte und die Konflikte in den Kurdengebieten zu eskalieren begannen. Nach vierundzwanzig Jahren in Deutschland verlegte er 2010 seinen Lebensmittelpunkt nach Istanbul. „Die neue Liberalität in der Türkei bewog mich dazu, in die Stadt zurückzukehren, in der ich Kunst studiert hatte“, erklärt er.

An den Wänden von Celayırs Atelier lehnen Leinwände mit aktuellen Arbeiten. Der Künstler thematisiert in abstrakter Landschaftsmalerei seine Heimat, die Berge von Bingöl in Ostanatolien. „Momentan benutze ich viel schwarze Farbe“, bemerkt er sorgenvoll. „Der ganze Zorn, der sich angesammelt hat, fließt in die Bilder.“

Die politische Situation hat sich seit dem vergangenen Jahr in der Türkei grundsätzlich verändert. Nach einer Periode, in welcher der Kurdenkonflikt weitgehend beruhigt schien, setzte eine verhängnisvolle Kette von Anschlägen von Militanten des IS auf die prokurdische Bewegung ein. Für den Maler sind sie das Leitthema einer Sinfonie des Terrors, der unmittelbar mit dem zunehmenden Despotismus im Land zusammenhängt. Er betont, dass die Liberalisierung in der Kurdenfrage einen neuen Wind in die Politik gebracht habe, dem nun ein Orkan des staatlichen Zorns entgegenwehe. „Vor allem in der Folge der Gezi-Proteste bildeten sich plötzlich neue solidarische Strukturen aus. Türkische Aktivisten beteiligten sich an der syrischen Grenze an den Protesten für ein freies Kobane. Dass sich Türken für die kurdische Stadt engagierten, passte der Regierung überhaupt nicht.“

Auf dem Asphalt des Istiklal-Boulevards sind heute noch Spuren der schweren Wasserwerfer zu sehen, die 2013 die Demonstranten während der Gezi-Proteste jagten. Noch mehr als durch den Bombenterror werden die Kulturschaffenden im Land durch die seither grassierende Kriminalisierungspolitik der Regierung eingeschüchtert. Die Künstlerin Zeyno Pekünlü hat in ihren Arbeiten einen sehr feinen Sinn für kritische Zwischentöne entwickelt. Auf der letztjährigen Istanbuler Kunstbiennale stellte sie in Vitrinen die Spickzettel ihrer Studenten aus. „Ich hatte gemerkt, dass sie einen komplexen Zusammenhang herstellen. Wie funktioniert unser Bildungssystem, und wie hacken die Studenten das System?“ Zeyno Pekünlü verlor unlängst ihren Lehrauftrag an einer Istanbuler Universität, weil sie zu den Unterzeichnern einer Friedenspetition gehörte. „Das System hat mich gehackt“, lacht sie tapfer.

Mehr als tausend Wissenschaftler unterschrieben Mitte Januar diesen Aufruf an die türkische Regierung, die Gewalt in den Kurdengebieten zu beenden. Gegen mehr als die Hälfte ermittelt jetzt die Staatsanwaltschaft. „Zwischen Terroristen, die Waffen und Bomben tragen, und jenen, die ihre Position, ihren Stift oder ihren Titel den Terroristen zur Verfügung stellen (…), besteht überhaupt kein Unterschied“, verkündete Präsident Erdoğan Mitte März. Der Begriff „Frieden“ ist in der Lesart der türkischen Regierung zu einem Synonym für eine Befürwortung des Terrors geworden. Das bleibt nicht ohne Folgen im Kulturbetrieb. Die Produzenten einer Fernsehserie entließen die bekannte Schauspielerin Füsun Demirel Mitte März, weil sie in einem Interview sagte, sie würde gern die Mutter eines Guerillakämpfers spielen, um die Sehnsucht des Volkes nach Frieden zum Ausdruck zu bringen.

Zerstörtes Kulturerbe

Der ideologische Kampf im Land geht auch sichtbar auf Kosten der Kultur. In historischen Städten wie Diyarbakır im Südosten der Türkei wurden in den vergangenen Monaten Teile alter Bausubstanz für immer durch bewaffnete Gefechte zerstört. Die Stadt Mardin an der syrischen Grenze will seit mehr als einer Dekade Teil des Weltkulturerbes werden. Nach der Zerstörung Aleppos ist sie in der gesamten Region ein unvergleichliches Zeugnis einer fast siebentausend Jahre alten Siedlungsgeschichte. Auf tausend Metern Höhe ragt die aus Kalkstein errichtete Altstadt wie eine strahlende Burg aus der kargen Berglandschaft. Eine zuvor behutsam begonnene Stadtplanungspolitik schlug in den vergangenen sechs Monaten in rücksichtslose Sanierungswut um.

Canan Budak blickt in der Altstadt traurig auf die aseptischen weißen Alu-Jalousien vor den ursprünglich einmaligen Ladenfassaden. „Damit können wir die UNESCO-Bewerbung vergessen“, seufzt sie. Die aus Mardin stammende Künstlerin konzentriert sich in der momentanen Situation jedoch subtil auf feinsinnige Interventionen im öffentlichen Raum. Am 8. März, dem Weltfrauentag, projizierte sie ein Foto auf die weißen Jalousien. Es zeigte Şehro Ozro, die einzige Frau, die zwischen 1952 und 1984 einen Laden auf dem Basar betrieb.

„Heute gibt es keine Ladenbesitzerin mehr in dieser Meile“, konstatiert die Künstlerin. „Die Menschen auf dem Basar haben das Bild von Şehro als Erinnerung an das Stolze und Unbeugsame verstanden, das unsere Kultur besonders über starke Frauenpersönlichkeiten vermitteln kann.“ Die Macht der Metapher ist im gesamten Land momentan ein kraftvolles und vielleicht das einzig wirksame Mittel, um die explosive Stimmung zu unterlaufen.