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Dummheit und Stimmrecht: Eine höfliche Unterstellung

von Uwe Justus Wenzel / 11.10.2016

Der Philosoph René Descartes charakterisierte den gesunden Menschenverstand als die „am besten verteilte Sache“ der Welt. Gehört diese höfliche Übertreibung zur Geschäftsgrundlage der Demokratie?

Der gesunde Menschenverstand sei dasjenige in der Welt, was am besten verteilt sei. Mit diesem staunenswerten Satz eröffnete Renatus Cartesius vor bald vierhundert Jahren seinen „Discours de la méthode“. Der „Vater“ der neueren Philosophie, wie man ihn in früheren Zeiten gerne titulierte, verriet alsogleich, was für seine überaus höfliche Vermutung sprechen soll. Und die Begründung, in präzise Umständlichkeit gekleidet, verblüfft nicht minder, als die Behauptung selbst kühn erscheint: Jedermann meine, mit ebenjenem Verstand so gut ausgestattet zu sein, „dass selbst diejenigen, die in allen anderen Dingen schwer zu befriedigen sind, davon [vom gesunden Verstand] sich nicht mehr zu wünschen pflegen, als sie haben“.

Weil niemand sich über seine eigene Dummheit beschwert, darf angenommen werden, alle hätten die gleiche Portion Klugheit abbekommen? Lautet so das – kuriose – Argument im Klartext? Auch wenn – oder gerade weil – René Descartes anfügt, es sei unwahrscheinlich, dass sich in diesem Punkt „alle täuschen“ könnten, wird man von einer Prise hübsch hintersinniger Ironie reden dürfen, die er da beigemischt hat.

Es verwundert angesichts der ironischen Schlagseite dieser grosszügigen Umverteilung des Verstandes nicht, dass es mit dem philosophischen Ansehen der „am besten verteilten Sache der Welt“ alsbald bergab ging im Lande des Cartesius, wo ebendiese Sache bon sens hiess. So weit bergab, dass – wie die Begriffsgeschichte lehrt – für Voltaire, den bissigen Geistesaristokraten der Aufklärung, der gesunde Verstand nurmehr zwischen „stupidité“ und „esprit“ rangierte – und zwar als rohe, pöbelhafte Vernunft („raison grossière“) naturgemäss etwas näher bei der Dummheit wohnend als beim sprühenden Geist.

Aber auch im rechtsrheinisch sich ausdehnenden Geistesgebiet machten philosophische Köpfe sich um den Gesundheitszustand des „gesunden“ oder auch „gemeinen“ Menschenverstandes Sorgen. Nicht nur Hegel tat es, der diesem Verstand bestenfalls „triviale Wahrheiten zum Besten“ zu geben zutraute und schlimmstenfalls vorwarf, „die Denkweise einer Zeit“ zu repräsentieren, „in der alle Vorurteile dieser Zeit enthalten sind“. Sogar der Menschenfreund Immanuel Kant tat es. Zumindest kreidete der Königsberger es Philosophenkollegen als Denkfaulheit an, wenn sie sich auf den gemeinen Verstand beriefen – namentlich die angelsächsischen Fürsprecher des common sense hatte er im Auge, aber auch die Popularphilosophie in deutschen Landen. Bei Licht besehen, so klärte er 1783 auf, sei eine solche Appellation „nichts anderes als eine Berufung auf das Urteil der Menge: ein Zuklatschen, über das der Philosoph errötet, der populäre Witzling aber triumphiert und trotzig tut“.

Allerdings hatte derselbe Kant zwei Jahre zuvor das Zeitalter der Kritik ausgerufen und „sogar die Existenz der Vernunft“ an die Freiheit der Kritik geknüpft: Vernunft habe „kein diktatorisches Ansehen“, ihr Urteil sei vielmehr „jederzeit nichts als die Einstimmung freier Bürger“ – solcher Bürger, die ihre Kritik „ohne Zurückhaltung“ müssten äussern können. Auch bei Kant ist so etwas wie eine höfliche Unterstellung allseits gut verteilter Verstandeskräfte am Werke. Im Reich der wissenschaftlichen Vernunft bahnt solche Höflichkeit (die mit einer Hoffnung einhergehen mag) einer Tendenz den Weg, die heute „citizen science“ genannt wird. Im Reich der politischen Vernunft bildet die Annahme, alle seien bei Verstand und nicht von Sinnen, die – funktionierende – Basis für das, was länger schon „Demokratie“ heisst. Oder möchte jemand behaupten, Dummheit und Stimmrecht schlössen einander aus?