Insiderwissen

Easter Eggs haben nichts mit Ostern zu tun

von Leopold Stefan / 27.03.2016

Für Fans von Videospielen haben Ostereier nichts mit aufgekratzten Kindern zu tun, die auf der Suche nach ihrem mit Schoko gefüllten Osternest die Begonien der Oma umgraben. Die digitalen „Easter Eggs“ sind von Programmierern gut versteckte Überraschungen in Videospielen oder verborgene Insider-Scherze unter Softwareentwicklern.

Nur wer das Geheimnis kennt oder viele Stunden lang die unwahrscheinlichsten Aktionen durchprobiert, findet den Schlüssel zu einem geheimen Level oder entdeckt eine getarnte Popkulturanspielung. Die getarnten Insider-Scherze haben jedoch Tradition und sind auch abseits von Computerspielen beliebt.

Für die Nachwelt verewigt

Caravaggio: David mit Kopf Goliaths 160910
Credits: Galleria Borghese

Das erste auch als solches bezeichnete „Easter Egg“ geht auf einen Programmierer zurück, der darüber verärgert war, dass sein Arbeitgeber Atari, ein Videokonsolen-Pionier, die Namen der jeweiligen Entwickler nicht publik machte. Daher gelangten Spieler des 1979 erschienenen Atari-Klassikers „Adventure“ durch eine unwahrscheinliche Kombination von Gegenständen in einen versteckten Raum mit einer Aufschrift: „Created by Warren Robinett“. Nachdem das Geheimzimmer entdeckt wurde, zogen Kollegen den Vergleich zur Ostereiersuche. Atari hatte jedoch die Spielkartuschen bereits bedruckt. Das digitale Graffito besteht somit noch heute.

Die Idee, sich für eine ausgewählte Gruppe zu verewigen, gab es natürlich schon lange vor den ersten Computerspielen. Zum Beispiel stehen auf einer Gallerie der Hagia Sophia in Istanbul in den Marmorstein eingeritzte Runen, die vermutlich aus dem 9. Jahrhundert stammen. Ein weit gereister Wikinger hatte sich nach dem Motto „Halfdan was here“ in einer Schrift verewigt, die für die übrigen Kirchengänger wie tiefe Kratzer ausgesehen haben.

Auch viele Maler haben sich selber in ihre Werke eingefügt. Etwa als Zuschauer aus den hinteren Reihen, wie Sandro Botticelli, der sich bei der Anbetung der heiligen drei Könige unter die Menge mischt.

Manchmal schickten Künstler eine konkrete Botschaft dadurch, dass sie sich selber in ihr Werk einfügten. Caravaggio verwendete in einem Gemälde sein Antlitz für den abgehackten Kopf des Goliath in der Hand Davids. Das Werk schickte er an den Papst als Entschuldigung dafür, dass er aus Rom geflohen war.

Irgendwo im Getümmel fährt der unbehelligte Radler.
Credits: Ignace Jacques Parrocel, Schlacht von Turin (1706)
Wo genau er fährt, wird nicht verraten.
Credits: Norbert Fuchsjäger

Nicht nur Künstler, sondern auch Restaurateure können manchmal nicht widerstehen, eine gut versteckte Spur für die Nachwelt zu hinterlassen. Anders lässt sich der anachronistische Radler nicht erklären, der ungestört auf einem Feldweg unterwegs ist, während die 1706 geschlagene Schlacht von Turin tobt – so zu sehen auf der immensen Darstellung im Winterpalais des damals siegreichen Prinz Eugen in der Wiener Himmelpfortgasse. Das Fahrrad wurde aber erst im 19. Jahrhundert erfunden. Der Verdacht besteht, dass ein Restaurateur mit seinem Lohn nicht zufrieden war.

Versteckte Späße

Die meisten Easter Eggs in Videospielen sind schon seit langem keine trotzige Demonstration der Urheberschaft, sondern eine humorvolle Belohnung für besonders aufmerksame Spieler oder so Engagierte, dass sie eine Reihe von Schritten minutiös ausführen, um eine Überraschung zu erleben.

Nichts für Vegetarier: das geheime Kuh-Level
Credits: Diablo II

Dass Easter Eggs gut versteckt sind, hat auch praktische Gründe. Die oftmals scherzhaften Objekte, Levels oder Situationen sollen nicht die Grundstimmung der fiktiven Spielewelt verderben. In Diablo II zum Beispiel kämpfen Ritter und Magier gegen Horden von Dämonen und Ungeheuern in einer blutrünstigen und schauerlichen Fantasiewelt. Wer jedoch ein Easter Egg entschlüsselt, wird in eine Parallelwelt teleportiert und sieht seinen Charakter schnell von aufrecht gehenden, hellebardenschwingenden Kühen umringt. Für Spieler, die unabsichtlich in solche Situationen tappten, wäre die Spannung und somit die Freude am Spiel wohl zu Ende.

Hommage an Hollywood

Thelma und Louise stürzen in den Abgrund.
Credits: GTA V

Als typische Easter Eggs gelten auch Insider-Witze und Referenzen zur Popkultur – Hauptsache, gut versteckt. Im fünften Teil des populären genre-übergreifenden Spiels „Grand Theft Auto“ kann der Protagonist das berühmte Ende des Films „Thelma and Louise“ (1991) miterleben, bei dem das vor der Polizei flüchtende Verbrecherduo mit seinem Ford-Thunderbird-Cabrio über die Kante des Grand Canyon rast. Um die Szene zu erwischen, muss der Spieler in der enormen virtuellen Welt zu einer bestimmten Uhrzeit mit einem gestohlenen Hubschrauber über einen Canyon fliegen.

Mickymausohren

Auch unter Film- und Serienproduzenten gibt es mittlerweile die Tradition, kleine versteckte Hommagen einzubauen. Disney-Produktionen sind bekannt dafür, zum Beispiel Mickymausohren einzubauen. Beim Trickfilm „Arielle, die Meerjungfrau“ durfte unter den Gästen am Hof des Triton sogar Kermit the Frog von den Muppets sitzen.

Gut getarnt, wie ein Frosch im Wasser
Credits: Disneys „Arielle, die Meerjungfrau“

In der Science-Fiction-Serie „Star Trek: Voyager“ erscheint kurz eine Namensliste verschollener Mitglieder einer Raumschiffcrew auf einem Bildschirm. Dabei handelt es sich um den fiktiven US-Präsidenten und sein Team – vom Chief of Staff bis zur Pressesprecherin – aus der TV-Serie „West Wing“.

Diese Einstellungen sind meist so kurz, dass kaum ein Zuschauer eine Chance hat, die Anspielungen zu entdecken.

Tribute und Seitenhiebe unter Rivalen

Ein dezenter Tribut: „Welcome The Roling Stones“
Credits: Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band, 1967

Doch auch gegenseitige gemein versteckte Verweise gab es, bevor Easter Eggs etabliert waren. Die psychedelischen Albencover der Rocklegenden aus den sechziger Jahren eigneten sich perfekt für symbolische Versteckspiele.

Die Beatles platzierten im Durcheinander auf dem Titelbild ihres Albums „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ (1967) eine Shirley-Temple-Puppe, die einen Rolling-Stones-Pulli trägt. Diese gaben den Tribut gleich zurück, indem sie die Köpfe der Beatles-Mitglieder im bunten Durcheinander auf ihrer im gleichen Jahr erschienenen Platte „Their Satanic Majesties Request“ verewigten.

Flower Power: Die Käfer tarnen sich in der Botanik.
Credits: Their Satanic Majesties Request, 1967
Subtil: der Blue Screen of Death
Credits: Screenshot Mac OS X

Nicht immer zollen Rivalen mit einem dezent eingebauten Easter Egg ihren Respekt. Apple zum Beispiel hat sich einen kleinen Seitenhieb auf den Konkurrenten Windows nicht nehmen lassen: Jeder Computer, der sich mit einem Mac über ein Netzwerk verbindet, scheint im Betriebssystem von Apple OS X als kleines Symbol auf. Wer sich mit einem Windows-PC anmeldet, wird als alter Röhrenbildschirm angezeigt. Klein darauf zu erkennen ist der notorische „Blue Screen of Death“, den frühere Windows-Benutzer immer dann gesehen haben, wenn ihr System komplett abgestürzt ist.

Einen Vorteil hat das Verstecken von Ostereiern für Insider: Nur wer sie schätzt, findet sie auch. Die Übrigen bleiben von den Albernheiten unbelästigt.