Rahul Saharan/AP

Säureattentate

Ein Gesicht für die Gesichtslosen

von Hans-Christian Baumann / 15.01.2016

Als sie 15 Jahre alt war, schüttete ihr ein enttäuschter Verehrer Säure ins Gesicht. Nun wird die entstellte Laxmi Saa das Aushängeschild der neusten Kollektion einer indischen Modekette. 

Von hinten wirkt Laxmi Saa mit ihrem schwarzen, langen Haar und dem bunten Sari wie eine typische junge Inderin. Dreht sie sich um, wird schnell klar, dass sie Schlimmes erlebt haben muss. Ihre Haut ist mit Narben übersät, das Gesicht verunstaltet, und auch die Arme sind schwer lädiert. Laxmi Saa ist eine von tausenden Frauen in Südasien, die jedes Jahr Opfer von Säureangriffen werden. Nachdem sie sich als 15-Jährige geweigert hatte, auf den Heiratsantrag eines 17 Jahre älteren Mannes einzugehen, überschüttete sie dieser kurzerhand mit Säure. Die ätzende Flüssigkeit fraß sich in ihren Körper. Die hellbraune Haut ist seither von breiten, dunklen Narben und weißen, pigmentlosen Flecken überzogen. Um die Entstellungen zu mildern, musste sich die junge Frau rekonstruktiven Operationen unterziehen.

Gekränkte Ehre als Motiv

In der Regel werden Frauen wie Laxmi Saa von der Gesellschaft ausgegrenzt und aus Scham von der Familie aus der Öffentlichkeit ferngehalten. Doch die heute 26-Jährige wollte sich nicht verstecken. Seit jenem schicksalhaften Tag im Jahr 2005 engagiert sich Laxmi als Aktivistin für Säureopfer. Längst ist sie das Aushängeschild der Menschenrechtsorganisation Stop Acid Attacks. Nun posiert sie mit selbstbewusstem Lächeln für die neuste Linie des indischen Modelabels Viva N Diva. Sie begründet ihr Engagement damit, Menschen Mut machen zu wollen, die Ähnliches erlebt haben wie sie.

Denn während Fälle von Vergewaltigungen seit längerem auch im Ausland für Empörung sorgen, erhalten Opfer von Säureangriffen sowohl in Südasien als auch im Westen deutlich weniger mediale Aufmerksamkeit. Die perfiden Übergriffe kommen zwar nicht nur auf dem Subkontinent vor, doch sind sie hier besonders verbreitet. Sie sind oft die Folge familiärer Konflikte oder aber von Eifersucht. Betroffen sind meist junge Frauen, seltener auch Kinder und Männer. Die Täter handeln aus Kränkung oder Ehrverletzung. Auch aus diesem Grund gießen sie ihren Opfern die Säure ins Gesicht, wo die Folgen besonders gut sichtbar sind. Viele der Opfer tragen nicht nur Hautschäden davon, manche von ihnen erblinden.

Hohe Dunkelziffer

Exakte Statistiken über Säureangriffe existieren nicht. Da das Thema tabuisiert wird, werden viele Fälle gar nicht erst bekannt. Die Acid Survivors Foundation in Indien hat im Jahr 2014 lediglich 349 Fälle erfasst. Die Schwesterorganisation in Dhaka gibt an, in Bangladesch seien im vergangenen Jahr 74 Säureattacken registriert worden. Für Pakistan sind gar keine Zahlen vorhanden. Es ist davon auszugehen, dass die Dunkelziffer in all diesen Ländern um ein Vielfaches größer ist. Die Nichtregierungsorganisation gibt an, nach offiziellen Statistiken würden nur schon in Indien aufgrund von Konflikten über die in Südasien übliche Mitgift bei Heiraten jährlich um die 7.000 Frauen umgebracht und 18.000 weitere verstümmelt.

Patriarchale Gesellschaft

Indien, Pakistan und Bangladesch haben in den vergangenen Jahren zwar Gesetze erlassen, die Säureattacken als kriminellen Akt einstufen. Dies ermöglicht eine Bestrafung der Täter – vorausgesetzt, die Fälle werden der Polizei gemeldet und diese wird auch aktiv. Viele Frauen meiden den Gang auf das Polizeirevier, weil in der Vergangenheit immer wieder Übergriffe durch Polizeibeamte bekannt geworden sind. Außerdem werden die Anliegen – insbesondere von armen Bürgern – oft nicht ernst genommen. In der Konsequenz kommen viele der Täter ungestraft davon.

Den Wurzeln des Phänomens der Säureattacken ist jedoch mit strafrechtlichen Maßnahmen allein kaum beizukommen. Die patriarchale Gesellschaftsstruktur und ein geringer Respekt gegenüber Frauen sind sowohl in der hinduistischen wie auch in der muslimischen Bevölkerung des Subkontinents tief verankert.