IMAGINECHINA

Menschliches Erbgut

Ein langer Marsch an die Weltspitze

von Martin Amrein / 07.02.2016

Mit Crispr sorgen sie für Aufsehen: Chinesische Forscher modifizieren Schweine, Ziegen, Affen – und menschliche Embryonen.

Der Süden Chinas gilt als Fabrik der Welt: Hier entsteht die Billigware, die den ganzen Planeten flutet. Bis vor kurzem machte dieser Landstrich keine Schlagzeilen mit außerordentlichen wissenschaftlichen Leistungen. Mit dem neuen Gentech-Werkzeug Crispr hat sich das geändert. Inzwischen erregen die dortigen Forscher beinahe im Monatstakt die Aufmerksamkeit der Wissenschaftswelt. Sie waren die Ersten, die Crispr nutzten, um Hunde zu manipulieren. Sie erzeugten die ersten genetisch editierten Affen. Und als Erste benutzten sie die Gen-Schere, um ins menschliche Erbgut einzugreifen.

Besonders im letzten Fall war der Aufschrei groß. Im vergangenen April gaben chinesische Forscher in einem unbedeutenden Journal bekannt, dass sie mit Crispr menschliche Embryonen verändert hatten. „Politisch unklug“ und „ethisch nicht verantwortbar“ lauteten die Kommentare der großen Fachzeitschriften, die zuvor die Publikation der Arbeit abgelehnt hatten. Vom ethischen Graben zwischen chinesischer und westlicher Forschung war die Rede. In Fernost, so der Tenor, nimmt man es mit der Moral nicht so genau. Anders ist nur schwerlich zu erklären, mit welcher Vehemenz chinesische Wissenschaftler bei der Manipulation von Erbgut vorpreschen.

Um Jahrzehnte zurückgeworfen

Ayo Wahlberg von der Universität Kopenhagen widerspricht. Der Soziologe hat jahrelang in China gelebt und sich mit der dortigen Reproduktionsmedizin befasst. „Ich glaube nicht, dass es in China weniger ethische Bedenken gibt“, sagt er. Die Gründe für Chinas jetzigen Boom in der Gentechnologie seien vielmehr in der bewegten Geschichte der Volksrepublik zu finden.

Den entscheidenden Impuls verortet Wahlberg im Jahr 1978: bei den Modernisierungen nach Mao Zedongs Tod. Die Kulturrevolution hatte die chinesische Wissenschaft zuvor um Jahrzehnte zurückgeworfen. Nun war es an der Zeit, gegenüber dem Westen wieder Boden gutzumachen. Während der nächsten Jahrzehnte folgten massive staatliche Investitionen. Viele Forscher bildeten sich in Übersee weiter und brachten ihr Wissen zurück. Einen ersten symbolischen Erfolg konnten chinesische Wissenschafter nach der Jahrtausendwende vorweisen: Als Teil des Humangenom-Projekts, das von amerikanischen Forschern initiiert worden war, entschlüsselten sie ein Prozent des menschlichen Genoms. Die Chinesen waren zurück auf dem internationalen Parkett. Doch der Abstand zu den Wissenschaftsmächten USA und Großbritannien war noch immer gewaltig. Es galt, weiter aufzuholen.

„Egal wo auf der Welt: In der Forschung zeichnet man sich aus, indem man Pionierarbeit leistet“, sagt Wahlberg. Chinesischen Forschern habe die effiziente Crispr-Methode ein ideales Mittel geboten, um mit Premieren auf sich aufmerksam zu machen. Es waren in erster Linie die Chinesen, die zeigten, dass sich die neue Gentech-Methode an so vielen verschiedenen Tierarten anwenden lässt.

In Windeseile schufen sie Organismen, deren herkömmliche Zucht Jahre gedauert hätte. Indem sie wachstumshemmende Gene ausschalteten, erzeugten Genetiker aus der Provinz Shaanxi eine neue Sorte von Kaschmirziegen. Die Tiere haben längere Haare und mehr Muskelfleisch. Wissenschaftler des Instituts für Biomedizin und Gesundheit in Guangzhou entwickelten ungewöhnlich starke Hunde, die angeblich imstande sind, schneller zu rennen. Und in einem Zentrum für Primatenforschung in Kunming kamen Makaken zur Welt, die gleich drei veränderte Gene aufwiesen. Affen, um menschliche Leiden wie Schizophrenie und Autismus zu erforschen. Staatliche Fördergelder machen solche Projekte erst möglich. Auf dem Weg zur Forschungsnation von Weltrang genießen sie höchste Priorität. Entscheidend für die raschen Fortschritte ist aber auch, dass die Wissenschaftler kaum durch Auflagen eingeschränkt sind.

Während in Großbritannien und den Vereinigten Staaten bei der Gen-Editierung Gesetze eingehalten oder zumindest Bewilligungen abgewartet werden müssen, gibt es in China lediglich Richtlinien. Vieles ist toleriert. Die Crispr-Versuche am menschlichen Erbgut etwa standen nicht in Widerspruch zu den staatlichen Empfehlungen.

Auf der Suche nach dem Grund für Chinas Vorreiterrolle bei der Gen-Editierung menschlicher Embryonen darf laut dem japanischen Bioethiker Tetsuya Ishii auch die Religion nicht außer Acht gelassen werden: „Obwohl in China keine nationale Religion existiert“, so Ishii, „ist das konfuzianische Denken noch immer dominierend. Demnach wird man erst nach der Geburt zu einer Person, was sich von der christlichen Vorstellung deutlich unterscheidet.“

Das Tabu, mit Embryonen zu forschen, dürfte in China deshalb weniger groß sein als bei uns. Das bedeutet aber keineswegs, dass solche Projekte unumstritten sind. „Ich möchte betonen, dass es in China sehr wohl Debatten dazu gibt“, erklärt Ishii. Wobei auch die lasche staatliche Regulation ein Thema ist, das erörtert wird. Dem aus China stammenden Humangenetiker Xiao-Jiang Li von der Emory University in Atlanta sind Gerüchte zu Ohren gekommen, wonach derzeit verschiedene weitere chinesische Forschungsgruppen Crispr an menschlichen Embryonen anwenden. „Ich weiß nicht, wie viele es sind“, sagt er. „Aber ich glaube nicht, dass jemand an die Öffentlichkeit geht, bevor es klarere gesetzliche Bestimmungen gibt.“

Solche wünscht sich Bai Chunli, der Präsident der Chinesischen Akademie der Wissenschaften. Im September erklärte er in einer öffentlichen Stellungnahme: „Wir möchten mit der internationalen Gemeinschaft zusammenarbeiten, um geeignete Vorschriften für die Gen-Editierungs-Technologie zu entwickeln.“

Gar nicht so problematisch

Ein erster Schritt dazu fand im Dezember auf einer Konferenz in Washington statt, wo sich internationale Forscher auf elementare Regeln im Umgang mit Crispr einigten. Dabei stuften einige Teilnehmer die Versuche an den Embryonen vom April als gar nicht so problematisch ein, weil die verwendeten Zellhaufen von vorneherein nicht lebensfähig gewesen waren. Zudem hatten die chinesischen Wissenschaftler mit dem Experiment gerade gezeigt, dass die Methode noch nicht sicher ist.

Zum groß angekündigten Gipfel hatten die Wissenschaftsakademien der USA, Großbritanniens und Chinas geladen. Auf einmal stand die Volksrepublik auf Augenhöhe mit den beiden Großmächten der Wissenschaft. „Für die Chinesen ein ungeheuer wichtiges Zeichen“, sagt der Soziologe Ayo Wahlberg. Die Aufholjagd ist geglückt: Die Amerikaner hatten das Humangenom-Projekt, die Briten das Klonschaf Dolly, die Chinesen die ersten genetisch editierten Embryonen. „Diese drei Nationen haben in den letzten Jahren die Grenzen der Gen-Wissenschaften verschoben“, sagt Wahlberg. „Die Frage ist nun, ob China zum Überholmanöver ansetzt.“