Gregor Fisher / EPA

Terror in Paris

Ein Pearl Harbor à la française

von Pascal Bruckner / 16.11.2015

Das Pariser Massaker vom Wochenende ist ein klarer Angriff auf die westlich-liberale Lebensart. Um sie zu schützen, müssen wir sie weiterhin pflegen. Aber damit ist es noch lange nicht getan. Pascal BrucknerPascal Bruckner wurde 1948 geboren. Er lebt als Romancier und Essayist in Paris. Aus dem Französischen von Barbara Villiger Heilig. über einen Albtraum, der Wirklichkeit geworden ist.

Es gibt Ereignisse, die wir nicht glauben können: Sie sprengen unsere Kategorien, passieren, ohne dass wir sie verstehen. Was in der Nacht von Freitag, dem 13., auf Samstag, den 14. November, in Paris geschah, gleicht einem Albtraum und wirkt wie Fiktion, auch für diejenigen, die als Zeugen dabei waren. Paris beim Konzert, Paris in den Straßencafés, Paris als Ort einer glücklich-sorglosen Jugend wurde zum Schauplatz einer schlechten Krimi-Serie.

Verächter des Lebens

Der Krieg sei uns erklärt worden, heißt es. Aber es ist ein Krieg ohne deklarierten Feind, ohne Fronten, ohne gegnerische Armee, geführt von ein paar entschlossenen Individuen, die bereit sind, zu sterben – und überall aufzutauchen. Verblüffendes Missverhältnis: Sieben oder acht Personen können ganze Menschenmengen terrorisieren. Wir fürchten den Tod nicht, sagen die Dschihadisten, um ihre Überlegenheit zu beweisen. Indessen fürchten sie das Leben, hören nicht auf, es mit Füßen zu treten, zu verunglimpfen, zu zerstören – und, von der Wiege an, Märtyrerkandidaten aufzuziehen. Beobachter haben es bemerkt: Die Mörder kamen mit unbedecktem Gesicht, bereit, zu töten und getötet zu werden. Sie sind heiter, mit sich im Reinen, in die Schlacht geschritten.

Ihr Erfolg ist total. Alles, was andere früher falsch gemacht hatten – pathetische Clowns, bewaffnet mit Messern oder Knarren mit Ladehemmung –, ging bei ihnen auf. Kaum hielten sie es für nötig, ihre Taten zu rechtfertigen, indem sie Syrien oder Israel einbrachten. Pure Rhetorik: Sie töten uns nicht für das, was wir tun, sondern für das, was wir sind. Unser Verbrechen ist, dass wir existieren; unsere Schuld, dass wir in freien Gesellschaften leben, wo Gleichberechtigung herrscht. Der wahre Motor des Fundamentalismus ist weniger die skrupulöse Wahrung der Tradition (was eher Rigorismus wäre) als vielmehr die Angst vor einer Daseinsweise, die auf Autonomie gründet, auf permanenter Innovation, auf Schwächung der Autorität. Den Westen tolerieren, das hieße, gemeinsame Sache zu machen mit dem Fortschritt der Vernunft, der freien Urteilsbildung, des Individualismus.

Der Vormarsch unserer westlichen Werte provoziert im Gleichschritt den Hass auf sie: auf Freiheit und Recht sowie insbesondere auf die Emanzipation der Frauen, diese symbolträchtige Veränderung ersten Ranges. So kommt es zu einer neuen Generation von in Frankreich geborenen Konvertiten, Emiren mit blauen Augen, verloren in ihrer eigenen gesellschaftlichen Umgebung und auf der Suche nach strengen Regeln, die Sicherheit verleihen. Diejenigen, welche Passanten mit Kugeln durchsieben, trägt die apokalyptisch und nihilistisch untermauerte Überzeugung, durch Mord das Heil zu gewinnen.

Diese jungen Leute glauben daran, das Ende der Zeiten zu erleben: Darum wollen sie das Eintreffen des Jüngsten Tags durch Blutbäder beschleunigen, dadurch die schuldige Menschheit säubern und ihre Rückkehr ins ursprüngliche Kalifat vorbereiten. Ihr Nihilismus nährt sich von zwei Quellen, der messianischen einerseits, der faschistischen anderseits: Das „Viva la muerte!“ des franquistischen Offiziers José Millan Astray, Schlachtruf der Anhänger des Generalísimo anno 1936, klingt darin an. Der Selbst-Radikalisierung im Web entspricht die Selbst-Erlösung durch Töten und Sterben. Die makabren Untaten von Freitagnacht könnten durchaus einen Propagandaeffekt haben. Halsabschneiden, Erschießung, Köpfungen sind potente Aphrodisiaka für radikale Islamisten. Die Gewalttat ist ihnen Lustgewinn. Ihr Traum: die Franzosen gegeneinander aufzubringen, die muslimische Gemeinschaft zu isolieren und angreifbarer zu machen. Sie stellen uns die Falle der blinden Erpressung, in die die gesamte extreme Rechte zu tappen scheint. Je besser wir die muslimischen Franzosen, die französischen Muslime schützen, desto klarer machen wir die Vorhaben dieser Gotteskrieger zunichte.

Was also tun?

Nicht von unseren Gewohnheiten abrücken; leben, als gäbe es keinen Terrorismus; gemächlich unserem Alltag nachgehen. Den Mördern die Verachtung der Zivilisierten entgegenhalten. Auf innenpolitischer Ebene: die verfassungsmässigen Rechte der inhaftierten Dschihadisten einschränken, sie in Internierungslagern sammeln, wie es schon vorgeschlagen wurde. Alle als suspekt erfassten Personen präventiv verwahren. Den 3.000 als potenziell gefährlich Eingestuften im Lande die Freiheit entziehen. Syrien-Rückkehrer neutralisieren; per sofort alle zweifelhaften Imame und Hassprediger ausweisen; die salafistischen Moscheen schließen.

Eine Dummheit ist es zu meinen, wir müssten für unsere Einmischung in den muslimischen Ländern zahlen. Abgesehen davon, dass diese Eingriffe Muslime gerettet haben – Sarajevo wurde 1995 von der NATO befreit, ein gutes Beispiel –, verbucht der IS gerade in Syrien, also dort, wo wir nicht interveniert haben, seine deutlichsten Erfolge. Frankreich müsste die Führung einer internationalen Koalition übernehmen, zu der die USA, Russland, der Irak, Iran gehörten, und Mossul und Rakka bombardieren, die beiden Hauptstädte des IS im Irak und in Syrien. Der Schrecken soll sich unter den Terroristen ausbreiten, keine Atempause sei ihnen vergönnt, bis zur kompletten Ausmerzung.

Natürlich muss auch die Frage der Sunniten im Irak geregelt werden, die ihren Platz verdienen, wie General Petraeus 2007 verstanden hatte. Danach kämen Assad und die Regelung seiner Nachfolge dran. Paris müsste Washington die amerikanischen Schulden in der Region in Erinnerung rufen: Die Vereinigten Staaten sind nicht nur verantwortlich für die Invasion unter falschem Vorwand 2003 im Irak, sondern auch, ab 2011, für den verfrühten Abzug ihrer Truppen. Der IS, letztlich eine amerikanische Koproduktion, entstand aus dem fatalen Fehler Paul Bremers, des Verwalters in Bagdad, der die Baath-Partei verbot, Saddams Armee auflöste und so ihre Offiziere und Kader in den Untergrund zwang.

Eine weitere imperative Maßnahme betrifft umfassende Hilfeleistungen an die Kurden in Erbil und im Norden Syriens durch Lieferung schweren Geschützes – sind sie doch die Einzigen bisher, welche zwei entscheidende Siege über den IS errungen haben, in Kobane und in Sinjar.

Schließlich: Unter der Million Flüchtlinge, die seit einigen Monaten nach Europa geströmt sind, gibt es zweifellos einen verschwindenden, aber ausschlaggebenden Prozentsatz von IS- oder Al-Kaida-Adepten. Das wollte Angela Merkel in ihrer ostentativen Großzügigkeit nicht sehen: Hart gegenüber den Griechen, empfing sie die Syrer mit offenen Armen und imperialer Milde. Ohne die kleinen Länder Südosteuropas zu fragen, hat sie ihnen Zehntausende von durchmarschierenden Migranten zugemutet, in denen sie erst noch billige Arbeitskräfte sah. Herz und Business, beides war beteiligt – eine rentable Art von Altruismus. Ein paar Wochen später dann der Canossagang, als sich Angela Merkel den Vorstellungen des Autokraten Erdogan beugen musste. Dieser heimliche Schirmherr des IS und aktive Anhänger der Muslimbrüder träumt von einem islamisierten Europa und einer Neuauflage des Osmanischen Reichs.

Hilfsbereitschaft mit Bedacht

Der Export von Gewalt auf die Straßen von Paris, London oder Berlin findet auch auf den Wegen der Flüchtlingsströme statt, inmitten deren sich, unter erschöpften Erwachsenen und Kindern, ein paar abgebrühte Dschihad-Soldaten verstecken. Es wäre nötig, Bedingungen an die Gastfreundschaft zu knüpfen, ohne Sentimentalität jede Bewerbung sorgfältig zu prüfen, im gegebenen Fall sogar die Grenzen zu schließen. Die Mörder haben eine erste Runde gewonnen und ihre blutige Ernte eingefahren. Sie zu zerstören, ist unsere Pflicht.