presse-exklusiv-vadüuz

Blick in die Psyche

„Ein Volk von Traumatisierten, Ausgebrannten, Gemobbten und Frühpensionisten“

von Yvonne Widler / 08.03.2016

Ist es wirklich so, dass die Österreicher ihre Probleme mit einer auffälligen Wehleidigkeit ertragen? Ja, sagt der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard HallerPsychiater, Neurologe und Psychotherapeut – ist Chefarzt einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Klinik mit dem Schwerpunkt Abhängigkeitserkrankungen. Bekannt ist er als national und international tätiger forensischer Psychiater und Gerichtsgutachter (z.B. in den Fällen Jack Unterweger, Franz Fuchs, Amoklauf Winnenden oder Grazer Amokfahrt). Habilitation zum Thema „Psychische Störungen und Kriminalität“. Lehrauftrag an der Universität Innsbruck für Forensische Psychiatrie. Mitglied mehrerer Opferschutzkommissionen. Autor des Fachbuches „Das psychiatrische Gutachten“ und der Sachbuchbestseller „Die Narzissmusfalle“, „Das ganz normale Böse“, „(Un)-Glück der Sucht“, „Die Seele des Verbrechers“ und „Die Macht der Kränkung“. . Ein Gespräch über Depressionen, Ängste und Süchte – und das Geschäft mit den angehenden Psychotherapeuten.

Sitzt man ihm beim gemütlichen Kaffee gegenüber, rückt die Tatsache, dass Reinhard Haller auch schon Serienmördern wie Jack Unterweger oder dem Bombenattentäter Franz Fuchs mehr oder weniger genauso gegenüber gesessen hat, etwas in Vergessenheit. Der gebürtige Vorarlberger ist einer der bekanntesten Psychotherapeuten und Psychiater Österreichs und war in viele prominente Kriminalfälle als Gutachter involviert. Selbst er, der ihre Tiefen wie kaum ein anderer kennt, sagt, die menschliche Seele sei immer noch weitgehend unerforschtes Terrain.

Was er aber mit Sicherheit sagen könne: „Die psychischen Krankheiten in unserer Gesellschaft nehmen zu“. Diese Entwicklung sei eigentlich völlig unlogisch. Vergnügen und Sicherheit steigen im Allgemeinen, Depressionen und Angstzustände der Menschen würden aber ebenfalls steigen. Eine Tendenz weg von den körperlichen Krankheiten hin zu den psychischen sei schon länger beobachtbar, und selbst wenn die Depressionen physische Krankheiten nicht in absoluten Zahlen übersteigen, so ist sich Haller sicher, werden sie spätestens in 30 Jahren die wichtigste Krankheit unserer Gesellschaft sein.

„Heute ist alles Burn-out“

Fragt man Haller nach den drei häufigsten Gründen, warum Menschen in Österreich Psychotherapeuten oder Psychiater aufsuchen, zögert er keine Sekunde: „Depressionen, Ängste und Süchte.“

Gerade an der auffällig inflationären Verwendung des „Burn out“-Begriffes zeichne sich die Tendenz zu den steigenden Depressionen ab. Es sei der meist zitierte medizinische Ausdruck in den Medien. „Heute ist alles Burn-out“, so Haller. Der ausgebrannte Zustand sei im Prinzip nichts anderes als ein depressiver Erschöpfungszustand, der im Übrigen nicht in der internationalen Klassifizierung ICDDie Internationale Klassifikation der Krankheiten (ICD, International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) ist das wichtigste, weltweit anerkannte Diagnose­klassifikationssystem der Medizin. Es wird von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) herausgegeben. enthalten ist. Hinzu käme, dass es für Menschen sehr schwierig sei über Depression und Angst zu sprechen, „aber Burn out, das kann man sagen.“

Ausgebrannte Menschen seien Opfer von Stress, Druck und der Überreizung der Gesellschaft durch das immer notwendigere Multitasking. Die Zahl an hypersensiblen Menschen habe zudem stark zugenommen und mit dieser Hypersensibilität seien wir anfälliger für Depressionen. Ein weiterer Grund für die Zunahme an derartigen Krankheiten sei die emotionale Vereinsamung. Trotz der neuen Kontaktmöglichkeiten, seien die Menschen immer einsamer geworden und Einsamkeit bedeute letztlich Depression.

Ein Wachhund, kein Wolf

Bei den aufkommenden Ängsten handle es sich weniger um klassische Phobien als um schmerzhaft erdrückende, freiheitsberaubende Gefühle in diesen Menschen. „Die Betroffenen tragen massive Furcht in sich, können allerdings oft nicht sagen, wovor“. Warum auch diese Art der psychischen Störungen so im Aufmarsch ist, ist selbst für Haller nicht leicht zu erklären. Natürlich spielten gerade die ersten Lebensjahre, das Maß an Lob, Anerkennung, Zuneigung, das man hier erfährt, eine gravierende Rolle. Empfängt man in Kindesjahren genug davon, sei das ein wirksamer Schutz vor späteren Ängsten. Und ein Schutz davor, seinen Selbstwert nicht zu verlieren, was bei den Betroffenen immer wieder vorkomme.

Angst sei primär nichts Schlechtes. „Aber sie soll ein Wachhund sein, kein reißender Wolf, der die Seele auffrisst.“ Ein weiterer Grund für die Zunahme von psychischen Störungen sei die Tabuisierung in der Gesellschaft. Verdrängung sei der Nährboden für Ängste, dadurch würden sie stärker und mächtiger. „Ein anderes Problem ist, dass der Narzissmus zunimmt. Ich denke mit dem Beginn der digitalen Revolution, also ungefähr um die Jahrtausendwende herum, ist das Zeitalter des Narzissmus angebrochen, was generell nicht schlecht ist.“ Narzissmus sei früher lediglich den Reichen und Mächtigen vorbehalten gewesen, ihn habe es aber immer schon gegeben. Heutzutage könne es sich jeder leisten, Narzisst zu sein. „Das beinhaltet leider auch, dass er zum Ideal wird und das ist gefährlich.“

Bereits jetzt schon gebe es etliche Anzeichen dafür: Das Selfie sei das mit Abstand meistfotografierte Objekt, Castingshows, die Finanzkrise als narzisstische Krise mit Scheinwerten. „Und selbst der Papst hat gesagt, die Krise der Religionen sei eine Krise der narzisstischen Theologie“. Haller gibt ihm recht. „Wenn man die anderen nicht gelten lässt, nur auf sich selbst schaut – ein Ofen, der nur sich selbst wärmt –, dann entsteht soziale Kälte, Entsolidarisierung und letztlich wieder Vereinsamung.“

Wir und unsere Süchte

Die wahre Freiheit werde in einigen Jahren sein, das Privileg zu haben, sich digital auszuloggen. Aus dem Netz zu verschwinden, das iPhone einfach abzuschalten und nicht erreichbar zu sein, nicht überwacht zu sein.

Wir sagen immer, Freiheit ist das höchste Gut, aber wir tun alles, um unfrei zu werden.

Dies geschehe durch unsere Süchte. Seien es substanzgebundene Süchte oder etwa die „Handysucht“. Auch Haller sagt, er ist begeisterter User und sehr interessiert, was neue technische Entwicklungen betrifft, „aber wir alle sind Gefangene des Netzes“.

Bringe man den Suchtbegriff auf der anderen Seite mit chemischen Drogen in Verbindung, so erkennt Haller eine weitere Tendenz. „Dass wir die Drogen brauchen, um mit dem Stress und der Belastung fertigzuwerden. Um fröhlich genug zu sein, der Rausch, den wir sonst nicht mehr fühlen.“ Jede Droge habe allerdings auch gute Funktionen, aber die Entwicklung, dass die Menschen versuchen durch die Einnahme von Substanzen ihre psychische Befindlichkeit, ihr Vergnügen oder ihre Sexualität zu steuern, könnte zum Problem werden. Der Frage, ob er selbst schon einmal chemische Drogen zu sich genommen hat, weicht Haller geschickt aus. „Wenn ich sage, ich habe keine probiert, heißt es, der Mann hat keine Ahnung, obwohl das nicht so wäre. Wenn ich sage, ich habe welche konsumiert, bezichtige ich mich einer Straftat und bei den vielen Feinden, die ich habe, verzichte ich auf eine Antwort.“

Die österreichische Seele

Österreich rangiere, was die Krankenstände betrifft, weit vorne im europäischen Vergleich. Ebenso bei den Kuraufenthalten, „die eigentlich dazu dienen müssten, die Menschen wieder arbeitsfähig zu machen.“ Und auch bei Burn-outs seien wir ganz vorne dabei. „In Österreich hat man den Eindruck, es handelt sich um ein Volk von Traumatisierten, Ausgebrannten, Gemobbten und Frühpensionisten“, sagt Haller schmunzelnd. Doch woran liegt das? Vor allem der Umgang mit Neid sei hierzulande ein bemerkenswerter. „Ich wohne ja an der schweizerischen Grenze. Da sehe ich einen massiven Unterschied im Umgang mit Neid.“ Das unangenehme Gefühl gebe es freilich da und dort, aber bei den westlichen Nachbarn sei es ein konstruktiver Neid, in dem man versuche, gleich gut oder besser zu sein als die anderen. „In Österreich ist es ein destruktiver Neid, da mobbt man dann.“

Mobbing sei eine Form von organisiertem Kränken. In Österreich werde dies zusätzlich mit einer auffälligen Wehleidigkeit getragen. Hinzu käme, dass Traumata oft mit Kränkungen verwechselt werden. Erst kürzlich hat Haller ein Buch zu dem Thema geschrieben„Die Macht der Kränkung“. Ecowin Verlag, 2015 . „Ein Psychotrauma würde Todesangst voraussetzen, wie eine Lawine, unter die man gekommen ist, oder eine Vergewaltigung, die man erleiden musste. „Bei uns ist es schon ein Trauma, wenn man jemanden schief anschaut.“

Das Geschäft mit der Ausbildung

In Österreich gebe es ein Heer an Psychotherapeuten. „Es ist schlimm, denn mit Inflation geht immer auch ein Verlust der Qualität einher“. Die Ausbildungen seien ein riesiges Geschäft für die Anbieter. Mittlerweile fänden sich über 20 anerkannte Psychotherapie-Stätten, die sich gegenseitig bekriegen. „Ein absoluter Ersatz für Religionsgemeinschaften, wie ich meine.“ Eigene Riten, eigene Gurus, zehntausende Euros für die Ausbildung. Der Run auf diese Schulen ist groß. Auf die Frage, ob es nicht selbst immer recht instabile Persönlichkeiten seien, die diesen Beruf ergreifen, antwortet Haller mit einem Lächeln. „Die Pathologie hat bei der Berufswahl großen Einfluss. Wenn jemand kriminelle Tendenzen in sich trägt, wird er Staatsanwalt oder Polizist. Wenn jemand selbst psychisch labil ist, wird er Psychiater. Das ist bei vielen eine Art Selbstheilung.“

Nach Hallers Beobachtungen jedoch hätten sich die Kräfte des Marktes durchgesetzt. „In dem Heer an Psychotherapeuten gibt es auch sehr gute, und die sind auch sehr gefragt.“