Eine Art Roboterjournalismus: „So reagiert das Netz“

Gastkommentar / von Rainer Stadler / 15.08.2016

Dauernd liest man Texte mit der Ankündigung: „So reagiert das Netz“. Doch wer ist das Netz?

Zugegeben, dieser Titel ist eine Täuschung. Hier gibt es keine News dazu, wie im Internet diese oder jene Neuigkeit bewertet wird. Es geht vielmehr um die Bewirtschaftung der Online-Konversation. Bei einem Branchendienst las ich zum x-ten Mal im Titel „So reagiert das Netz“. Ist das eine Marotte eines einzelnen Anbieters? Keineswegs. Eine kleine Online-Suche zeigt das Ausmass der Repetition:

„So reagiert das Netz“ …

– auf Christoph Hartings Showeinlagen (Kölner Stadtanzeiger)

– auf die Forderung nach Deutsch-Plicht auf Facebook (Merkur)

– auf Nadja Ab del Farrags Abrechnung (Gala)

– auf den nackten U-Bahn-Gast in Berlin (Morgenpost)

– auf den Anschlag von Nizza (Hannoversche Allgemeine)

– auf Mehmet Scholls Entschuldigung (Chip)

– auf fahnenschwenkende, des Nationalismus verdächtigte Fussballfans (Morgenpost)

– auf die Reitschulmassnahmen in Bern (Bund)

usw. usf.

Jedem seine Meinung (Bild Imago)

Wenn die Formel nicht im Titel steht, taucht sie zumindest in der Internet-Adresse des jeweiligen Textes auf.

Der Phantasievolle erlaubt sich eine Varianz: „So schockiert reagiert das Netz auf die Riesenspinne von Lörrach“ (Süd-Kurier)

Oder: „So fies lästert das Netz über diese Olympionikin“ (Pro Sieben)

Wichtig ist einfach: ein „So“ muss drin sein. Das Wort ist schön kurz und verspricht, dass es nach dem Titel gleich zur Sache gehen soll.

Das Problem ist bloss: Wer ist das Netz?

Wenn man von Reaktionen des Markts spricht, kann man diese wenigstens an Zahlen ablesen: Der Kurs eines Unternehmens ist wegen dieser oder jener Nachricht gesunken oder gestiegen. Bei der Internet-Konversation ist alles diffuser. Die Stimmung in sozialen Netzwerken schlägt sich nicht in einem Preis nieder – höchstens dann, wenn sie ausnahmsweise börsenrelevant werden sollte.

Klar, journalistische Monologe sind im digitalen Interaktions-Zeitalter verdächtig geworden. Man will die Meinungen des Internet-Volks ernst nehmen und reflektieren. In der Regel beschränken sich derlei Stimmungsmessungen allerdings auf das Zitieren von einem halben Dutzend Facebook- oder Twitter-Stimmen. Das erinnert an die einschlägigen Strassenumfragen von Lokalradios, die nicht mehr als beliebige Farbtupfer sind. Skurril wird es dann, wenn die zitierten Online-Stimmen von Journalisten oder Prominenten stammen. Diese repräsentieren kaum das digitale Volk. Über soziale Netzwerke sind solche Zitate natürlich schneller gesammelt, als wenn man die Personen einzeln anfragen müsste.

Wenn einfache Sport- und Börsennachrichten bereits per Computer hergestellt werden können, wäre der nächste logische Schritt, die Wiedergabe von Online-Konversationen ebenfalls einem Roboter zu überlassen. Sein Output wäre vielleicht sogar ein bisschen präziser – und sowieso schneller.