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Salafistischer und radikaler Islam

Eine gefährlich unzeitgemässe Ideologie

Meinung / von Toni Stadler / 07.09.2016

Wirksamer als ein Verhüllungsverbot wären innen- und aussenpolitische Massnahmen mit dem Ziel der weltweiten Ächtung des radikalen Islams.

In Lausanne sieht man relativ oft voll verschleierte Frauen, weil sie im französischen Evian in der Umgebung ihrer Sommerresidenzen nicht öffentlich flanieren dürfen. Aus einer geschützten Behausung zu beobachten, ohne selbst beobachtet oder in ein Gespräch verwickelt zu werden, muss Musse zum Nachdenken geben. Was halten die Frauen hinter dem Sehschlitz von ausgelassenen jungen Schweizerinnen in Shorts und lockeren T-Shirts? Was von Liebespaaren, die sich auf dem Trottoir küssen? Was von gestylten Karrierefrauen in modernen Hosenanzügen, unbegleitet auf dem Weg zum Flughafen?

Dominanz der Männer

Vollverschleierte sind vom Kindesalter an, behütet und bewacht durch ihre Eltern, in die Rolle als erste oder zweite Gattin und Mutter hineingewachsen. Die Vollverschleierung des weiblichen Gesichts, lange vor Mohammed bei gewissen Nomadenstämmen der Brauch, wurde auf der Arabischen Halbinsel unter dem Islam weitergeführt und seit dem Wirken eines der Vordenker des Salafismus, Abd al-Wahhab (18. Jahrhundert), verschärft durchgesetzt. Nikab und Burka schützten nicht nur vor Sand und Sonnenbrand, sondern stellten vor allem sicher, dass Frauen während der langen Abwesenheiten des Gatten nicht mit anderen Männern in Kontakt treten und aussereheliche Kinder zur Welt bringen konnten.

Die linksliberale Mehrheit in Europa und in den USA, gefangen im politisch Korrekten, bemüht sich, den Islam inklusive Salafismus wie irgendeine andere Religion zu behandeln.

Heute ist die vollständige Verhüllung des Frauengesichts in der Öffentlichkeit vorwiegend im salafistischen oder im radikalen Islam die Norm. Diese Glaubensrichtung ist keine Randerscheinung wie etwa jene der fundamentalistischen Christen in den USA. Sie ist die Grundlage von Gesellschaft und Rechtsprechung in fast einem Dutzend Ländern, darunter Saudiarabien, die Golfstaaten, der Sudan, Somalia, Mauretanien. Typisch für den Salafismus ist eine im Vergleich zum Rest der Welt ungewöhnlich starke Dominanz der Männer über die Frauen, der Eltern über ihre Kinder, des Klerus über das Alltagsleben der Gesellschaft; dazu kommen eine Erziehung zum absoluten Gehorsam gegenüber dem Herrscher plus ein grotesk unerbittlicher Umgang mit Gesetzesbrechern.

Diesen archaischen Islam als eine zurückgebliebene, aber bald einmal von selbst aussterbende Lehre zu betrachten, ist ein Fehler. Seine Bedeutung nimmt zu.

Insgesamt verletzen salafistische Staatsapparate etwa dreimal häufiger Menschenrechte als das dafür oft kritisierte China. Diesen archaischen Islam als eine zurückgebliebene, aber bald einmal von selbst aussterbende Lehre zu betrachten, ist ein Fehler. Seine Bedeutung nimmt bekanntlich zu.

Über die Islamische Weltliga, ein durch die saudische Regierung gesteuertes Hilfswerk, verbreitet das Königreich, in dem andere Religionen verboten sind, den Salafismus in der islamischen Welt und bei den Migranten in der Diaspora. Die Organisation für Islamische Zusammenarbeit mit 56 Mitgliedstaaten und Sitz in Jidda blockiert im Menschenrechtsrat der Uno seit Jahren fast jede Kritik an der Menschenrechtspraxis in salafistischen Ländern. Für Saudiarabien ist diese Organisation offensichtlich ein Instrument, um die fundamentalistische Glaubensrichtung zu einer starken Kraft innerhalb des Islams und damit international akzeptierbar zu machen.

Dabei wird leichtfertig oder zynisch in Kauf genommen, dass das Gedankengut des Salafismus (zum Beispiel: „Wer sein Leben im Kampf gegen Ungläubige opfert, kommt ins Paradies“) vom Islamischen Staat und von seinen Helfern in der Diaspora als Legitimation für Terrorschläge gegen „Ungläubige“ oder moderate Muslime verwendet wird.

Die internationale Geschäftswelt stimmt der Linken in diesem Fall gerne zu, um keine Probleme mit Riad zu bekommen. Schliesslich kaufen auch Salafisten Waffen, sie fliegen Airbus und trinken Coca-Cola.

Die gegenwärtige Burka-Debatte lenkt ab vom wirklichen Problem. Die Tatsache, dass siebzig Jahre nach der Unterzeichnung der Uno-Charta (1945) und der Allgemeinen Menschenrechtserklärung (1948) schätzungsweise 100 Millionen Menschen in Staaten leben, wo das Gesetz des Salafismus, die Scharia, gilt, ist ein wesentlich grösseres Ärgernis als die paar hundert voll verschleierten Frauen auf den Einkaufsstrassen Europas.

Erinnern wir uns daran, dass es Zeiten gegeben hat, da alle Uno-Mitglieder sich darauf einigen konnten, dass die gleichen Menschenrechte für alle Menschen gelten sollten. Dies nach dem Zweiten Weltkrieg, bei der Unterzeichnung der Universellen Menschenrechtserklärung, und ein zweites Mal nach der Auflösung der Sowjetunion, an der Weltmenschenrechts-Konferenz von Wien (1993). In Wien bekräftigten alle Mitgliedsländer, die Einhaltung der Menschenrechte voranzutreiben.

Geschehen ist das Gegenteil. In Brunei wurde 2014 die Steinigung wieder eingeführt. Auf den Malediven gilt wieder die Scharia als Gesetz. Die Anzahl salafistischer Moscheen und Schulen, finanziert durch die Golfstaaten, hat sich seit 1993 weltweit vervielfacht. Irgendwann um die Jahrtausendwende ist die moderne Welt vor der Macht der Petrodollars eingeknickt. Wann hat ein Präsident, ein Premierminister oder ein Uno-Hochkommissar für Menschenrechte zum letzten Mal die Scharia öffentlich als unvereinbar mit den Menschenrechten bezeichnet?

Die linksliberale Mehrheit in Europa und in den USA, gefangen im politisch Korrekten, bemüht sich, den Islam inklusive Salafismus wie irgendeine andere Religion zu behandeln, und hat Angst davor, der Intoleranz mit Intoleranz zu begegnen.

Die internationale Geschäftswelt, welche die schulterzuckende Akzeptanz jeder Art von Kultur, Religion oder Lebensstil längst zum globalen Geschäftsprinzip gemacht hat, stimmt der Linken in diesem Fall gerne zu, um keine Probleme mit Riad zu bekommen. Schliesslich kaufen auch Salafisten Waffen, sie fliegen Airbus und trinken Coca-Cola. Sind Nikab und Burka zur Zielscheibe so vieler europäischer Politiker geworden, weil sie sich aus geschäftlichen Gründen nicht trauen, Saudiarabien und die anderen Golfstaaten für deren Machtpolitik mit dem Salafismus als Instrument zur Rechenschaft zu ziehen?

Ächtung des radikalen Islams

Wie umgehen damit, in Europa, in der Schweiz? Als Einzelmassnahmen sind Verhüllungsverbote wie in Frankreich, Belgien oder im Tessin Symbolpolitik zur Mobilisation von Wählerinnen und Wählern.

Glaubwürdiger und wirksamer wäre ein Verhüllungsverbot als Teil eines Paketes von innen- und aussenpolitischen Massnahmen mit dem Ziel der weltweiten Ächtung des radikalen Islams. Um die Ausbreitung des Salafismus zu stoppen, um den Menschenrechten im Nahen Osten Nachachtung zu verschaffen und um den sektiererischen Bürgerkriegen in der islamischen Welt ihre Rechtfertigung durch die Religion zu entziehen.

Also keine Finanzierung von Moscheen in Europa durch Staaten mit salafistischen Institutionen. Keine Imame, die sich nicht öffentlich vom Gedankengut des radikalen Islams distanzieren. Keine Missionierung des menschenrechtsverletzenden Salafismus in Europa und anderswo.

Wirtschaftlicher Druck könnte dem nachhelfen. Die Umstellung auf eine fossilfreie Energieversorgung wird eine Reduktion der Intensität des Handels mit den Golfstaaten möglich machen. Hunderte der grössten multinationalen Konzerne haben sich im UN Global Compact zur Einhaltung und zur Förderung der Menschenrechte in ihrem Einflussbereich bekannt. Moral vor Geschäft könnte in dieser Situation nicht nur ethisch vertretbar, sondern langfristig ertragreicher sein, denn die moderate islamische Welt ist ein grösserer Markt als die salafistische. Das geeignetste Forum, um den Salafismus auf höchster Ebene zu konfrontieren, wäre die G-20, wo Saudiarabien, mit kleinerem BIP als die Schweiz, Mitglied ist.

Für fast alle der neunzehn übrigen Mitglieder der Gruppe, insbesondere für China, Russland, Indonesien, ist die Ausbreitung des radikalen Islams in ihren Ländern eine Bedrohung. Die Welt steht heute vor der Wahl, die Macht einer gefährlich unzeitgemässen Ideologie weiter anwachsen zu lassen oder sie in ihre Schranken zu verweisen. Nikab- und Burka-Verbote in Europa greifen dafür zu kurz.

Toni Stadler ist Historiker, mit 25 Jahren internationaler Arbeit bei IKRK, Uno, OECD und EDA/Deza, unter anderem im Irak. Er ist Autor des zeitkritischen Buches „Global Times: Roman über moderne Nomaden“ (Offizin-Zürich-Verlag, 2015).