Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Eine Geflügelte-Worte-Ferkelei

Gastkommentar / von Peter Strasser / 29.12.2015

Im Kindergarten lernen sie geflügelte Worte. Dass geflügelte Worte keine Worte mit Flügeln sind, stößt bei E., meiner älteren Enkeltochter, allerdings auf inneren Widerstand. Denn ihr Idealbild des Wirklichen wird zurzeit durch die Lillifee verkörpert, und die Lillifee hat Flügel, sonst wäre sie nicht, was sie ist.

Weil ich ein alter Liebhaber der Weisheit (philosophia) und kein junger Kindskopf bin, erkläre ich E., dass gerade darin – nämlich keine Flügel zu haben – das Wesen geflügelter Worte liege. E. versteht nicht, was das bedeuten soll (ich übrigens auch nicht), also belehrt sie mich angesichts eines Patzens Marmelade, der gerade von ihrem Frühstücksbrötchen auf das Tischtuch tropft und dort, in den Stoff einsickernd, einen Fleck bildet, der – so ich, Meister Proper – sich erst bei neunzig Grad Waschmaschinenhauptwaschtemperatur wieder „herausbringen“ lassen wird. 90 Grad!

Genauso habe es ihr die Tante im Kindergarten auch erklärt, flötet E. Darauf ich, begriffsstutzig: „Wie denn?“ Darauf E., ganz gelehriges Kindergartenkind der Gruppe „Sonnenschein“ im letzten Kindergartenjahr: „Na, dass es pickt, wenn es liegt!“ Was meine jüngere Enkelin H., die auch bei uns am Tisch sitzt, dazu animiert, ihr Brötchen mit der Marmeladenseite nach unten auf das Tischtuch zu drücken. Ihr Kommentar: „Pickt!“ Dazu E., im Kindergartentantenton: „Weil es liegt.“

Mich entzückt diese Geflügelte-Worte-Ferkelei, ich spüre regelrecht, wie mir innerlich Flügel wachsen.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.