Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Eine gelungene Ichwerdung

Gastkommentar / von Peter Strasser / 25.02.2016

E., meine ältere Enkeltochter, hat eine Neuigkeit, die sie uns am Frühstückstisch buchstäblich auftischt: „H. sagt jetzt ‚ich‘.“

H., unsere jüngere Enkeltochter, sitzt neben ihr und sagt: „Ich.“ Und dann beginnt sie zu weinen, dass ihr die Tränen aus den Augen spritzen. Meine Frau, ganz liebende Großmutter – nicht umsonst gibt es neben der Gruppe „Sonnenschein“ im Kindergarten auch noch die „Omagruppe“ zuhause, wohin man sich flüchten kann, wenn sonst gar nichts hilft –, flattert regelrecht um den Frühstückstisch herum und drückt H. an sich.

E. hat eine luftige Miene aufgesetzt, sie weiß, worum es geht, nämlich darum, dass H. noch immer ein „Baby“ sein möchte. Und wirklich: Unter Schluchzen, das am Busen meiner Frau rasch wohlig babylig klingt, platzt es aus H. heraus: „H. nicht mehr H., jetzt ich!“ Meine Frau busselt H. ab und flüstert ihr beruhigend ins Ohr, als ob es ein großes Geheimnis anzuvertrauen gälte (und ist’s denn keins?): „Schschsch…, H. ist H., unsere H., auch wenn H. jetzt schon ‚ich‘ sagen kann.“

E. kommentiert ein wenig von oben herab: „Eben, ich hab’s ihr tausend Mal, nein, hunderttausend Mal gesagt, mindestens …“ Und da lacht H. bereits wieder: „H. ist H., sagt nur ‚ich‘.“ Ich bin gerührt, sozusagen professionell tief angerührt. Mein Philosophenhirn gerät ins Schwärmen: H. ist H., sie lässt sich davon, dass sie ‚ich‘ sagen kann, nicht unterkriegen. Ich ist ein jeder, aber nur H. ist H.

Mir kommt vor, E. schaut sogar ein bisschen neidisch drein.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.