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Junge Männer und die Kirche

Eine Hotline für Pädophile

von Yvonne Widler / 02.03.2016

Das Telefon läutet. „Hallo, mein Name ist Romeo, ich bin im Internet auf diese Nummer gestoßen. Ich habe ein Problem, aber ich weiß nicht, ob ich bei Ihnen richtig bin.“ So beginnen die meisten Gespräche, die bei der Initiative „Nicht Täter werden“ eingehen.

Eine Woche nach diesem Telefonat sitzt der 25-jährige Romeo gegenüber dem Psychotherapeuten Jonni Brem. Er erzählt ihm von seinen sexuellen Fantasien, seinem Umgang mit Frauen und Männern. Er erzählt, wann er das erste Mal entdeckt hat, dass ihn die Nähe von kleinen Jungen erregt. Er erzählt, wie alt er war, als er diese Erregung das erste Mal empfunden hat und über welchen Zeitraum dieses Gefühl konstant war. Seit einigen Jahren seien es 12-jährige blonde Buben. Denen hat er nachgeschaut, sie haben ihn erregt. Da wusste er, jetzt muss er gehen, wenn die im gleichen Raum waren.

Romeo erzählt von Situationen, die für ihn brenzlig geworden sind. Er erzählt, wie viele solcher Situationen es bereits gab. Nicht zwingend muss Romeo als Pädophiler bezeichnet werden. Es könne sein, dass er in seiner sexuellen Orientierung oder in seiner Identität noch nicht angekommen ist, auch das wäre eine Möglichkeit, erklärt Brem. Es gebe viele Männer, die eine Schlagseite in Richtung Pädophilie haben, aber die durchaus eine Entwicklung auch in einer normalen Beziehung haben können und diesen Teil eher verwirrend erleben würden.

Jonni Brem, Männerberatung Wien

Im ersten Gespräch wird abgeklärt, ob Pädophilie vorliegt oder nicht. Bei Romeo ist dies doch der Fall. Seine Therapie wird viele Jahre dauern. Er ist noch nicht aktiv, vor allem noch nicht straffällig geworden. Und er ist jung. Die Chancen, seine Neigung in den Griff zu bekommen, stehen bei ihm sehr hoch. Romeo selbst – so wie der Rest der Klienten – schätzt die Anonymität, die sie bei der Beratung genießen. Das gibt ihnen den Mut, sich dort zu melden.

Beim fünften Treffen mit Jonni Brem wird Romeo sagen, dass er eigentlich Mario heißt. Er wird sagen, dass er mit niemandem darüber reden kann, weil er weiß, dass diese Neigung verabscheuungswürdig ist und keiner das verstehen könne. Was sollte er seiner Mutter, seiner Oma, seinen Freunden sagen? Er ist einer von den Bösen, das weiß er. Auch wenn er bisher nichts getan hat. „Alleine das Verlangen in sich zu tragen und sich hingezogen zu fühlen, warum soll das strafbar sein? Das ist etwas, was er bewältigen muss. Ein Zwang, ein Wunsch, eine Versuchung, mit der er sich auseinandersetzen muss. Das ist seine Prüfung“, sagt Brem.

Die negativen Seiten der Männlichkeit

Der Psychotherapeut Jonni Brem ist seit 30 Jahren bei der Männerberatung tätig. Die Wiener Zweigstelle war die erste ihrer Art im deutschsprachigen Raum. Sie hatte ursprünglich die Aufgabe, die positiven Seiten der Männlichkeit wieder in Erinnerung zu rufen. Man wollte zeigen, dass Männer mehr können, dass sie mit Vaterlosigkeit zu kämpfen haben und ihre Kinder gerne beim Aufwachsen erleben wollen. „Wir haben dafür gesorgt, dass männliche Kindergärtner angestellt wurden, dass Stewards an die Fluglinien kommen, wir haben ein Stück weit für Gleichberechtigung gesorgt.“

Allerdings wurden Brem und sein Team schnell mit den negativen Seiten der Männlichkeit konfrontiert.

Die Männer, die der Beratung zugewiesen wurden oder von selbst gekommen sind, hatten massive Alkoholprobleme, kamen mit ihren Frauen nicht zurecht, redeten schlecht über ihre Mütter und Kinder. „Mittlerweile haben wir ein kulturell sehr gemischtes Publikum. Je nach Problemlage auch sehr hochschichtige Klienten, die beispielsweise nicht wissen, wie sie nach Trennungen mit den Kindern umgehen sollen.“

Die Klienten kommen von Jugendämtern, Frauenorganisationen, Gerichten und Justizanstalten. Brem und sein Team besuchen auch Inhaftierte und therapieren vor Ort. Finanziert wird die Männerberatung größtenteils vom Bund.

Nicht Täter werden

Angefangen hat alles in Berlin. Das Forschungsprojekt „Kein Täter werden“ wurde 2005 unter der Leitung von Klaus Beier am Klinikum Charité ins Leben gerufen. Damit gab es weltweit erstmals ein Angebot, welches sich speziell an pädophile Menschen richtet, die noch nicht straffällig geworden sind, oder solche, die zwar bereits sexuellen Kindesmissbrauch begangen oder Kinderpornografie konsumiert haben, jedoch nicht justizbekannt sind, sogenannte „Dunkelfeldtäter“.

Aus der bisherigen Arbeit heraus und aus dem Vorbild der Berliner Charité gründete Brem hierzulande im Jahr 2012 die Initiative „Nicht Täter werden“, ein Therapieangebot für Pädophile.

Bevor Brem und sein Team im Jahr 2012 gestartet haben, wurden zwei Jahre lang Vorgespräche mit Berlin geführt. „Wir haben uns das Konzept dort angeschaut, was wir übernehmen und was nicht“, so Brem. „Bei uns wird dieses Programm ausschließlich von privaten Spendern finanziert. Von Wirtschaftstreibenden. Damit haben wir relativ viele Freiheiten und wollten auch keine öffentlichen Gelder dafür verwenden.“

Klienten, die bereits Delikte begangen haben, werden nicht aufgenommen. Es handelt sich um eine Präventivmaßnahme. Es werden Männer therapiert, die in sich spüren, dass sie Täter werden könnten, aber eine Möglichkeit zur Veränderung erkennen. Es kam vor, dass sich bereits Straffällige gemeldet haben, sie wurden allerdings in andere Gruppen integriert.

Keine andere Form von Sexualität

Romeo ist bisher schuldlos geblieben. So wie er haben sich bisher 36 andere junge Männer bei dem Programm „Nicht Täter werden“ gemeldet. Der Anruf fällt nicht leicht. Die ersten persönlichen Treffen müssen sehr zeitnah stattfinden, sonst tauchen die Männer nicht auf. Dann braucht es einen zweiten Versuch. „Aber gekommen sind sie alle“, so Brem. Diese Männer wüssten natürlich, dass Pädophilie nicht richtig ist. Sie spürten aber keine andere Form von Sexualität.

Romeo fühlt sich weder zu Frauen noch zu Männern hingezogen. Es ist diese bestimmte Altersgruppe bei kleinen Jungen, die ihn erregt. Brems Klienten haben vieles gemeinsam: ein hohes soziales Gewissen, keiner lebt in einer Beziehung, maximal in einer Wohngemeinschaft. Niemand in deren Umfeld weiß, was in ihnen vorgeht, sie sind zwischen 17 und 30 Jahre alt; jünger als Sexualstraftäter normalerweise.

Wenn es um Kinderpornografie geht, erzählen sie Brem, wie sie sich davon fernhalten, wo ihre Grenzen liegen – und dass sie sich damit schlecht fühlen, auch wenn sie sich nur Strandfotos ansehen und sich dazu selbst befriedigen. Selbst wenn das keine inkriminierenden Aufnahmen sind.

Wir haben interessanterweise auch Kindergärtner und Lehrer gehabt, die gekommen sind. Die heilfroh erzählt haben, dass in den Schulklassen, in denen sie unterrichten, kein gefährdetes Kind sitzt, weil es das falsche Alter sei, ihr Interesse liege bei weit Jüngeren – oder Älteren.

Gemeinsam mit der katholischen Kirche

Brem und sein Team betreuen im Rahmen von „Nicht Täter werden“ aber noch eine andere Klienten-Gruppe. Die katholische Kirche konnte für eine Kooperation gewonnen werden.

Im Projekt „Red ma drüber“ können sich ehren- und hauptamtliche Mitarbeiter der Kirche, die Schwierigkeiten im Umgang mit Kindern und Jugendlichen erkennen, anonym in der Männerberatung anmelden. Sie sollen sich von Brem im Fall der Fälle therapieren lassen, fünf Gesprächseinheiten zahlt die Kirche. Alles darüber hinaus muss privat finanziert werden.

Informationsflyer „Red ma drüber“

Aufgrund der bekannten Missbrauchs-Vorfälle sei man nun sehr sensibel, so Brem. „Die Kirche muss jetzt besonders gut drauf schauen, dass alles getan wird, um solche Gefahren einzugrenzen.“

Priester, Kirchenchorsänger, Pastoralassistenten – seit 2014 haben sich acht Männer bei „Nicht Täter werden“ gemeldet. Drei davon werden tatsächlich therapiert. Ein Klient ist bereits straffällig geworden, allerdings liegt das so viele Jahre zurück, dass nur noch zivilrechtlich gegen ihn vorgegangen werden könnte.

Ursprung und Heilung

Brem behandelt die Pädophilie (oder HebephilieSexuelle Präferenz für pubertierende Jugendliche ) ähnlich wie eine Zwangsstörung als Gesprächstherapie. „Man kann das sexuelle Interesse nicht verlagern. Man kann versuchen, dass es eine andere Bedeutung bekommt.“ Die gängige Vorstellung sei, dass jeder pädophile Mann ewig pädophil bleiben wird. Brems Vorstellung ist eine therapeutische. Der Klient habe eine Möglichkeit, sich zu entwickeln, wenn er sich selbst dazu eine Chance gibt und wenn er herausfindet, was ihn in diese Richtung treibt, warum er sich von Kindern so angezogen fühlt.

Die Gründe liegen nach Brem entweder in der eigenen Kindheit oder in einer Angst vor Beziehungen mit Gleichaltrigen. Die Pädophilie wäre in diesem Fall also eine Art Flucht.

„Meine Klienten reden meist von recht unverfänglichen Vorkommnissen, wenig von Genitalsexualität, obwohl dieser Wunsch freilich auch da ist. Aber oft geht es auch um Kuscheln, Streicheln und Nähe. Das Problem ist, dass diese Männer nicht merken, ab wann es dem Gegenüber unangenehm wird. Dann belästigen und bedrängen sie.“

Die Klienten, die Zehnjährige begehren, hätten oft in diesem Lebensalter selbst Erlebnisse mit anderen Kindern gehabt, die sie immer wieder hervorholen. Sie möchten diese Erfahrungen nun wieder erleben, weil sie sie damals als sehr erregend empfunden haben. Daher rühre auch Brems Annahme, es handle sich um eine Zwangsstörung. Der Reiz, das Erfahrene immer zu wiederholen, auch wenn es nie als befriedigend erlebt wird. „Dann kommt der Suchtfaktor hinzu.“

Pädophile Frauen?

Wenn Brem von Pädophilen spricht, dann meint er meist Männer. Denn Frauen werden anders erregt. Kinderpornografie spreche sie weniger an, sondern eher das Zusammensein, ein bestimmtes Verhalten, das sie erregend finden. Man finde hier eher ein Nähebedürfnis, das beispielsweise aus einer belasteten Beziehung zu Männern entsteht. Trotzdem müsse man eine Frau, die einen Jungen bis ins Alter von 16 Jahren bei sich im Bett schlafen lässt oder ihn noch im Intimbereich wäscht, genauso als pädophil sehen. Aber es seien deutlich weniger Betroffene unter den Frauen.

Hinzu komme, dass weibliche Pädophile seltener angeklagt werden, und wenn, erhalten sie nur bedingte Strafen.

Raus aus der gefährlichen Situation

Der gesellschaftliche Druck auf Menschen mit pädophilen Neigungen ist sehr groß. „Aber er hilft insofern, als dass sie merken, dass es nicht erwünscht ist. Es gibt einen Konsens, dass so etwas nicht toleriert wird, das ist wichtig.“ Oft würden die Begriffe „pädophil“ und „pädosexuell“ allerdings vermischt. Letztere leben ihre Sexualität tatsächlich aus, sind also Straftäter.

In diesen 30 Jahren hat Jonni Brem viele Pädophile und Pädosexuelle kennengelernt. „Einen 60-Jährigen, der bereits öfter straffällig wurde und inhaftiert war, den werde ich nicht mehr dazu bringen, dass ihm diese jungen Mädchen nicht mehr gefallen, weil sich seit 40 Jahren alles um sie dreht.“

Aber Männer wie Romeo, die seien anders. Sie kommen von selbst, haben ein starkes Redebedürfnis, wollen gar nicht erst straffällig werden, und sie bemühen sich.

Romeos Therapie wird Jahre dauern, vielleicht Jahrzehnte. Romeo hat eigene Taktiken entwickelt, mit denen er aufkommende Erregung verdrängt. Er lernt für unterschiedliche Szenarien, passende Exits zu konstruieren. Für jede mögliche Situation wird eine Lösung angelegt, damit er keine Kinder in Gefahr bringt.

Das Ziel der Therapie ist es nicht, die Pädophilie auszulöschen, das geht nicht. Das Ziel ist, eine Alternative für Romeos Leben zu finden. Dem Verlangen weniger Bedeutung zu geben. Lernen, Situationen auszuweichen.

Es darf sich nicht alles um diese Kinder drehen.