Peter Strasser

Morgengrauen

Eine Kerze des Schweigens

Gastkommentar / von Peter Strasser / 25.04.2016

Verblassende Erinnerung an den 14. November 2015, eine Terrorserie hatte Paris in den Ausnahmezustand versetzt; dann Brüssel. Die Terroristen brüllten, als sie Unschuldige mordeten, „Allah ist groß!“ Bei all der folgenden Wut und Trauer war jener Gott des Schreckens fast vergessen, der, um groß zu sein, eines Blutzolls bedarf. Frankreich ist ein laizistischer Staat, der gottlose Humanist hat sich seit jeher abgewendet.

Hier, bei uns, die wir im tiefsten Frieden leben, kehre ich vom Bäcker mit duftendem Frühstücksgebäck zurück, nach Hause. Der Bettler neben der Tür des Bäckerladens war wieder da (er hat kein Zuhause mehr), die Zeitschrift, die er in den Händen hielt, hieß wie immer Global. Ich denke wie immer ans Nirgendwo – Utopia –, das mich an den „Gott aller Menschen“ erinnert. Gemäß jüdisch-christlicher Lehre ist Gottes Wesen erfüllt von Barmherzigkeit: „Der HERR ist ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig, reich an Huld und Treue“, so steht’s im Zweiten Buch Mose.

Weswegen wir, seine Geschöpfe, uns der Barmherzigkeit befleißigen sollten – selbst denen gegenüber, die unser und ihr eigenes Leben zerstören, während sie brüllen: allahu akbar! Wieder zu Hause werfe ich einen Blick durchs Fenster auf die graue Klosterkirche gegenüber meinem Haus. Sie steht noch. Ob die Karmelitinnen dort drinnen eine Kerze des Schweigens für die Terroristen angezündet haben? Die weltliche Ethik kennt keine Barmherzigkeit, nur Gerechtigkeit und Humanität. Das ist zu wenig.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).