Feng Li/Getty

Klimagipfel

Eine Stadt aus Smog

von Matthias Müller / 02.12.2015

Zurzeit wagen sich die Einwohner von Peking nur mit Atemschutzmaske auf die Straße. Die Heizsaison und das windstille Wetter sorgen dafür, dass die Luft in der chinesischen Hauptstadt den Höchstwert für Feinstaubbelastung um das 25-Fache übertrifft. Auch die indische Metropole Delhi leidet unter einer alarmierend hohen Luftverschmutzung. NZZ-Korrespondent Matthias Müller berichtet aus Peking.

Während die Bevölkerung die widrigen Luftverhältnisse zunehmend mit Humor nimmt, diskutieren über 150 Staats- und Regierungschefs in Paris über Lösungsansätze für ein besseres Klima. Sie wollen sich auf einen Weltklimavertrag einigen, der die Erderwärmung auf weniger als zwei Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter begrenzen soll. Bis Samstag soll ein Textentwurf vorliegen.

Ging Chinas Nordosten zu Beginn der Heizperiode mit schlechtem Beispiel voran, folgt nun Peking: Einen von der Weltgesundheitsorganisation angeregter Höchstwert für Feinstaubbelastung übertrifft die Stadt um das 25-Fache. Derzeit nimmt der Blick aus dem Fenster nach Einbruch der Dunkelheit in Peking fast romantische Züge an. Vermeintliche Nebelschwaden umhüllen die benachbarten Gebäude, und die Menschen auf den Straßen sind aus der Ferne nur schemenhaft zu erkennen. Sobald man jedoch die Wohnung verlässt, merkt man, welcher Illusion man erlegen ist. Die schlechte Luft ist nur schwer zu ertragen, und die Fußgänger sind wegen des Smogs und ihrer Atemschutzmasken kaum wahrzunehmen. Seit Freitag vergangener Woche haben sich die gewohnt miserablen Luftverhältnisse in Chinas Hauptstadt noch weiter verschlechtert. Neben der Heizsaison hat auch das Wetter seinen Anteil am Smog. Nun hoffen die Pekinger, dass es bald wieder windet, damit die schlechte Luft vertrieben wird und den Menschen in anderen Landesteilen das Leben zur Hölle macht. In den sozialen Netzwerken kursieren denn auch bereits die ersten Witze. Als er am Morgen die Vorhänge aufgezogen habe, dachte er zunächst, er sei erblindet, schreibt etwa ein Einwohner.

Reuters

Reuters

Ironischerweise greifen viele Pekinger in diesen Tagen gerne auf die amerikanische Botschaft als Informationsquelle zurück, die im Stundentakt via Internet und App über die Luftqualität informiert. Der PM-2,5-Index schwankt seit Montag zwischen 500 und 600 Mikrogramm je Kubikmeter. Und die staatliche „People’s Daily“ verbreitete am Dienstag eine Foto, auf der in einem Pekinger Stadtteil ein Messgerät mit einem PM-2,5-Wert von 2.242 Mikrogramm je Kubikmeter zu sehen war. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt wegen der vom Feinstaub ausgehenden Gesundheitsgefahren, dass der PM-2,5-Höchstwert im Tagesmittel 25 Mikrogramm je Kubikmeter nicht überschreiten sollte. Von solch hehren Zielen hat sich Peking schon lange verabschiedet.

Mit den widrigen Luftverhältnissen macht man auch mit dem vierfarbigen Warnsystem in Peking Bekanntschaft. Es fängt mit Blau an, geht über Gelb und Orange weiter, bevor mit Rot die höchste Warnstufe erreicht ist. Eigentlich steht die Farbe Rot in China für Glück, weshalb Geldgeschenke gerne in einem roten Umschlag überreicht werden. Da Rot weltweit jedoch als Warnsignal gilt, hat auch in Peking die höchste Warnstufe diese Farbe. Damit das rote Signal aufleuchtet, muss unter anderem der PM-2,5-Index den Wert von 500 Mikrogramm je Kubikmeter 72 Stunden lang überschritten haben.

So weit ist es nach offizieller Lesart in Peking noch nicht. Böse Zungen behaupten jedoch, dass es dafür eine einfache Erklärung gebe. Erscheint auf der Skala die Farbe Rot, müssen Kindergärten und Schulen geschlossen, der Verkehr sowie die Wirtschaft eingeschränkt werden. Daran ist den Behörden jedoch nicht gelegen.

Auch Delhi leidet unter Smog

Nicht nur Peking liegt dieser Tage unter einer Smogdecke. Wie jedes Jahr hat mit dem Einsetzen des Winters die Luftverschmutzung auch in Indiens Hauptstadt alarmierende Ausmaße angenommen. Laut einer Studie der Weltgesundheitsbehörde ist in keiner Großstadt der Welt die Luft so schlecht wie in Delhi. Die Belastung durch Feinstaub beträgt im Jahresmittel fast das Dreifache derjenigen in Peking. Im Winter ist die Situation besonders dramatisch, weil die kühlen Temperaturen die verschmutzte Luft am Aufsteigen hindern.

Bereits seit einigen Wochen werden in Delhi Feinstaubwerte gemessen, die mitunter weit über jenen liegen, die in Peking nun zum Smogalarm führten. Anders als in China sind in Indien aber keine behördlichen Notmaßnahmen vorgesehen, wenn die Luftbelastung gesundheitsgefährdende Ausmaße annimmt. Trotz eindeutig auf die Verschmutzung zurückzuführenden Phänomenen, wie etwa einer verringerten Lungenfunktion bei einem Drittel aller Schulkinder Delhis, ist für das Problem weiterhin kaum ein Bewusstsein vorhanden. Als am vergangenen Sonntagmorgen in Indiens Hauptstadt der Startschuss für den jährlichen Halbmarathon abgegeben wurde, lag die Belastung durch Feinstaub bei einem PM-2,5-Wert von über 400 Mikrogramm je Kubikmeter. Delhis Stadtregierung pries den Breitensportanlass als wichtigen Beitrag zur Volksgesundheit. Chinesische und westliche Gesundheitsbehörden raten jedoch ab einem Wert von 300 Mikrogramm dringend von jeglicher körperlichen Betätigung im Freien ab.