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Gleichberechtigung

Eine Toilette für jede Minderheit ist nicht nötig

Meinung / von Nicole Althaus / 29.05.2016

Seit Wochen tobt in Amerika ein politischer Kampf um den Zugang von Transsexuellen zu öffentlichen Toiletten. Der Weg zur Gleichberechtigung führte schon für Frauen und Farbige durch die Klotür. Das aktuelle Problem kann eine moderne Gesellschaft ganz pragmatisch lösen.

So viel Lärm hat das stille Örtchen in Amerika wohl nicht mehr verursacht, seit 1964 der Civil Rights Act die Rassentrennung beendet hatte. Kein Tag vergeht mehr ohne das Wort Klo in einer Schlagzeile, längst sind die sogenannten „bathroom wars“ zum Wahlkampfthema avanciert: Von Präsident Barack Obama über Hillary Clinton und Bernie Sanders bis zu Ted Cruz und Donald Trump haben sich alle schon zu Wort gemeldet.

Vergangene Woche nun hat der Toilettenkrieg eine neue Eskalationsstufe erreicht: Elf US-Staaten klagten gegen Obamas Direktive, Transsexuellen (die eine operative Geschlechtsumwandlung anstreben) und Transgendern (die mit der Diskrepanz zwischen körperlichem und gefühltem Geschlecht leben) die Benutzung der Toilette ihrer Wahl zu erlauben.

Die Regierung reagierte damit auf ein Gesetz, das North Carolina im März erlassen hatte. Dieses verbietet Transmännern und -frauen, ein Klo zu benutzen, das nicht ihrem Geschlecht auf der Geburtsurkunde entspricht. Seither treibt die Notdurft einer verschwindend kleinen Minderheit die ganze Nation um.

Konservative Kräfte wehren sich gegen „Männer im Mädchenklo“ und warnen davor, dass man Frauen und Mädchen nicht mehr von Übergriffen schützen könne, wenn jeder, der angebe, sich gerade weiblich zu fühlen, die Frauentoilette benutzen dürfe.

Die Liberalen wiederum bezeichnen Gegner und Kritiker als prüde und transphob. Immerhin haben sie die Statistik auf ihrer Seite: In den 18 Bundesstaaten, in denen Transsexuelle längst die Toilette ihrer Wahl benutzen, wurden bis anhin keine Übergriffe gemeldet. Gut belegt ist hingegen die Tatsache, dass Transsexuelle überdurchschnittlich häufig Opfer von Gewalt werden.

Dennoch lässt die Vehemenz, mit der die Debatte geführt wird, nicht nur manchen Amerikaner, sondern auch die Zuschauer jenseits des Atlantiks etwas ratlos zurück. Ist der tägliche Gang zur Toilette wirklich das größte Hindernis im Alltag eines Transsexuellen? Wozu die große Aufregung, wo doch die meisten Menschen rein statistisch gesehen äußerst selten neben einem Transsexuellen werden pinkeln müssen? Und das Problem erst noch ganz pragmatisch und ohne WC für jede Minderheit gelöst werden könnte.

Die Universität Yale hat es gerade vorgemacht und vor Wochenfrist angekündigt, auf dem Campus Unisextoiletten zu schaffen. Andernorts wurde kurzerhand die Toilette für Rollstuhlgänger allen zugänglich gemacht und mit einem Wickeltisch bestückt. Ein Klo-Dilemma nämlich haben auch Väter, die mit Babys oder kleinen Mädchen unterwegs sind. Und sie stellen keine Minderheit dar.

All dies macht deutlich, dass es in den gegenwärtigen „bathroom wars“ weniger um den Schutz von Frauen und Mädchen geht und auch nicht vorrangig um die Lösung eines Alltagsproblems. Es geht vielmehr um die Fortsetzung eines Kulturkampfes, der in Amerika seit Jahren tobt und in dem die Transsexuellen den Platz einnehmen, den Schwule und Lesben innehatten, bis das Oberste Gericht die Homo-Ehe vor einem Jahr für gültig erklärte.

In diesem Kampf aber hat die Toilette Symbolcharakter. Das Klo ist der intimste aller öffentlichen Orte. Fremde kommen sich dort so nahe wie sonst nie. Deshalb zeigt sich die Angst vor dem Unbekannten nirgendwo deutlicher als im WC. Außerdem steht die Toilette als Raum für vitale körperliche Bedürfnisse auch stellvertretend für Schutz und Anerkennung sozialer Bedürfnisse. Seit das erste Klo im öffentlichen Raum installiert wurde, ist es zum Brennpunkt für den Kampf um zivile Rechte geworden.

Vergessen geht etwa gerne, dass die Frauen mit dem Recht auf ein WC den öffentlichen Raum erst erobern konnten. Es gab in Städten und Institutionen nämlich lange keine Damen-WC, womit ihr Bewegungsradius maßiv eingeschränkt war. Als im 19. Jahrhundert immer mehr Amerikanerinnen in Fabriken arbeiteten, markierten die Männer ihr Revier, indem sie „Men only“-Schilder an der Klotür befestigten.

Als erster Staat schrieb Massachusetts 1887 allen Arbeitgebern, die Frauen beschäftigten, die Installation geschlechtergetrennter Toiletten vor. In den Südstaaten verboten die „Jim Crow Laws“ den Afroamerikanern bis 1964, die Toiletten der Weißen zu benutzen. Die „White only“-Schilder an den Türen der öffentlichen Klos wurden übrigens mit denselben Argumenten verteidigt, mit denen man heute Transmenschen den Zutritt verwehrt. Man glaubte, die weißen Frauen und Mädchen vor den übergriffigen Schwarzen schützen zu müssen.

Im Kampf um die Gleichberechtigung von sexuellen Minderheiten dürfte das Klo auch in Europa zum Lackmustest werden. In Berlin löste die erste Unisex-Toilette in einem Staatsgebäude 2013 einen Sturm der Entrüstung aus. Zu diskutieren gaben im Juni 2015 auch die genderneutralen Klos an der Universität von Northampton in England.

In der Schweiz gibt es im öffentlichen Raum viele Unisex-Toiletten. In Zürich teilen sich Mann und Frau fast alle WC in der Stadt. Vielleicht hat das Thema deshalb hierzulande weniger Dringlichkeit. Das öffentliche WC ist eine der letzten Bastionen der traditionellen Geschlechtertrennung. An ihm wird sich weisen, wie pragmatisch eine Gesellschaft mit der modernen Vielfalt biologischer und sozialer Geschlechter umgeht.