TOMAS WÜTHRICH

Einen Tod auf Raten verhindern

von Anna Trechsel / 06.11.2015

Der saudische Blogger Raif Badawi könnte schon bald wieder öffentlich gezüchtigt werden. Seine Frau Ensaf Haidar versucht, die Folter abzuwenden. Ein Bericht von Anna Trechsel, Ressortleiterin International der NZZ am Sonntag.

Manchmal liegen Angst und Hoffnung sehr nahe beieinander im Leben von Ensaf Haidar. Die 35-jährige Saudi-Araberin lebt im kanadischen Exil und führt von dort aus eine Kampagne für die Freilassung ihres Ehemannes, der in einer Gefängniszelle fast 10.000 Kilometer entfernt sitzt, in der saudischen Hafenstadt Jidda. Raif Badawi wurde 2012 zu zehn Jahren Haft und tausend Stockhieben verurteilt. Weil er, so befanden die Richter, mit seinen Blog-Einträgen und Artikeln den Islam beleidigt habe.

Hoffnung brachte diese Woche das Europäische Parlament in Straßburg: Es zeichnete den Gesinnungshäftling Raif Badawi mit dem Sacharow-Preis für geistige Freiheit aus, der höchsten Auszeichnung für Menschenrechte der EU. Parlamentspräsident Martin Schulz forderte in seiner Würdigung den saudischen König Salman dazu auf, er solle Badawi unverzüglich freilassen.

Nur einen Tag zuvor hatte Ensaf Haidar Grund zur Angst: Via Twitter gab sie bekannt, von einer gut unterrichteten Quelle habe sie erfahren, dass Badawi schon bald die nächsten Schläge erhalten werde. Im Januar war er erstmals öffentlich gezüchtigt worden. Die 50 Stockhiebe verletzten ihn so schwer, dass eine Ärztekommission weitere Prügel vorerst unterband.

Haidar setzt alle Hebel in Bewegung, um ihrem Mann und dem Vater ihrer drei Kinder die neuerliche Folter zu ersparen und ihn freizubekommen. Unterstützt von Amnesty International, reiste sie vor kurzem quer durch Europa und machte auch in der Schweiz halt. Ihr Ziel: mit möglichst vielen Regierungen sprechen. Diese sollten nicht Druck auf Saudiarabien ausüben, sondern mit der saudischen Führung das Gespräch suchen, erzählt Haidar bei ihrem Besuch in Bern.

Ensaf Haidar will mit ihrer Kampagne eine möglichst breite Öffentlichkeit erreichen. Aus Saudi-Arabien selber gibt es bisher keine Reaktion, doch Haidar ist sicher, dass sich das islamische Königreich durch die vielen Schlagzeilen zum Fall Badawi empfindlich gestört fühlt. Auch Auszeichnungen wie der Sacharow-Preis sind für die Saudis peinlich. Ihr Mann habe nichts anderes getan, als friedlich seine Meinung zu vertreten, sagt Haidar. „Deshalb habe ich große Hoffnung, dass Raif bald freigelassen wird.“

Badawi gründete 2008 das „Liberale Freie Netzwerk“ und veröffentlichte Texte über Säkularismus und religiöse Toleranz. Warum er dafür so hart bestraft wurde? Darauf hat seine Frau keine Antwort. „Er schrieb immer respektvoll, er griff weder die Religion noch den König an. Und seine Texte wurden sogar in Tageszeitungen veröffentlicht“, erzählt Haidar. „Ich finde diese harsche Reaktion äußerst seltsam.“

Ensaf Haidar, Kampagnenleiterin und Kämpferin für die Meinungsfreiheit: Dieser Lebensweg war keineswegs vorgegeben. Sie wuchs im Süden Saudi-Arabiens in einer traditionellen Familie auf, was bedeutete, dass sie als junge Frau mehr oder weniger im Elternhaus eingeschlossen war. Als sie durch einen Zufall Raif Badawi kennenlernte, lehnte sie sich zum ersten Mal gegen ihre Familie auf. Entgegen der Tradition fügte sie sich nicht in eine arrangierte Ehe, sondern heiratete Badawi.

In einem Buch, das sie mit einer deutschen Journalistin zusammen geschrieben hat, beschreibt Haidar, wie sie und Badawi mehr und mehr die starren islamischen Normen hinterfragten. Und wie sie die Verurteilung ihres Mannes schlagartig in ein neues Leben katapultierte: Sie floh mit ihren Kindern ins kanadische Exil und war fortan auf sich allein gestellt. Allein, betont sie, sei sie aber nicht: Ihre neuen Landsleute unterstützten sie – Ensaf Haidar ist mittlerweile kanadische Staatsbürgerin.

Haidar zeigt sich als intelligente Gesprächspartnerin. Allzu kritische Aussagen über Saudi-Arabien und islamisches Recht lässt sie sich nicht entlocken, weil sie weiß, dass dies ihrem Mann schaden könnte. Die persönliche Note, die sie ihrer Kampagne auch mit der Veröffentlichung des Buches „Freiheit für Raif Badawi, die Liebe meines Lebens“ gibt, erachtet sie als notwendige Strategie: „Das Publikum kennt Raif Badawi als Autor. Nun muss es ihn und auch mich als Menschen kennenlernen.“

Ob die Welle internationaler Würdigung und Solidarität die Regierung Saudi-Arabiens zum Umlenken bringt, ist offen. Bis Raif Badawi freikommt, wird Ensaf Haidars Leben von Angst und Hoffnung bestimmt sein.