Morgengrauen

Eingemischtes Nix-Sein ins Seelen-All

Gastkommentar / von Peter Strasser / 11.08.2016

Manchmal, nachts, geraten die Dinge durcheinander. Dass der sterbliche Mensch plötzlich weg sei „wie nix“, dieses Diktum des Heimito von Doderer erschien mir ebenso als unumstößliche Wahrheit wie jener Rätselspruch aus der Tiefe der Zeiten, wonach dem Weltall Seelisches „eingemischt“ wäre. Daraus folgt laut Thales von Milet, dass alles voll von Göttern sei. Na bitte!

Eines Tages werde ich weg sein „wie nix“, ruck-zuck, ohne eine bleibende Spur im Gedächtnis der Menschheit zu hinterlassen. Aber was wäre daran schlimm, wenn doch alles voll von Göttern ist? Gewiss, mein Körper, der jetzt lebt, wird dann tot sein und im Übrigen bald schon vollständig aufgelöst. Und was, so meine Traumfrage, bliebe dann noch übrig von mir? – außer eben, so meine Traumgewissheit, dass etwas unverbrüchlich bleibt, weil, laut Thales, Seelisches dem Weltall eingemischt ist. Weg sein wie nix hat an sich, so meine Traumfolgerung, dass man erst sein eigenes Nix-Sein sein muss, um des ewigen Gewahr-Seins teilhaftig zu werden. Man geht ein unter die Götter, von denen alles voll ist. Ja, alles ist voll von ihnen, nur nicht diese unsere gottverlassene Welt.

Mit einem Ruck werde ich wach, jetzt regiert die Götterlosigkeit, das ist der Teufel, und alles ist voll von seinen diabolischen Maskeraden! Schweißgebadet springe ich mit dem falschen Fuß aus dem Bett. Und doch, und doch: Etwas hat mich tief berührt in meinem Traum vom eingemischten Nix-Sein ins Seelen-All. Ich wag’s kaum auszusprechen: Göttliches?

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).