Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Eins, drei, neun!

Gastkommentar / von Peter Strasser / 22.06.2016

Seit gestern weiß ich, dass ich – so jedenfalls drückte sich der gutgelaunte Schilddrüsenspezialist aus – die Schilddrüse eines Elefanten habe. Das klang nach Poesie, bis mir dämmerte, dass unsereiner keine so geartete Drüse haben sollte. Ob Operation oder nicht, derlei Vorfälle haben zur Folge, dass mit zunehmendem Alter aus einer Welt, die einst voll geistiger Poesie war, schon beim Aufwachen eine Wüste trostloser Fakten wird. Man überblickt den Tag und denkt: „Elefantenschilddrüse.“

Aber heute kommt es doch wieder einmal anders. Es kommt nicht nur E., meine ältere Enkeltochter, zu Besuch (ihr „kindergartenfreier“ Tag), sondern meine jüngere Enkeltochter H. kommt gleich mit (ihr „vorkindergartenfreier“ Tag). Die Welt der Fakten, in der ich eben noch lustlos herumstocherte, blüht auf.

Denn E. und H. wetteifern, während sie bei der Tür hereinstürmen, darum, wer besser bis zehn zählen kann. E. streckt H. der Reihe nach sieben Finger entgegen und tiriliert: „Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, eine alte Frau kocht Rüben!“ Das lässt sich H. nicht zwei Mal sagen. Sie streckt E. zuerst drei Finger entgegen und dann gleich beide Hände; dazu jauchzt sie, weil ihr das Zählen heute so leicht fällt: „Eins, drei, neun …!“

Das Lachen der beiden zeugt von ihrer Freude, die poetischen Wahrheiten der geistigen Welt zu erobern. Und schon ist mein Morgen gerettet. „Elefantenschilddrüse“: Jetzt kommt mir vor, das könnte der Titel eines exotischen Abenteuerromans sein.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).