Eklat um die Medizin für Sterbende

von Christoph Wehrli / 26.02.2015

Vor 40 Jahren führt die Aussage eines Chefarztes über den Nahrungsentzug bei Patienten, die dem Tod entgegengehen, in Zürich zu einem Strafverfahren, zu einer Diskussion über Grenzen der Medizin und zum politischen Ende einer Stadträtin. NZZ-Redakteur Christoph Wehrli über die Affäre Haemmerli, die 1975 ein Tabuthema in die öffentliche Diskussion brachte. (yw)

 

Die Medizin bietet immer mehr und bessere Heilmittel und Operationsmöglichkeiten, und doch sind manche Spitäler zunehmend mit einer belastenden Aufgabe konfrontiert: mit der Versorgung der chronisch schwerkranken Menschen, die auch infolge der demografischen Alterung besonders in den Städten zahlreicher werden. Der Chefarzt der medizinischen Klinik im Zürcher Stadtspital Triemli, Urs Peter Haemmerli, wendet sich deswegen im Dezember 1974 an seine politische Vorgesetzte. Seine Klinik sei überbelegt, sagt er, es seien neue Lösungen nötig. Übrigens würden unheilbar Kranke, die das Bewusstsein definitiv verloren hätten, nur noch mit „leerem Wasser“ versorgt. Die angesprochene Stadträtin, Regula Pestalozzi, macht sich über diese Bemerkung Gedanken, konsultiert Mediziner und Juristen und kommt zum Schluss, dass der Tatbestand der vorsätzlichen Tötung erfüllt sein könnte. Einen Monat nach jenem Gespräch informiert sie den Ersten Staatsanwalt, und dieser leitet eine Strafuntersuchung ein. Der kämpferische Chefarzt wird vorübergehend suspendiert und völlig überraschend für kurze Zeit verhaftet.

An der Grenze des Rechts

„Betretenes Schweigen“ herrscht gemäß NZZ im Gemeinderat, als unter dem Traktandum „Mitteilungen“ Stadträtin Pestalozzi über die Vorgänge informiert. Das Schweigen dauert nicht lange, auch wenn im Parlament noch eine Woche später nur Fraktionserklärungen abgegeben werden. Weit über Zürich hinaus wird im Januar und Februar 1975 über die Affäre und die dahintersteckenden Fragen diskutiert. Pestalozzi hat den Eindruck geweckt, an einem städtischen Spital könnte es zu aktiver Sterbehilfe gekommen sein – zu „Euthanasie“, wie es ihre Partei, die FDP, formuliert. Ein Behördenmitglied ist gemäß Strafprozessordnung verpflichtet, strafbare Handlungen, die ihm bekannt werden, anzuzeigen. Es steht auch das Vertrauen in die öffentlichen Krankenhäuser und Heime auf dem Spiel. Wäre es aber nicht geboten gewesen, sich zuerst bei Haemmerli genauer nach der Praxis zu erkundigen? Das „marktschreierische Vorgehen“, kritisiert SP-Gemeinderat Moritz Leuenberger, schüre nur Emotionen.

Die Emotionen in der Öffentlichkeit richten sich allerdings zunehmend gegen eine starre juristische Betrachtungsweise. Es zeigt sich ein Unbehagen gegenüber den Mechanismen einer technisierten Spitalmedizin, die einem „natürlichen“ und würdigen Sterben entgegenstehe. Um diese Alternative geht es im konkreten Fall gar nicht unbedingt. Magensonden werden ohnehin gelegt. Haemmerli, der sich während des Verfahrens ausführlich äußert, sagt gegenüber dem Spiegel, es sei nur eine Vermutung, dass der Nahrungsentzug das Leben von Menschen „im Stadium des langsamen Erlöschens“ verkürze. Der Arzt sei aber nicht verpflichtet, etwas Sinnloses zu tun. – Wenn der Beschuldigte von einem bereits eingetretenen „Personentod“ ausgegangen sei, fehle es am Vorsatz zu rechtswidrigem Handeln, befindet die Staatsanwaltschaft nach anderthalbjähriger Untersuchung und stellt das Verfahren ein. Haemmerli hat aber einen Teil der Kosten zu tragen, da er damals im Gespräch mit Pestalozzi „leichtfertig, ja verwerflich“ sein Verhalten im Zusammenhang mit der Überbelegung seiner Klinik erwähnt habe.

Sterbehilfe wird Dauerthema

Damit sind die grundsätzlichen Fragen um das Unterlassen einer „künstlichen Lebensverlängerung“ und alle anderen Arten von Sterbehilfe noch nicht geklärt. Auch die Meinungen der Ärzte divergieren. Doch das Thema ist in der Politik nicht mehr tabu. Eine Nationalratskommission legt im August 1975 einen Bericht vor, im Kanton Zürich wird eine Initiative für einen Vorstoß beim Bund gutgeheißen. Die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften erlässt im November 1976 erstmals Richtlinien zur Sterbehilfe, die nicht zuletzt die Anhörung der Angehörigen verlangen. Auf eine gesetzliche Regelung wird verzichtet. Indessen verbreitet sich ab den 1980er Jahren das Mittel der persönlichen Patientenverfügung.

Für Regula Pestalozzi, die erste Freisinnige in der städtischen Exekutive, ergeben sich bittere Konsequenzen. Sie verliert im Frühling 1975 ihr Kantonsratsmandat und wird 1978 nicht mehr in den Stadtrat gewählt. Paradoxerweise wird sie das politische Opfer eines Arztes, der mit ärztlichem Nichthandeln öffentliche Wirkung entfaltet hat.